Er fuhr wirklich mit dem Bus.

Ich wartete extra noch fünf Minuten länger in meinem Auto auf meinem Parkplatz neben der Garage, aber er tauchte nicht auf. Mit Gewissensbissen fuhr ich zur Schule und kaute die ganze Zeit auf meiner Unterlippe herum. Ich fühlte mich irgendwie echt schlecht. Sollte ich mich bei ihm entschuldigen, wenn ich ihn sah?

Nein. Ich hatte nichts gemacht.

Naja, doch.. ich hatte ihn ziemlich angemotzt...

Nein.

Nein, Paulina, du wirst dich nicht entschuldigen. Du wirst ihm die kalte Schulter zeigen und fertig. Das, was du dir gestern vorgenommen hast. Du willst nichts mehr mit ihm zu tun haben, er ist von dem Internat geflogen.

Oh Gott, jetzt fing ich schon an, mit mir selber in meinem Kopf zu sprechen. Ich musste aufpassen, dass ich in dieser Irrenanstalt, die sich mein Leben nannte, nicht komplett die Nerven verlor.

In der ersten Stunde hatte ich Mathe. Unauffällig drehte ich mich um kurz nach acht um, aber Dario war nicht da. Auch in den anderen Fächern tauchte er nicht auf. In den Pausen sah ich ihn nicht. Ich hielt unauffällig nach ihm Ausschau, aber er war einfach verschwunden. Weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Seltsame Sache.

In der Mittagspause, während ich weiter den Blick durch die Mensa schweifen ließ, fing ich an, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Ich saß mit gerunzelter Stirn da und schaufelte den Reis mit dem trockenen Hühnchenfleisch in mich hinein. Es schmeckte grauenhaft, aber das war mir gerade ziemlich egal. Wo war er nur? Ich verstand es nicht. Nicht, dass ihm etwas passiert war und ich war daran Schuld, weil ich ihn so angefahren hatte und er mit dem Bus gefahren ist...!

„Hast du den Neuen, Dario, heute schon irgendwo gesehen?“, fragte Lisa an mich gerichtet, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

Ertappt zuckte ich zusammen und ließ meine Gabel fallen, die mit einem lauten Scheppern auf meinem Tellerrand liegen blieb. Schnell griff ich wieder nach ihr und schüttelte so gelassen wie ich es hinbekam den Kopf.

„Nö, hab ich auch gerade gedacht. Voll komisch, dass der einfach nicht da ist.“

„Nicht, dass ihm etwas passiert ist!“, meinte Pia und sah sich nochmal um, als dachte sie, er könnte plötzlich wie von Geisterhand erschienen sein.

Ich hatte ihnen nicht erzählt, dass er mein Nachbar war und ich ihn eigentlich hätte mit in die Schule nehmen sollen. Wahrscheinlich würde es eh noch früh genug rauskommen und sie würden mich löchern, bis ich aussah wie ein Schweizer Käse. Ich hasste es, im Mittelpunkt zu stehen, deswegen hatte ich vermieden, ihnen davon zu erzählen. Besonders Lisa, weil ich ja eh gemerkt hatte, dass sie ihn auf dem Kieker hatte und unbedingt um den Finger wickeln wollte.

„Ihm wird nichts passiert sein. Nicht ihm“, sagte Lisa bestimmt, als würde sie ihn schon seit Jahren kennen. Sie plapperte immer weiter von ihm, bis ich das Gefühl hatte, ich würde gleich explodieren, wenn ich den Namen Dario noch ein einziges Mal aus ihrem Schmollmund hören würde.

„Ich find’s nicht schlimm, dass er nicht da ist. Ich mag ihn einfach nicht“, stellte ich grummelnd klar und stocherte lustlos auf einem Stück Hühnchenfleisch herum.

„Wieso?“, fragte Juliana und sah mich entgeistert an, als wäre ich von allen guten Geistern verlassen.

„Stimmt – wieso?“, hakte Lisa ein und deutete mit ihrer Gabel auf mich. Ein verschmitztes Grinsen war in ihrem Gesicht erschienen. „Eigentlich ist er doch total dein Fall, oder? Ist er!“

„Dieser Großkotz? Nein, Danke!“, schnaubte ich und widmete mich wieder meinem Essen.

„Klar ist er das!“, fuhr Lisa unbeirrt fort und ich hob wieder den Blick. Sie grinste mich immer noch spitzbübisch an. „Ich meine vom Aussehen her! Du stehst auf schwarze Haare, schwarze Augen, große Typen. Mysteriös. Humorvoll. Witzig. – Passt genau!“

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!