Samstag, 6. Dezember - Die Erkenntnis trifft mich wie ein Keulenschlag.

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Ich wollte nicht. Ich wollte einfach nicht.

Seufzend drehte ich mich auf die Seite und starrte an die Wand. Ich lag immer noch in meinem Bett und ich versuchte krampfhaft, nicht an die schwarzen Augen meines Nachbarn zu denken – was natürlich absolut nicht funktionierte. Er schlich sich ständig in meine Gedanken, da konnte ich machen, was ich wollte. Ich hatte sogar von ihm geträumt, allerdings konnte ich mich nicht mehr erinnern, was vielleicht auch besser so war. Ich wusste nur noch, dass er vorgekommen war.

„Pau, ich will dich ja nicht stören“, Nick hatte seinen Kopf durch den Türspalt zu mir ins Zimmer reingesteckt, „aber du solltest wirklich deinen Hintern aus deinem Bett bewegen, sonst schaffst du es nicht pünktlich und Mama macht dich einen Kopf kürzer.“

Wieso war er manchmal so unglaublich vernünftig, aber in der Schule grundsätzlich immer ein Rebell?

Ohne eine Antwort zu geben, rollte ich mich grummelnd und in Zeitlupe aus meinem Bett.

Ich musste zugeben, ich hatte Herzklopfen, wenn ich daran dachte, was mir heute bevorstand. Ich war es nicht gewöhnt, mit so jemandem wie Dario konfrontiert zu werden. So jemand, der sagte, was er dachte, der einfach tat, was er wollte, und der ... der so selbstbewusst war, dass es bis zum Himmel stank. Ja, Lisa war schon auch so, aber Lisa war ein Mädchen. Dario ...nicht. Offensichtlich.

Seine Direktheit machte mich nervös. Ich konnte ich nicht einschätzen und damit kam ich nicht sonderlich gut klar. Und es machte ihn in meinen Augen unsympathisch. Und gleichzeitig gefährlich. Und zu einem Arschloch.

Himmel nochmal, ich hatte keine Ahnung, wo mir der Kopf stand!

Punkt 13.40 Uhr stand ich an unserem Gartentürchen, die Hände in den Taschen vergraben (natürlich immer noch ohne Handschuhe), aber Dario war nicht da.

Ich war mir nicht sicher. Sollte ich einfach gehen und er konnte gucken, wo er blieb? Oder sollte ich bei Bergs klingeln und auf ihn warten?

Für eine halbe Minute kämpfte ich mit mir selber, aber letztendlich gewann natürlich die Vernunft, wie immer bei mir. Ich stapfte also zur Haustür unserer Nachbarn und klingelte.

„Hallo Paulina!“, begrüßte mich Frau Berg, nachdem sie die Tür schwungvoll geöffnet und mich damit erschreckt hatte. „Dario ist gleich so weit, einen Moment noch.“

Sie textete mich noch zwei weitere Minuten zu, die ich lächelnd einfach nur zuhörte, bis endlich ihr Sohn hinter ihr erschien. Mein Herzschlag verschnellerte sich abermals ein wenig.

„Ach, es ist so schön, so nette Nachbarn zu haben! Du bist wirklich ein reizendes Mädchen, Paulina“, sagte Frau Berg gerade und strahlte mich an. Ja, ich wusste, dass Eltern mich grundsätzlich immer mochten. Wieso auch immer. Ich sagte ja nicht mal viel, daran konnte es nicht liegen. Naja.

Dario drückte sich an mir vorbei und begrüßte mich mit einem einfachen „Hey“.

Wow, nicht gleich so freundlich.

„Tschüss, Frau Berg, schönes Wochenende Ihnen!“, verabschiedete ich mich lächelnd und folgte Dario den Weg entlang. Ich versuchte, ihn nicht von hinten zu beobachten,  und es gelang mir erstaunlich gut.

Mist, ich fror schon wieder so sehr und meine Hände waren sogar in meinen Jackentaschen zu Eiszapfen erstarrt. Ich musste mir heute dringend Handschuhe kaufen!

„Du hast schon wieder die hässlichen Schuhe an“, bemerkte Dario von der Seite und schielte nach unten auf meine Ugg-Boots, als er mir das Gartentor aufhielt und mich vorbeiließ.

„Na und?!“, giftete ich. So schnell brachte dieser Kerl mich auf die Palme. „Was geht es dich denn an, was ich für Schuhe trage?! Vielleicht sind sie warm und teuer und bequem und ich lege einfach keinen so großen Wert auf Klamotten und sowas?!“

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!