Samstag, 13. Dezember - Dieser Anblick hatte sich in meine Netzhaut eingebrannt.

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‚Hey, meine Mutter sagt, sie braucht dich bitte heute. Sie fährt um ...’

Den Rest der Nachricht las ich gar nicht, sondern legte seufzend mein Handy weg und vergrub das Gesicht in den Händen.

Natürlich brauchte sie mich, es wäre ja zu viel verlangt, wenn ich einmal einen Tag frei und nichts zu tun hätte.

Frustriert nahm ich mein Handy wieder in die Hand und las den Rest von Darios Nachricht jetzt doch. Dann sah ich auf die Uhr. Bis ich losmusste, hatte ich noch zwei Stunden. Ich kochte Nick und mir etwas zu essen (zur Abwechslung mal etwas Gesundes – weswegen mein kleiner Bruder natürlich das Gesicht verzog) und lernte noch ein wenig Mathe. Ich konnte zwar eigentlich alles, aber es konnte nicht schaden, noch ein paar Sachen zu rechnen und mich zu vergewissern, dass ich nichts übersehen hatte und wirklich alles konnte.

Und um ehrlich zu sein, tat ich eigentlich nur so, als würde ich die Aufgaben rechnen. Ich wusste auch, dass ich alles gerechnet hatte und alles konnte. In Wirklichkeit saß ich da und starrte Löcher in die Luft. Mein Hirn interessierte sich gerade nicht für Mathe. Ich war in Gedanken bei ...naja, wo wohl.

Bei Dario. Und Lisa.

Seit ich gestern bei ihr gewesen war, geisterte immer der eine Gedanke in meinem Kopf herum.

Was, wenn Dario sie verarschen würde? Was, wenn er ihr das Herz brechen würde?

Er hatte gesagt, dass er meinte, dass er jede bekam. – Was, wenn er eigentlich nur oberflächliches Interesse an Lisa hatte und nur mit ihr etwas anfing, weil sie so wunderschön, beliebt und bewundernswert war? Was, wenn er keine Gefühle für sie hatte, sondern einfach nur ein wenig mit ihr spielte? Was, wenn er sie wirklich schnell wieder fallen ließ? Verdammt, das konnte ich nicht zulassen!

Ich hatte ein sehr mulmiges Gefühl im Bauch. Ich wollte meine beste Freundin beschützen. Ich würde nicht zulassen, dass er ihr das Herz brechen und sie verletzen würde. Dann würde ich ihm alle Knochen brechen, das nahm ich mir fest vor.

Umso mehr ich darüber nachdachte, umso unwohler wurde mir bei der Sache. Ich musste Lisa dringend warnen. Ich musste ihr sagen, was Dario zu mir gesagt hatte. Ich würde das niemals zulassen. Das war ich ihr schuldig, das zu sagen. Denn so etwas machte eine Freundschaft aus, dass man füreinander da war in jeder Lebenslage und einem auch die unangenehmen Sachen nicht verheimlichte.

Ich sah auf die Uhr und sprang wie von der Tarantel gestochen entsetzt auf.

Okay, Lisa musste warten, ich musste in zwei Minuten draußen sein, weil Monika und Dario dann fahren würden!

Hektisch suchte ich alle meine Sachen zusammen und polterte die Treppe hinunter. Ich schüttete in Windeseile ein Glas Saft hinunter und stopfte mir einen Lebkuchen in den Mund.

„Nick?“, rief ich. „Nick, ich muss los!“

„Was?“ Er kam die Treppe herunter und sah seiner großen Schwester verwundert hinterher, während sie durch den Gang fegte, sich anzog und so weiter. „Wohin?“

„Ich muss arbeiten. Im Stand“, erklärte ich ihm kurz angebunden.

„Ach so...“, murmelte er.

Ich spürte, dass ihm die Frage auf der Zunge lag, wo Mama war, aber er bekam sie nicht über die Lippen. Mein Herz bekam einen Knacks, während ich meinen kleinen Bruder ansah, der schwer schluckte. Ihm fehlte momentan seine Lebensfreude. Es klang einfach nur mehr als verrückt, aber ich vermisste die Nervensäge, die mich alle drei Minuten auf die Palme gebracht hatte.

Und wieder einmal verfluchte ich Mama für ihren Lebensstil. Dann hätte sie nicht zwei Kinder in die Welt setzen sollen, wenn sie damit nicht klarkam. Ganz einfach.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!