Freitag, 12. Dezember - Wie einfach es war, die anderen zu täuschen.

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„Ich werde so verkacken.“

„Wenn du das noch einmal sagst, kannst du zur Schule laufen.“

„Ist echt so.“

„So ein Quatsch.“

„Doch!“

„Nein.“

„Sicher, ich werde so versagen.“

„...“

„Aber...“

„Sag es noch einmal und ich halte an. Ich meine es ernst.“

Ich warf ihm einen Blick von der Seite zu. Er starrte nach vorne durch die Scheibe auf die Straße.

„Ich habe aber echt keine Ahnung, was da heute drankommen wird.“

Ich stöhnte auf und verdrehte die Augen.

„Hast du die komplette Stunde von gestern Abend, in der wir Englisch gelernt haben, aus deinem Gedächtnis gestrichen?! Ich habe dir alles genau erklärt!“, sagte ich empört und warf ihm einen bösen Blick von der Seite zu.

„Nein, natürlich habe ich das nicht“, entgegnete Dario und ich parkte mein Auto auf dem Schulparkplatz.

„Aber“, fuhr er fort, als wir auf den Eingang der Schule zugingen, „ich weiß trotzdem nicht, wie das bei euch hier so abläuft und wie schwer die Schulaufgabe wird und ob das bayrische Schulsystem so anders ist und ob ich damit klarkomme und ...-“

„Hör auf zu heulen, das wird alles gut gehen“, sagte ich als Verabschiedung und er warf mir ein halbherziges Lächeln zu.

„Hiiiii“, erklang Lisas glockenhelle Stimme und im nächsten Moment raubte mir ihre blondbraune Lockenmähne die Sicht. Sie drückte mich an sich, als wäre alles bestens zwischen uns. Mhm, sicher.

„Wie geht’s dir? Kopfschmerzen wieder weg?“, erkundigte sie sich besorgt und sah mich an.

„Ja, ja, passt alles wieder“, sagte ich gespielt fröhlich und rang mir ein wohl ziemlich echt aussehendes Lächeln ab. (Darin war ich einfach Profi.) Ich würdigte Dario, der direkt hinter uns stand, keines Blickes mehr. Lisa sah dafür umso öfter zu ihm.

„Hast du heute Spätnachmittag Zeit? Wenn ich vom Reiten wieder da bin und du vom Geigenunterricht?“, fragte Lisa mich und ich musste die Überraschung unterdrücken, die sich in mir breitmachte.

Sie fragte mich, ob wir was zusammen unternehmen wollten? Wow, was war mit ihr geschehen? Wer war sie und was hatte sie mit der momentanen Lisa getan? Hatte sie etwa gemerkt, wie sie mich links liegen lassen ließ?

„Klar“, antwortete ich.

„Cool, ich schreibe dir dann!“ Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange und umarmte jetzt quietschend Dario. Ich musste meinen Bauch ignorieren, der rumorte, sodass mir schon fast schlecht wurde. Ich drehte den beiden den Rücken zu und schlurfte langsam los. Pia und Claudi gesellten sich kurz vor dem Klassenzimmer zu mir.

„Geht es dir wieder besser?“, erkundigte sich Claudi und ich nickte nur. Immer schön nicken und lächeln, dann glaubte dir eh jeder alles.

Es war schon traurig, wie einfach es war, die anderen zu täuschen.

Die Klausur war eigentlich echt machbar. Ich war schon ziemlich früh fertig und ließ meinen Blick dann durch den Raum schweifen. Er blieb natürlich an wem hängen? Richtig, an meinem Nachbarn. Er saß schräg vor mir, sodass ich ihn perfekt von der Seite sehen konnte. Lisas Abbild war exakt daneben zu sehen. Ich musste neidlos zugeben, dass die beiden optisch einfach perfekt zusammen passten. Sie die Helle, Kleine und er der Dunkle, Große. Sie bildeten einen perfekten Kontrast, was wunderschön wirkte.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!