Sonntag, 7. Dezember - Probleme, Hürden und Tücken des Lebens.

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„Pau, mach schneller, ich muss echt dringend aufs Klo!!“

Genervt verließ ich das Bad und sah meinen kleinen Bruder böse an.

„Du kannst genauso gut unten auf die Toilette gehen?!“, sagte ich und er zischte an mir vorbei ins Bad.

„So weit reicht es nicht mehr!“, hörte ich nur noch durch die geschlossene Tür und ich verdrehte die Augen. Ich schlurfte zurück in mein Zimmer und legte mich auf mein Bett. Mir blieb noch eine Stunde Zeit, bis wir zum Christkindlmarkt mussten. Ich nutzte die Zeit und lernte noch ein wenig für die Englischklausur, die am Freitag anstand. Dann rollte ich mich vom Bett und lief die Holztreppe nach unten.

„Mama? Wir müssen los!“

Keine Antwort.

Stöhnend ging ich ins Wohnzimmer.

„Mama?“

Sie lag dort auf der Couch und schlief. Ich legte den Kopf schief und betrachtete sie. Was machte sie immer, wenn sie nicht zu Hause war? Ich wusste es nicht, und ich war mir auch nicht sicher, ob ich es wirklich wissen wollte.

Ich schüttelte sie leicht.

„Mama, wir müssen jetzt los“, wiederholte ich und sie öffnete die Augen. Nach zwanzig Sekunden hatte ich sie endlich so weit, dass sie aufstand. Eine halbe Minute später war sie hellwach und wuselte durch die Gegend. Sie hatte natürlich alles im ganzen Haus verteilt und noch nichts zusammengepackt, was wir jetzt mitnehmen mussten an neuen Dingen zum Verkaufen.

„Nicki, hast du die Lavendel-Kerzen gesehen?“, ertönte jetzt aus dem Keller.

„Nö“, rief mein kleiner Bruder zurück, der in der Küche saß und eine Tafel Schokolade in sich hineinfutterte, „ich habe nur die Himbeer-Kerzen in den Keller gebracht!“

„Was für ein Chaos...“, murmelte ich und goss den Kinderpunsch in die Thermoskanne.

Es klingelte an der Tür.

„Das ist Dario, ich mache ihm mal auf“, rief ich und lief in den Flur. Mein Herz und meinen Magen versuchte ich dabei zu ignorieren.

Ich öffnete die Tür – und sah ein wenig verdattert aus, als ich in das Gesicht von Frau Berg blickte und nicht in Darios.

„Hallo Paulinchen!“, begrüßte sie mich vergnügt.

„Ähm, hallo“, sagte ich und meine Stimme klang ein wenig hohl.

Frau Berg drückte sich an mir vorbei und sagte währenddessen: „Dario kann heute nicht kommen, er ist anscheinend anderweitig beschäftigt. Aber ich wollte eh schon immer einmal auf einem Christkindlmarkt arbeiten und Anita meinte, ich könnte jeder Zeit für Dario einspringen!“

Ah, schön, wenn Mama das gesagt hatte.

Ich schlüpfte wortlos in meine Ugg-Boots (heute würde sie wohl niemand für hässlich erklären) und trug schon mal die erste Kiste zu meinem Auto.

Das würde wohl ein ziemlich anstrengender Tag werden.

Wir fuhren zum Christkindlmarkt und ich hätte das Auto am liebsten vor einen Baum gesetzt. Mama und Frau Berg (die übrigens Monika hieß) schwatzten die ganze Zeit wie zwei alte Waschweiber, die sich schon seit fünfzig Jahren kannten – und nicht erst seit drei Monaten. Wenn das heute so den ganzen Tag gehen würde, würde ich mir irgendwann den goldenen Schuss geben müssen. Auffallen würde es wahrscheinlich eh niemandem, wenn ich nicht mehr auf der Erde weilte.

Ich starrte vor mich auf die Straße und versuchte, eine nicht allzu finstere Miene aufzusetzen (was natürlich absolut unmöglich war). Ich nahm es Dario wirklich übel, dass er nicht hier war. Ich war richtig sauer auf ihn, konnte man schon sagen. Als wäre es nicht so wichtig, zu helfen. Als wäre es nicht so wichtig, dass Mama sich auf ihn verlassen wollte. Dass ICH mich auf ihn verlassen wollte, was den Christkindlmarkt anging.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!