Shannon

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"Dann bleiben wir morgen noch hier?", fragt Gabrielle hoffnungsvoll, nachdem ihr Carol das eigenartige Treffen geschildert hat.
"So wie es aussieht, ja", Carol hat sich neben Gabrielle auf die Luftmatratze gewuchtet und die Decke bis über die Ohren gezogen. Das Mädchen legt das Tablet beiseite. Es ist ungewohnt, sich das Bett mit einer Fremden zu teilen, auch wenn Carol das nicht zu stören scheint.
"Mir gefällt die Sache nicht", sagt sie plötzlich, "Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl."
Carol grunzt. "Na, mir geht es auch nicht besser. Teufel, ist das gruselig gewesen an der Stadtmauer."
Gabrielle stiehlt sich ein Grinsen auf das Gesicht. Es gibt wohl keine Situation, in der Carol aufhören würde, zu fluchen.
"Shannon hat mich gefragt, ob ich sie morgen begleiten würde. Ich hoffe, das ist okay für dich."
Carol zuckt unter der Decke mit den Schultern. "Wieso sollte ich was dagegen haben?"
Gabrielle verkneift sich eine Erklärung, dass sie ja nicht ahnen könnte, dass Carol ihre Ware erst morgen erhalten wird, was auch immer das sein mag.
Rasch tippt die Studentin eine Nachricht an ihre Professorin.
Das Licht des Tablets ist vollkommen erloschen, Dunkelheit legt sich über den Raum. Es riecht nach Staub, Metall und Schmieröl, nicht penetrant, nur so, dass es einem im Dunklen auffällt.
"Machst du öfters solche kranken Sachen?", fragt Gabrielle wie aus dem Nichts. Carol lacht leise auf. "Was immer nötig ist", murmelt sie schläfrig.
"Ich dachte, du liebst deine Freiheit. Wieso setzt du sie dermaßen aufs Spiel?", bohrt die Studentin weiter nach. Plötzlich wirkt Carols Stimme um einiges munterer. "Hey, ich mach nichts Illegales!", hält sie zu ihrer Verteidigung fest.
Gabrielle widerstrebt diese Sorglosigkeit. "Aber trotzdem", beharrt sie, "Wäre es legal, hätte der Typ doch eine Schraube locker. Das ist doch nicht normal."
"Na, vielleicht ist es ja super", erwidert Carol diskussionsfaul und dreht sich wieder zu Seite.
"Hä?", Gabrielle kann diese Aussage nicht einordnen.
Carol grunzt. "Normalbenzin Superbenzin?"
Immer noch kann die Raumschiffkapitänin die Verwirrung Gabrielles durch die Dunkelheit spüren. "Ach nichts", winkt sie ab. Sie hat wieder einmal vergessen, wie wenige Menschen doch ihre Begeisterung für das 20. Jahrhundert teilen.
Gabrielle grübelt noch eine Weile über diese Aussage nach. Sie findet keine Assoziation dazu, so sehr sie sich auch bemüht. Schließlich gibt sie es auf. Von der Seite hörte sie gleichmäßige Atemzüge, und um das Shuttle streift der ewige Wind Edoms. Es ist eine merkwürdige Situation. Noch weiß Gabrielle nicht, ob sie mit Carol einen großen Fehler oder einen großen Glücksgriff gemacht hat, aber was soll sie da jetzt auch darüber nachdenken. Immerhin hat sie ihre alte Professorin wieder getroffen. Und irgendwo schwebt da noch ein Gedanke, der sie beunruhigt, doch er verschwimmt, lässt sich nicht fassen, und verläuft sich im tiefen Schlaf der jungen Frau.

"Nimm ihn doch!", ruft Shannon ihr von oben zu. Gabrielles Puls steigt. Der Stein wirkt zu groß, sie kann ihn nicht fassen. Ihre Hände fühlen sich wie taub an, sie kann nicht... Ihre Augen verfolgen hilflos, wie ihr der Stein entgleitet und auf den Boden fällt. Ein Schmerzensaufschrei. Unter dem Stein liegt der Fuß ihrer Professorin. Erschrocken springt Gabrielle zur Seite. Wie peinlich! Shannons Arme packen den Stein und wuchten ihn auf den Wagen. Diese dünnen Arme werfen einen Stein, der für die junge Frau unfassbar gewesen ist. Schamesröte färbt ihre Wangen. Shannon spricht nicht. Auch nicht auf der Fahrt zurück. Die roten Berge und Hügel ziehen vorüber. Ein traurig wirkender Dornenbusch taucht in der Nähe auf.
"Siehst du das Gehölz dort?", Shannon zeigt auf den Busch.
Gabrielle schluckt. "Ja", antwortet sie mühsam.
"Ich hatte solche Hoffnungen in dich."
Shannons Worte tun weh.

Die Ferne | Substantiv, femininWo Geschichten leben. Entdecke jetzt