Der Surfacehop

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"Verflucht nochmal, bist du wahnsinnig geworden?", zischt Carol beleidigt durch die Nachtluft.
"Nicht so wahnsinnig, wie eine Frau, die mitten in der Nacht an einem Ort wie Edom spazieren geht."
"Dagobert also", identifiziert Carol die Gestalt, die sie nur schemenhaft erkennen kann, "Ich hätte Gingerhead erwartet."
"Elobert ist der Name", korrigiert die rauchige Stimme fast ein wenig beleidigt, "Für Sie immer noch Mister Gash."
"Dagobert, Elobert, ist doch gehüpft wie gesprungen", Carol ist von dem Mafiabossgehabe wenig angetan.
"Ich habe es nicht gern, wenn man mich sucht", fährt die Stimme fort, "Das wirbelt zu viel Staub auf."
Carol lacht laut los. "Wenn du Staub nicht leiden kannst, ist Edom nicht unbedingt der richtige Aufenthaltsort."
Plötzlich schießt die Gestalt wie ein Blitz auf Carol und presst sie gegen die Mauer. So nahe erkennt sie zwei glänzende Augen in der Dunkelheit.
"Ich mag es nicht, wenn man lacht."
Carol beschleicht so langsam das Gefühl, mir ihrem Gegenüber sei nicht gut Kirschen essen. Bei dem Gedanken an Kirschen gluckst sie erneut. Ihre Druckrezeptoren melden, dass der Mann ihren Oberarm fester umgreift. Sofort ist sie ruhig. Eine Weile starren sich die beiden nur in die Augen. Im Hintergrund streift der Nachtwind über die schroffen Mauern der Stadt.
"Was wollen Sie?", fragt der Mann schließlich.
Carol lockert ihren Arm aus seinem Griff. "Ich soll für eine Freundin einen Koffer abholen. Lolita Genf."
Bei diesem Namen scheint etwas im Kopf Eloberts zu klingeln. "Soso", macht der Mann und lässt Carol los, "Und wer bitteschön sind Sie?"
Carol tritt einen Schritt zurück. So etwas hat sie ja noch nie erlebt. "Carol", antwortet sie, scheut sich davor, ihren ganzen Namen zu nennen, "Ich bin freie Frächterin, und Frau Genf ist eine Freundin von mir."
"Kann jeder behaupten."
Carol rollt mit den Augen. "Dann behalte deinen dämlichen Koffer doch einfach", schnauzt sie und wendet sich zum Gehen ab.
"Wenn ich Ihre Informationen bestätigen kann, bin ich morgen um diese Uhrzeit wieder hier, mit der Ware."
Carol bleibt stehen und dreht sich um, doch ihre Augen können Elobert nicht mehr lokalisieren. "Und wenn nicht?", ruft sie. Keine Stimme antwortet ihr aus der Dunkelheit, nur der Nachtwind spielt seine immerwährende Melodie.
Ein ganz ungutes Gefühl beschleicht die Raumschiffkapitänin. Das kann doch nicht Lolitas Ernst sein, sich in solche Machenschaften verstricken zu lassen. Und wenn schon, sie hätte wenigstens Carol da rauslassen können. Etwas wütend stampft sie zur Lemon zurück.

Gabrielle sitzt am Boden des Shuttles. Es ist nicht besonders groß, aber als Schlafmöglichkeit für eine Nacht genügt der Platz des Laderaumes. Die bequeme Luftmatratze verrät ihr, dass Carol wohl öfters auf Planetenoberflächen schläft. Sie weiß, wie man es sich während eines Surfacehops gemütlich macht. "Surfacehop" ist das neueste Wort in Gabrielles Sprachschatz. Es beschreibt den Umstand, wenn ein Mensch, der normalerweise auf seinem Raumschiff lebt, für einige wenige Nächte sein Raumschiff im Orbit lässt, um auf einer Planetenoberfläche zu übernachten.
Auf ihren Knien balanciert sie ein Tablet. Shannon hat ihre schönsten Funde darauf abgespeichert und die designierte Astrogeologin weidet ihre Augen an den Schönheiten. Ein Grunzen lässt sie aufhorchen. Es ist ganz unverkennbar Carol. Sie will sie fragen, ob es okay ist, dass sie morgen mit Shannon loszieht. Das Mädchen ist sich der positiven Antwort sicher, jetzt, wo sie die Nacht auf der Planetenoberfläche zubringen. Aber zuvor schien ihr nicht der passende Zeitpunkt für solche Fragen gewesen zu sein. Carol wirkte so angespannt. Dieser Elobert Gash, Lolitas Schnitzeljagd durchs Universum, alles wirkt so falsch auf die junge Frau. Gabrielle schüttelt den Kopf, um die beunruhigenden Gedanken zu verscheuchen. Viel zu oft landet sie in dieser negativen Gedankenspirale aus Sorgen und Ängsten, zumeist völlig unnötig. Sie sammelt ihre Gedanken und konzentriert sich wieder auf die Mineraliensammlung von Shannon. Die Shuttletür öffnet sich und durch die Spalte dringt sofort roter Staub, in dem sich das Licht der weißkalten LED-Streifen fängt. Carol ist zurück. Und sie sieht kein bisschen entspannter aus.

Die Ferne | Substantiv, femininWo Geschichten leben. Entdecke jetzt