Dienstag, 2. Dezember - Hey Prinzessin, darf ich Euer Prinz sein?

24.4K 1.5K 327

„Pauli, Dario ist hier!“

Nur diese Worte reichten aus, dass mir meine Schoko-Knusper-Flakes (die ich mir gestern Abend mit finsterer Miene im Supermarkt schnell geholt hatte) im Hals stecken blieben und meine Laune bis in den Keller sank. Ach was, noch tiefer!

Ich hatte gestern noch einen wunderbar unbekümmerten Nachmittag und Abend verbracht (bis auf die Sache mit Nick und den Cornflakes). Ohne einen Gedanken an meinen blöden Nachbarn zu verschwenden. Mama war natürlich nicht zu Hause gewesen, da sie ihren Stand auf dem Christkindlmarkt die nächsten dreieinhalb Wochen hatte. Sie verkaufte lauter Krimskrams von Schals und Mützen (selbst gestrickt natürlich!) über Teppiche, Räucherstäbchen und Kerzen bis hin zu Holz-Garten-Accessoires, aber eigentlich lief das Geschäft bei ihrem Stand ziemlich gut, auch wenn sich das Zeug nur nach unnötigem Krimskrams anhörte.

Mama erschien in der Küchentür und stellte mir eine Saftflasche vor die Nase. Ich hatte mir genau diese Flasche schon neben meine Tasche gestellt, wieso stellte sie sie dann hierher? Manchmal kapierte ich diese Frau echt gar nicht.

„Sei nett zu ihm, er ist vom Internat hierher gekommen, weil er dort Probleme hatte und lieber bei seiner Familie sein wollte, hat mir Frau Berg gestern Abend erzählt, als ich sie getroffen habe“, raunte mir Mama zu und warf mir einen strengen Blick zu. Also einen Mama-strengen Blick. Das hieß, dass sie eher wie ein Erdmännchen mit Durchfall schaute als eine strenge Mutter.

Kommentarlos stand ich vom Küchentisch auf. Ich schnappte mir die Flasche vom Tisch, meine Tasche und meinen Autoschlüssel von der Kommode. Als ich den Gang betrat, grinste mir mein Lieblingsnachbar schon entgegen.

„Guten Morgen, Tiger“, sagte er fröhlich und musterte mich immer noch grinsend.

Ich warf ihm nur einen bitterbösen Blick zu, schlüpfte in meine geliebten Ugg-Boots und meinen Anorak und verließ das Haus. Er regt mich jetzt schon auf, obwohl er erst drei Worte gesagt hatte.

„Kriege ich nicht einmal ein Guten Morgen, lieber Dario, schön dich zu sehen? Das ist aber schade!“, erklang hinter mir und ich musste mich so sehr zusammenreißen, dass ich ihm keinen Tritt in seinen heiligen Bereich verpasste. „Und hat dir schon mal jemand gesagt, wie hässlich diese Schuhe eigentlich sind?“

Okay, das war genug.

Ich haute mitten im Laufen die Bremse rein und blieb ruckartig stehen. Dann drehte ich mich langsam zu ihm um und funkelte ihn böse an.

„Sonst noch was?“, fauchte ich. „Mach so weiter und du kannst zur Schule laufen!!“

Heute Nacht hatte es nicht geschneit, sodass ich nur das Eis von meiner Scheibe kratzen musste. Dario hatte wohl kapiert, dass er ein wenig zu dick aufgetragen hatte, denn er hielt ausnahmsweise einmal für ein paar Minuten seine Klappe.

Als wir ins Auto stiegen, grinste er mich schon wieder von der Seite an. Egal, was er jetzt sagte, ich würde ihm eine scheuern.

Normalerweise war ich nie so aggressiv! Ich war selber von mir erstaunt. Ich war eigentlich eine sehr ausgelassene Person, ausgeglichen und nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen. Deswegen war ich auch so gut geeignet für Lisas Schatten spielen. Ich war eh niemand, der den Mund weit aufriss. Ich ließ eigentlich lieber die anderen reden und hörte nur zu und saugte alles in mich auf wie ein trockener Schwamm. Als Lisas beste Freundin, die immer in ihrem Schatten stand, war ich vollkommen zufrieden.

Aber dieser Kerl hier, dieser Kerl musste nur atmen und schon ging ich hoch wie ein Feuerwerkskörper.

„Also, Tiger, wie geht’s dir heute?“

„Versuchst du jetzt ernsthaft, Smalltalk mit mir zu führen?“, hakte ich nach (überging die Tatsache, dass er mich nur noch Tiger nannte) und zog die Augenbrauen spöttisch hoch. Dann startete ich den Motor meines Autos und fuhr los. „Lass dir gesagt sein: Spar dir die Energie. Ich hab kein Bock auf dich.“

24 Türchen - Weihnachten, Liebe und andere Katastrophen [I]Lies diese Geschichte KOSTENLOS!