Donnerstag, 11. Dezember - Sorry, dass ich dich so zugelabert habe...

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„Pauli!“

Grrmmhhh.

„Paaauliiii!“

Ich zog mir die Decke über den Kopf und stöhnte.

„Paulinaaaa!!“

Ich lugte unter der Decke hervor und sah auf die Uhr. Fünf Uhr sechsunddreißig.

FÜNF UHR SECHSUNDDREISSIG!?!? What the...?!

Meine Zimmertür ging auf und Mama stand vor mir. Gequält von dem Licht, das vom Gang in mein Zimmer schien, schloss ich stöhnend wieder die Augen.

„Pauli, du musst mich bitte zum Flughafen fahren! Ich muss nach Hamburg.“

Wie bitte? Ich hatte mich wohl verhört?! Von einen auf den nächsten Schlag war ich wach. Ich richtete mich auf und schenkte Mama einen bitterbösen Blick.

„Mama. Es ist Donnerstag. Ich muss in die Schule. Du kannst S-Bahn fahren. S8. Richtung Flughafen. Ich schlafe jetzt weiter.“

Ich ließ mich wieder in meine Kissen plumpsen und schloss abermals die Augen.

„Kommt überhaupt nicht in Frage, Fräulein! Ich muss in zehn Minuten los! Bitte steh auf und fahr mich!“

Wenn sie diesen Ton anschlug, stellten sich meine Nackenhaare auf und meine Nasenflügel blähten sich auf. Dann tat sie so, als wäre sie eine richtige Mutter, die eine Autoritätsperson war. Hah, dass ich nicht lachte.

Dass sie einfach so kurzerhand wegflog, war nichts Neues. Allerdings fragte ich mich jedes Mal aufs Neue, mit welchem Geld sie das tat. Ich verstand es einfach nicht. Aber wenn ich fragte, bekam ich keine Antwort.

Und weil Paulina eben Paulina war, quälte sie sich für ihre Mutter um fünf Uhr siebenunddreißig aus dem Bett. Später würde ich mich über mich selber ärgern, das war klar.

Ich putzte mir schnell die Zähne, zog mich um, setzte eine Mütze auf und schlurfte die Treppe nach unten.

„Komm, wir müssen los, hopp, hopp!“, trieb Mama mich an. Sie stand mit Sack und Pack an der Haustür und wartete auf mich. Ich steckte mir eine Banane als Frühstück in die Anoraktasche und ging zu ihrem Auto. Ich würde sicher nicht mit meinem fahren, denn den Sprit für diese Fahrt durfte sie bezahlen.

Schweigend fuhren wir los. Ich hatte die hellgrauen Handschuhe von Dario an. Ich wusste nicht wieso, aber irgendwie waren sie gerade ein Trost für mich.

Verdammt, Dario! Ich musste ihm schreiben, damit er Bescheid wusste, dass ich ihn nicht mit in die Schule nehmen konnte und er Bus fahren musste! Das konnte ich ja am Flughafen machen, wenn ich dort auf einem Parkplatz stand, schließlich war es noch früh genug.

„Wo fliegst du hin, Hamburg hast du gesagt, oder?“, fragte ich überflüssigerweise. Natürlich hatte sie das gesagt und ich hatte es gehört, aber ich hasste diese Stille. Ich hasste die Stille zwischen Mama und mir, die schon seit Jahren herrschte. Eigentlich schon mein gesamtes Leben. Mama wusste nicht einmal, dass ich Aussichten auf ein Stipendium hatte. Sie wusste nicht einmal, wie gut ich Geige spielte. Wie sehr ich es liebte. Ich hatte die Geige von einem Musiklehrer geschenkt bekommen, dessen Tochter nicht mehr spielen konnte, weil sie bei einem Autounfall einen Arm verloren hatte. Ich kannte das Mädchen aus dem Kindergarten. Eines Nachmittags war ich bei ihnen vorbeigekommen und sie hatte mir unter Tränen erzählt, dass ich die einzige war, der sie ihre Geige geben wollte. Denn sie wollte nicht, dass ihre Geige einstaubte und niemals wieder einen Ton von sich geben würde. Als ich in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause gesessen hatte mit der Geige auf dem Sitz neben mir, hatte ich Rotz und Wasser geheult wegen ihrer Worte. Ich war damals elf Jahre alt und konnte mein Glück nicht fassen. Ich hatte immer nur auf der Geige in der Schule gespielt und jetzt hatte ich endlich meine eigene. Ich hatte dem Mädchen versprochen, dass sie ihre Entscheidung nicht bereuen würde. Und dieses Versprechen wollte ich halten. Bisher schlug ich mich sehr gut.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!