Dienstag, 9. Dezember - Morgen Abend um sieben. Bei mir.

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„Pauli?“

Wieso ging eigentlich jeder Morgen so los?

„Was?“, rief ich, während ich mich abmühte und meine Haare zu einem unordentlichen Dutt auf meinem Kopf zusammenband. Das sah echt ziemlich beschissen aus, aber ich hatte keine Zeit mehr. Ich hatte gestern zu lange Geige geübt und hatte deswegen viiiiel zu wenig Schlaf bekommen und deswegen eine Viertelstunde verpennt – hörte sich nicht viel an, aber für mich war es ein Weltuntergang. Mir hatten die Finger so sehr geschmerzt, nachdem ich die Geige weggepackt hatte, dass ich nicht einmal mehr richtig die Zahnbürste hatte halten können, als ich dann endlich ins Bett gegangen bin. Aber das störte mich nicht. Meine Geige war immer für mich da, wenn ich sie brauchte. Da war sie die Einzige weit und breit.

„Heute um vier wieder, okay?“, erklang Mamas Stimme irgendwo aus dem Erdgeschoss.

Mit einem Seufzer zog ich das Haargummi wieder hinaus. Ich würde einfach einen Mützentag einlegen und fertig.

„Mama, ich hab bis fünf Schule“, erklärte ich ihr, während ich die Treppe nach unten ging. „Ich kann nicht arbeiten. Okay? Ich muss jetzt los.“

Ich ging an ihr vorbei, griff nach meiner Tasche und zog mit einem Ruck die Küchentür hinter mir zu. Ich atmete einmal tief durch und schlüpfte in meine Boots. Wieso war ich eigentlich immer die Blöde?

„Aber Pauli, ich-“

„Tschüss, Mama!“, sagte ich nachdrücklich und zog jetzt die Haustür hinter mir zu. Ich zog mir im Gehen den zweiten schwarzen Handschuh an und stülpte mir eine weiße Mütze über den Kopf.

„Morgen“, murmelte Dario, der schon an meinem Auto auf mich wartete. Er sah nicht sonderlich ausgeschlafen aus. Da waren wir ja schon einmal zwei, dachte ich sarkastisch.

„Hey“, antwortete ich nur und stieg in mein Auto. Ich liebte das Wetter dafür, dass es momentan nicht schneite und ich nicht kratzen musste.

Während die Heizung lief und wir warteten, dass ich etwas durch die beschlagene Scheibe sehen und losfahren konnte, schwiegen wir. Es fühlte sich ein wenig unangenehm an, wie wir hier saßen und uns anscheinend nichts zu sagen hatten. Ich hatte genug zu sagen, so war es nicht, aber das würde mir natürlich niemals über die Lippen kommen. Da würde ich eher aus dem zehnten Stock aus dem Fenster springen, als den Mund aufzukriegen.

Ich schielte seitlich zu Dario rüber und sah, dass er auf seine Knie starrte. Mein Herz machte einen schmerzhaften Hüpfer und ich hatte wirklich Mitleid mit ihm nach meinen gestrigen Offenbarungen.

Aber jetzt mal im Ernst, in welchem Universum lebte er? Natürlich würden wir Klausuren schreiben und in einem halben Jahr das Abi?! Er musste lernen, jeder musste lernen! Also irgendwie hatte ich da nicht allzu viel Verständnis für dieses Verhalten.

Ich legte den ersten Gang ein und rollte langsam vom Parkplatz.

„Macht es dir eigentlich etwas aus, auf dem Christkindlmarkt zu arbeiten?“, fragte ich ihn nach ein paar Minuten, weil ich die Stille nicht mehr aushielt und ihn außerdem auf andere Gedanken bringen wollte.

Er wirkte überrascht, dass ich ein Gespräch anfing.

Wenn ich ehrlich war, würde ich am liebsten nur noch mit ihm reden und nichts anderes tun. Himmel, ich musste aufpassen, dass ich mich nicht bis über beide Ohren in diesen Idioten verliebte.

„Nein, gar nicht“, antwortete er und ein Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln.

„Wirklich nicht?“, hakte ich scheinheilig nach. Ich wollte mehr aus ihm herauskitzeln.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!