Du bist in der Lage, den seelischen als auch körperlichen Schmerz eines anderen Menschen zu spüren, sobald du ihn berührst. Eines Tages berührst du das neue Mädchen aus deiner Schule und verlierst das Bewusstsein.
Einen Menschen zu berühren war für mich, als würde ich Russisch Roulette spielen. Allerdings mit dem Unterschied, dass dort die Wahrscheinlichkeit höher war, unbeschadet aus der Sache herauzukommen.
Zwar konnte ich durch die Berührung eines anderen Menschen nicht sterben, aber manchmal wünschte ich es mir, wenn mich mal wieder eine Welle des Schmerzes übermannte.
Umso bedachter war ich geworden im Umgang mit meinen Mitmenschen, von denen mehr Schmerzen litten, als es ihr Auftreten vermuten ließ. Sie verbargen ihn gekonnt vor ihrer Umwelt. Vor mir aber konnten sie ihn nicht verbergen. Eine Berührung und ich spürte den selben Schmerz, wie sie selbst.
Wüssten sie über meine Fähigkeit - von der ich selbst kaum etwas wusste - Bescheid, sie würden mich wahrscheinlich freiwillig meiden, um ihr Geheimnis zu wahren.
An manchen Tagen gelang es mir besser, an manchen schlechter unliebsame Berührungen zu vermeiden. Heute sollte einer der weniger guten Tage sein.
Alles begann damit, dass ich zu spät zum Mittagsunterricht kommen würde. Und gerade, weil es längst gegongt hatte, ging ich naiver Weise davon aus, dass die Flure menschenleer sein würden. Das dem nicht so war, registrierte ich erschrocken, als etwas dumpf auf den Boden schlug.
Zu meiner großen Erleichterung war es kein Mensch, sondern nur dessen Tasche. Vorsichtig drehte ich mich zu dem Mädchen um, das ich soeben beinahe umgrannt hatte. Allem Anschein nach hatte sie noch rechtzeitig ausweichen können und dabei ihre Tasche fallen lassen.
„Tut mit leid", kam es mir schuldbewusst über die Lippen, während ich etwas verlegen durch mein blondes Haar mit den Fingern fuhr.
Das Mädchen allerdings reagierte nicht. Sie hatte ihren Blick starr auf die auf dem Boden liegende Tasche gerichtet, als wüsste sie nicht was sie jetzt machen sollte. Also nahm ich ihr diese eigentlich sehr eindeutige Entscheidung ab, hob ihre Tasche vom Boden und reichte sie ihr.
Sie hob den Blick und in dem mit Sommersprossen übersäten Gesicht erschien ein kleines, dankbares Lächeln. Ich war derart überrascht über diese kleine Geste, dass ich nicht bemerkte, wie sie nach ihrer Tasche griff. Ich merkte es erst, als es bereits zu spät war. Ihre Finger berührten die meinen. Haut traf auf Haut. Dann - überwältigt von der Intensität des Schmerzes - Dunkelheit.
Ein leises, melodisches Summen drang an mein Ohr, noch bevor ich die Augen geöffnet hatte, um mich zu vergewissern was passiert war. Während ich weiterhin dem Summen lauschte, kehrten vereinzelt Erinnerungsfetzen zurück.
Ich war viel zu spät für Mrs. Hannings Unterricht gewesen. In der Eile hätte ich beinahe dieses Mädchen überrannt und dann - dann hatte sie mich berührt. Mit einem Mal war die Erinnerung an den Schmerz zurück, den ich bei ihr gefühlt hatte. Ich keuchte auf und saß innerhalb einer Sekunde aufrecht in dem mir fremden Bett, um anschließend mit den Hände über mein linkes Bein zu streichen. Alles war gut. Mir ging es gut. Es war nicht mein Schmerz gewesen, aber es hatte sich angefühlt, als wäre er es.
Ich hatte bereits vieles gefühlt. Ich kannte den Schmerz gebrochener Knochen, Herzen und sogar Menschen. In den meisten Fällen war er nicht sehr ausgesprägt und selten zwang er mich in die Knie, aber noch nie hatte ich durch ihn das Bewusstsein verloren.
Es war aber nicht nur das Bein, dessen pulsierender Schmerz sich in mein Gedächtnis gebrannt hatte, nein, es war die imaginäre Hand, die sich um meinen Hals gelegt hatte und mir jegliche Möglichkeit nahm, ausreichend Sauerstoff in meine Lungen zu befördern. Mein Herz raste, mein Atem war laut und unregelmäßig. Dieses Mädchen litt nicht nur physisch, sondern trug auch einen tiefsitzenden seelischen Schmerz in sich. Wie nur hatte sie mich anlächeln können, obwohl sie offensichtlich innerlich gebrochen war.
