35. Last Words

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Es war siebzehn Uhr siebenunddreißig. Noch eine Stunde, dann würde Jay mich abholen. Wir würden den Abend gemeinsam verbringen, es würde wunderschön werden. Ich habe, bis auf dieses eine Kapitel alles fertig.

   Der Zettel neben mir war feucht von meinen Tränen. Wollte ich das wirklich? Wollte ich wirklich alles beenden? Ich warf einen Blick auf meine krakelige Schrift. Mein Held, mein Schatz, mein Jay.

   Viele Meins für jemanden der sich in den nächsten Stunden umbringen wollte. Ich konnte meine Laune nicht definieren, ich wollte immer bei Jay bleiben, aber zu wissen, dass ich heute Nacht alleine sein würde und alles tun und machen konnte, was immer ich mir wünschte, war schön.

   Sogar sehr schön.

   Ziemlich bescheuert, dass das einzige was ich in so einer Nacht machen wollte, Selbstmord begehen war. Was war bei mir falsch gelaufen? Ich hatte niemandem etwas angetan, wieso glaubten alle Lukas? Wieso Lukas und nicht mir?

   Ich sah erneut zu dem Brief. Jay erfülle mir meinen letzten Wunsch.

   Er sollte es nicht tun, meine egoistische und lebende Hülle wollte nicht, dass er es tat. Mein mehr oder weniger lebendiges Ich wollte, dass er mit mir glücklich wird und nicht mit irgendeiner dahergelaufenen Ziege.

   Ich danke Miranda MacVan, ohne dich würde ich nicht sterben wollen.

   Ich danke auch ihren wundervollen Freundinnen, ich hasse euch.

   Ich danke Jennifer, meine „besten Freundin“, du bist die schlimmste beste Freundin auf dieser Welt- Ich danke auch dir dafür.

   Und zum Schluss danke ich Lukas, du mieser, elender Mistkerl. Ohne dich, würde ich niemals sterben wollen. Vielen Dank, du Arsch.

   Ich sollte aufhören so negativ zu denken, es waren nur noch vierzig Minuten bis er mich abholte. Meine Eltern dachten, ich wäre bereits mit Kathrine unterwegs, aber heute Früh hatte ich den Ersatzschlüssel geklaut. Ich hätte auch jetzt sterben können, aber ich brauchte Jay. Ich wollte Jay sehen und mit ihm den letzten schönsten Abend meines Lebens verbringen.

   Und ihm dabei elendig ins Gesicht lügen.

   Aber ich wollte mich dabei nicht schlecht fühlen, es war eine Notlüge. Es musste sein, ich ertrug es keine Sekunde länger, nur noch dieser eine Abend und es wäre vorbei.

   Noch ungefähr vier Stunden und fünfunddreißig Minuten. Nach drei Jahren würde ich auch dies schaffen.

   Um in meinen letzten Stunden etwas Produktives zu schaffen, stand ich von meinem Stuhl auf und verließ mein Zimmer. Ganz leise, als könnte mich jemand hören, schlich ich zur Küche und sah mich um, versuchte mir jede Ecke des Raumes zu merken, jeden Kratzer an Mums Schneidebrett. Ich wollte mir so vieles wie nur möglich merken. Ich räumte die Spülmaschine aus und verstaute das Geschirr in den Schränken, dann verließ ich die Küche und ging zu meinen Eltern ins Schlafzimmer. Dad hatte noch einen alten Walkmen und Kassetten, vielleicht würde ich etwas für einen wundervollen Abgang finden, etwas Gutes. Irgendetwas Altes und schönes. Ich fand das alte Ding und auch mehrere dazu passende Kassetten.

   Blöd nur, dass Dad durch und durch denselben Musikgeschmack wie Jay hatte. Ich wollte nicht mit Jays Musik in den Ohren sterben, ich konnte den Gedanken nicht einmal ertragen, währenddessen an nichts anderes als ihn denken zu können.

