Am nächsten Morgen stand ich mit so schlechter Laune auf, dass ich am liebsten wieder rückwärts in mein Bett gefallen wäre und mir die Decke über den Kopf gezogen hätte. Ich konnte nicht einmal sagen, was genau mir schlechte Laune bereitete, aber sie wollte einfach nicht verschwinden.

Mama war diese Nacht nicht zu Hause gewesen, deswegen blieb es an mir hängen, Nick aus dem Bett zu schmeißen und sein Essen für die Pause herzurichten. Natürlich hatte ich das zeitlich nicht eingeplant, weswegen ich mir einen abhetzte, damit ich pünktlich zur Schule kam. Endlich sprintete ich zu meinem Auto, um schnell loszudüsen.

Wo Dario schon auf mich wartete und lässig an der Beifahrertür lehnte.

„Na, bisschen gestresst, Tiger?“, begrüßte er mich grinsend. Ich musste mich zusammenreißen, dass ich ihm keinen Schneeball ins Gesicht schlug. Nein, nicht warf, sondern schlug. Wenn schon denn schon. Er regte mich so sehr auf.

Mein werter Herr Nachbar trug nicht dazu bei, dass meine Stimmung sich besserte. Im Gegenteil.

Ich verdrehte nur die Augen, schubste ihn beiseite und holte den Scheibenkratzer aus meinem Auto. Dabei riss ich mir meinen Strickhandschuh am gesamten Zeigefinger auf. Super, das hatte ich ja mal wieder gut hingekriegt! Fluchend fing ich an, über meine Scheibe zu kratzen. Dario setzte sich in der Zwischenzeit schon mal hinein. Am liebsten hätte ich ihn an den Ohren wieder hinausgezogen. Wieso konnte er eigentlich nicht das Kratzen übernehmen?! Das war so unhöflich!

Als ich endlich losfahren konnte, war ich so geladen, dass jedes kleine Wort vom Beifahrersitz eine Explosion ausgelöst hätte. Gott sei Dank hielt er aber die Klappe.

Ich war aber zu neugierig, weswegen ich nicht still sein konnte und die Frage einfach stellen musste.

„Sag mal...“, fing ich an und sofort schnellte sein Kopf in meine Richtung, „wieso bist du eigentlich vom Internat geflogen?“

Die Antwort ging mich nichts an, das wusste ich auch, genauso wenig wie ihn das mit meinem Vater etwas anging, aber die Frage brannte mir einfach auf der Zunge. Bei jeder anderen Person hätte ich es unangebracht und unhöflich gefunden, sie danach zu fragen – aber nicht bei Dario, der Unhöflichkeit auf zwei Beinen.

Vielleicht bekam ich ja die Antwort.

„Das willst du besser nicht wissen“, kam allerdings als Antwort vom Beifahrersitz und ich beäugte ihn skeptisch von der Seite. Er sah mich ausdruckslos an. Ich konnte nicht erahnen, was er dachte oder was er fühlte, wenn er an seinen Rauswurf zurückdachte.

„Wieso nicht?“, hakte ich nach. Jetzt wurde ich erst recht neugierig, denn mit der Antwort hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet.

Er runzelte die Stirn, verdrehte die Augen und sagte dann: „Weil du sonst schlecht von mir denken würdest.“

Ich schnaubte verächtlich. Im nächsten Moment biss ich mir von innen auf die Unterlippe. Mist, das hatte ich so deutlich nicht machen wollen.

Dario erwiderte nichts mehr, er hatte wohl ziemlich genau kapiert, was ich mit meinem nonverbalen Laut gemeint hatte.

Wir stiegen schweigend aus dem Auto und stapften zum Hauptgebäude. Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, ging ich die Treppe nach oben und ins Oberstufenzimmer zu Tim und den anderen. Lisa wollte ich gerade meiden, denn ich konnte mir vorstellen, dass mein schwarzhaariger, nerviger Mitfahrer bei ihr rumhängen würde, und auf den hatte ich echt keinen Bock. Er war eh kein guter Umgang für mich. Flog vom Internat, und dann auch noch wegen etwas, was er mir nicht sagen wollte, weil ich sonst schlecht von ihm denken würde. Na super, das klang ja vielversprechend. Ich hatte eigentlich schon immer ein Händchen dafür gehabt, dass ich solchen Leuten aus dem Weg ging. Alle meine Freunde waren normal, bauten keinen Mist und waren freundlich. Und megabeliebt, wenn man Lisa nahm. So jemand wie Dario passte nicht in meinen Freundeskreis, Himmel, er gehörte nicht einmal in mein Leben! Deswegen sollte ich ihn daraus auch schnell wieder entfernen. Das war das Beste.

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!