Montag, 15. Dezember - Hatte ich nicht gestern erst gesagt...?

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„Wann kommt Mama wieder?“

Ich sah von meinem Müsli auf.

„Hm?“

„Wann Mama wiederkommt...“, wiederholte Nick, der gegenüber von mir am Küchentisch saß, und sah mich niedergeschlagen an.

Ich schluckte und ließ langsam meinen Löffel sinken. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht mehr an Mama gedacht, seit...seit.. ihr wisst schon. Hatte Monika nicht gesagt, dass sie Sonntag wiederkommen würde?

Heute war Montag.

„Eigentlich Sonntag...“, antwortete ich lahm. „Ich rufe sie später an und frage nach, okay?“

Nick nickte nur.

Fuck, mein kaputtes Herz tat jetzt noch mehr weh, nachdem ich seinen Blick gesehen hatte.

Als ich nach draußen zu meinem Auto lief, war ich in Gedanken immer noch so bei Mama, dass ich schon vergessen hatte, dass Dario mich jetzt erst einmal löchern würde. Verdammt! Ich hatte mir noch keine Antworten zurechtgelegt! Was sollte ich antworten, was los war? Wieso er die eine Träne auf meiner Wange gesehen hatte, als Lisa ihn wieder in die Halle reingezerrt hatte?

Ich hatte keine Ahnung. Mein Hirn war wie leergefegt.

Ich setzte mich in mein Auto und zog mein Handy aus meiner Jackentasche. Ich war extra ein paar Minuten früher rausgegangen, damit ich Mama noch anrufen konnte. Ich öffnete die Tastensperre und tippte auf das kleine Telefon-Symbol. Ich suchte Mamas Kontakt heraus und starrte ihn an. Mein Daumen schwebte über ihrer Nummer und ich müsste ihn nur um einen halben Zentimeter senken, um sie anzurufen, aber irgendetwas hielt mich auf.

Die Beifahrertür ging auf und ich zuckte heftig zusammen.

„Guten Morgen!“, keuchte Dario und ließ sich auf den Sitz plumpsen. „Ich habe dich durch das Küchenfenster zum Auto gehen sehen und dachte mir nur, woah Scheiße, ich muss mich beeilen, sonst fährst du ohne mich!“

„Ne ne, ich wäre nicht ohne dich gefahren...“, murmelte ich geistig abwesend, denn ich starrte schon wieder auf mein Handy.

„Was ist los?“, fragte Dario und linste hinunter auf mein Handy.

„Ist sie wieder da?“, fragte er weiter und deutete mit dem Finger auf den ‚Mama’-Kontakt. Ich schüttelte nur leicht den Kopf.

„Jetzt echt?!? Hast du sie schon angerufen? ...  oh, lass mich raten, du bist gerade kurz davor?“, schloss er richtig. Ich antwortete nicht.

„Ruf sie an, Paulina.“

Ich haderte noch ein paar Sekunden, dann senkte ich meinen Finger auf die Nummer. Mein Handy wählte und ich hob langsam die Hand, um es mir gegen das Ohr beziehungsweise gegen die Mütze zu drücken. Ich hoffte, dass sie nicht hingehen würde. Und irgendwie hoffte ich genauso, dass sie hingehen würde.

Als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte und schon auflegen wollte, erklang: „Kriechmann?“

„Hallo Mama“, sagte ich verhalten und ärgerte mich insgeheim darüber, dass sie sich so meldete. Konnte sie nicht sehen, dass ihre Tochter anrief?!

Gleichzeitig schnitt der Name mir natürlich ins Fleisch. Der Nachname, der nicht meiner war.

„Oh, hallo Pauli! Na, so eine Überraschung, dass du anrufst!“, rief sie erfreut und ich biss mir von innen auf die Wangen. Es fühlte sich an, als würde sie einen Dolch genau in mein Herz schieben. Nein: Der Dolch steckte da schon lange. Es fühlte sich so an, als würde sie an ihm rütteln und ihn drehen, sodass es noch mehr schmerzte und blutete.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!