17. gemähter Grashalm

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Ich lag im Gras und ließ die Szene von gerade eben immer wieder in meinem Kopf durch spielen. Ich war doch völlig bescheuert. Einfach nur doof. Ich hätte einfach nur antworten müssen. Hätte ihm einfach irgendetwas sagen sollen.

Stattdessen hatte mich die Panik überrollt und ich war fortgelaufen. Weg von Bennet, dem Menschen, der es von allen auf dieser Welt vermutlich am Besten mit mir meinte. Ich hatte noch niemanden erlebt, der so hartnäckig war, wie Ben. Er glaubte an das was er tat und er glaubte seltsamerweise auch irgendwie an das Gute in mir. Musste er, andernfalls hätte er vermutlich längst aufgegeben und mich einfach für immer vor ihm weg rennen lassen. Er wäre wahrscheinlich sogar froh, mich nicht mehr um sich haben zu müssen. Stattdessen lief er mir immer wieder hinterher, fand mich an den unmöglichsten Orten und schaffte es irgendwie durch seine bloße Anwesenheit, seine beruhigende Präsenz, diese Gedanken in meinem Kopf wenigstens für eine Weile zum Schweigen zu bringen.

Dank ihm hatte ich tatsächlich einige Momente des Friedens erlebt, in denen ich nicht im Gras gelegen hatte. Aber die Frage... Die Frage hatte alles kaputt gemacht. Er konnte nichts dafür aber ich hatte es nicht mehr ausgehalten neben ihm. Ich hatte fortlaufen müssen. Ich hatte gewusst, dass mich früher oder später die Erinnerungen überrollen würden und dass ich dann das Gras brauchen würde.

Nun lag ich also hier und wartete. Die Erinnerungen schossen wie Pfeile durch meinen Kopf. Dockten Mal hier , mal da an einer Synapse an, verschwanden dann jedoch sofort wieder. So richtig festgesetzt hatte sich noch keiner von ihnen. Aber das würden sie noch, das wusste ich aus schmerzhafter Erfahrung. Es war schon ein paar Mal vorgekommen, dass ich in Erleichterung, alles ohne eine Panikattacke überstanden zu haben, gegangen war und dann auf dem Nachhauseweg von der Panik überrollt worden war. Ohne Gras in der Nähe. Völlig hilflos.
Doch dieses Mal würde mir das nicht passieren. Ich würde hier liegen bleiben, und wenn es bis morgen früh war, bis ich die Panikattacke bekommen hatte. Denn sie würde kommen, das war nur eine Frage der Zeit.

Es war mir egal, dass ich keine Schuhe an hatte und im Winter im Gras lag. Es war kalt und mein ganzer Körper zitterte unaufhaltsam, doch ich rührte mich nicht. Die Kälte ließ mich wenigstens wie einen normalen Menschen fühlen. Es war normal, im Winter zu frieren und das war es auch schon fast mit dem Normalsein bei mir.

Ich war nicht normal. Ich war abartig. Und bösartig. Und ich war Schuld. Schuld an allem.

Und dann war da die Musik. Ich hasste Musik. Sie war damals da gewesen. Sie war ein Bote meiner schwarzen Seele.

Nun dockten die Gedanken doch an und ich spürte, wieder mit aller Deutlichkeit das Blut auf meinen Händen. Es wurde immer schwerer und ich verspürte das alles überwältigende Verlangen, es ab zu kratzen, die Schuld irgendwie von meinen Händen zu entfernen.Doch es ging nicht, das wusste ich.

Meine Hände ließen sich nicht bewegen und ich konnte nichts tun. Spürte nur, wie die Schuld mich überrollte. Und die Panik. Ich hatte Angst. Unsäglich große Angst, auch wenn ich nicht genau wusste wovor.

Die Angst schien mich zu erdrücken. Nahm mir die Luft zu atmen und drückte auf meine Lunge, presste die letzten Luftreserven hinaus. Ich keuchte, schnappte nach Luft, doch meine Lungen schienen sich nie mit Sauerstoff zu füllen. Es blieb nur dieses untrügliche Gefühl, gleich zu ersticken.

Mein Kopf drohte zu explodieren. Ihm fehlte der Sauerstoff, das, was ihn antrieb. Der Schmerz bohrte sich tief in meinen Kopf hinein und drückte auf mein ganzes Selbst, so dass ich kaum noch klar denken konnte.

Ich brauchte Gras. Dringend. Doch ich bekam es nicht zu fassen. Es glitt an meinen Fingern vorbei und ließ sich nicht festhalten. Der Frieden ließ sich nicht festhalten.

Ein Abend frisch gemähtes GrasLies diese Geschichte KOSTENLOS!