   Leise legte ich den Walkman wieder weg und schlich mich aus dem Zimmer. Obwohl ich alleine war, in wenigen Stunden sogar mausetot, fühlte ich mich wie ein Verbrecher. Ich wollte nicht durch die leere Wohnung schleichen, es war mein Zuhause. Ich war hier willkommen. Ich schielte durch die Küchentür zu der Uhr, die an der Wand in der Küche hing. Noch zwanzig Minuten.

   Meine kleine Haus-Tour hatte länger gedauert als gedacht. Ungeduldig und zweifelnd setzte ich mich wieder auf meinen Schreibtischstuhl und sah ein drittes Mal auf den Brief für Jay. Ich musste ihn verstecken, er sollte ihn erst am Ende des Buches lesen. Ob er herumblätterte oder jedes Blatt nacheinander bearbeitete? Ich trommelte mit meinen Fingerspitzen auf dem Tisch herum und ergriff ein weiteres leeres Blatt.

   Das Paket unter meinem Bett ist an Jay. Nur an Jay. Kein anderer außer ihm holt es ab, er weiß was zu tun ist. Ich vertraue ihm.

   Zwei Versionen, die eine würde Jay bekommen, die andere klebte ich mit vier Streifen Klebeband auf den Karton in dem sich mein Werk befand. Dann öffnete ich den Deckel des Kartons und zog alle darin liegende Blätter hinaus. Alle samt handbeschrieben, in einer der Schubladen meines Schreibtisches befand sich noch ein Brief. Ein Brief, den ich kurz nach meinem Selbstmordversuch verfasst hatte.

   Mit zitternden Händen zog ich das etwas vergilbte Papier aus der Schublade und kritzelte, ohne das Geschriebene zu lesen, eine weitere Nachricht an Jay.

   Wenn es brenzlig wird, wird das sicherlich etwas helfen. Mein Brief als ich aufwachte.

   Ich legte den Zettel auf das erste Blatt meiner Geschichte und warf einen Blick zu meinem Wecker auf dem Nachttisch – Noch fünfzehn Minuten. Ich griff nach einem leeren Blatt Papier und schrieb mit Schönschrift eine große 35 auf den Kopf des Blattes. Etwas hastiger versuchte ich die letzte Stunde wieder zu geben, doch meine Finger zitterten zu sehr. Ich wollte kein Ende schreiben, aber, war es wirklich ein Ende? Ich musste nach dem Date noch nach Hause, das Werk beenden oder wollte ich doch einfach sterben? Fünfzehn Minuten waren keine lange Zeit, aber ich schaffte es. Im Grunde könnte ich jetzt sogar schon in der Zukunftsform schreiben, aber es würde seinen Sinn verlieren.

   In zwei Minuten würde Jay an der Tür klingeln, ich würde so tun als seien meine Eltern da und ihn „Kathrin“ nennen. Das wäre dann die erste Lüge an diesem Abend, gefolgt von vielen anderen. Verdammt, ich hatte so Angst davor es zu Ende zu bringen. Wen würde ich wie sehr damit verletzen? Würde überhaupt jemand hinter mir her trauern? Was würde auf meinem Grabstein stehen? Endlich hast du deinen Frieden gefunden? Oder doch so ein typischer „In unseren Herzen bleibst du immer bei uns“-Spruch? Ich wünschte, es wäre das erste.

   Ich war nicht normal, ich wollte gar nicht mehr normal sein. Ein Klingeln an der Tür, fünf Minuten verspätet. Ich räumte die Zettel ein, schob den Brief an Jay ganz nach hinten und verstaute den Karton wieder unter meinem Bett. Beim Verlassen des Zimmers würde ich mich das letzte Mal umdrehen und es mir ansehen.  Die Unordnung auf dem Schreibtisch würde ewig so bleiben. Und die erste Lüge würde ich gleich nach dem öffnen der Tür hinausschreien.

   »Kathrine ist da, ich gehe!« Jay würde nicht wissen, dass ich alleine war.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!