„Wie hätst du das nur aus?" , kam es mir unüberlegt über die Lippen. Meine Stimme zitterte; so stark war die Erinnerung an den Schmerz. Ich sah zu dem mir fremden Mädchen, fassungslos und nicht wissend, was ich denken sollte.
Sie jedoch legte nur den Kopf leicht schief und sah mich aus ihren großen braunen Augen an, als wisse sie nicht was ich meinte. Das lag wohl daran, weil sie es tatsächlich nicht tat. Sie konnte immerhin nicht wissen, dass ich einen Blick in ihr Inneres geworfen hatte.
„Du hast mich ziemlich erschreckt, als du im Flur einfach zusammengeklappt bist", gestand sie und ein warmes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Wie fühlst du dich?"
Ich war es gewohnt, dass die Menschen gute Miene zum bösen Spiel machten. Dieses Mädchen tat dies jedoch mit einer Leichtigkeit, die ich nicht begreifen konnte.
„Gut", beantwortete ich ihre Frage, das Bedürfnis unterdrückend, ihr die gleiche Frage zu stellen. „Wie lang war ich denn bewusstlos?"
„20 Minuten, nicht länger", war die Antwort, die mich laut aufseufzen ließ. Das schien mein Gegenüber zu besorgen, denn sie fragte ein weiteres Mal, ob alles in Ordnung war.
Ich konnte nicht anders, als sie anzusehen. Egal, wie sehr ich mir den Kopf zerbrach, dieses Mädchen war mir ein Rätsel.
„Ich bin übrigens Sam." Ein Lächeln begleitete meine Vorstellung, meine Hände ließ ich bei mir. Noch einmal wollte ich diesen Schmerz nicht ertragen, geschweige ohnmächtig wegen ihm werden.
„Claire", erwiderte sie, mein Lächeln erwidernd. Zu meiner großen Erleichterung behielt auch sie ihre Hände bei sich.
Wenige Tage nach Claires und meinem Aufeinandertreffen, kam mir zu Ohren was es mit dem Mädchen mit der perfekten Maske auf sich hatte. Sie war noch keine Woche auf unserer Schule, aber ihre Geschichte hatte sich durch die Schulflure wie ein Lauffeuer verbreitet.
Sie hatte ihre gesamte Familie bei einem Hausbrand verloren. Dass sie lebte, verdankte sie allein der Tatsache, aus dem dritten Stockwerk gesprungen zu sein. Vor etwa zwei Wochen war sie schließlich zu ihrem Onkel gezogen, dem Bürgermeister unserer Stadt.
Ich wusste nicht, wie viel dieser Erzählungen über sie der Wahrheit entsprachen. Sicher jedoch war, dass ich nicht bereit war, mich dem Verhalten meiner Mitschüler anzuschließen.
Sie mieden Claire. Vor unserem Treffen war mir das nicht aufgefallen. Sie war lediglich eine von vielen. Das hatte sich nach unserem Aufeinandertreffen geändert.
Am Ende der Woche stand ich neben Claires Spind und wartete auf sie. Ich erkannte sie bereits von weitem. Sie hatte ihre Schultasche auf ihre rechte Schulter geschultert. Höchstwahrscheinlich, um ihre linke Seite nicht zusätzlich zu belasten.
Hätte ich nicht gewusst unter welchen Schmerzen sie litt, ich hätte das kaum sichtbare Hinken ihres linken Beines gar nicht wahrgenommen. So jedoch blieb es für mich nicht unsichtbar.
„Hey", brachte Claire heraus, als sie mich entdeckte. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, das ich sofort erwiderte.
„Hey", sagte auch ich. „Hast du am Wochenende schon etwas vor?"
Sie schüttelte den Kopf und ich glaubte tatsächlich so etwas wie Überraschung in ihrem Blick zu sehen.
„Gut. Ich dachte mir nämlich, wir beide könnten etwas zusammen unternehmen."
„Sehr gerne." Das erste Mal sah ich eine aufrichtige Emotion in ihrem Gesicht. Freude.
Ich konnte diesem Mädchen nicht die Schmerzen nehmen, aber ich konnte sie kennenlernen und vielleicht sogar Freundschaft mit ihr schließen.
Ein kleiner Lichtblick in dem dunklen Meer voller Schmerz und Trauer. Aber es war ein Lichtblick. Und allein das zählte.
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Schreibinspiration - Kurzgeschichten
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