Stumme Versöhnung

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Carol schluckt. "Ähm, ich habe mir gedacht, ich gebe dir ein oder zwei große Kisten, da kannst du mein ganzes Zeug reinlegen. Stell sie mir einfach in mein Zimmer, okay?"
Gabrielle schaut sie noch immer betreten durch die Gläser an. "Okay", sagt sie nur.
Carol wischt mit dem Schwammtuch die Wassertropfen von der Armatur. "Prima", sagt sie ohne Gabrielle anzusehen, "dann hole ich dir die Kartons."
Jetzt fühlt sich die Studentin noch schlechter. Aber irgendwie auch nicht. Immerhin hat sich die Schiffsbesitzerin nicht für ihr ruppiges Verhalten entschuldigt. Von draußen hört sie, wie Carol irgendwo etwas hervorkramt. Sie trägt das benutzte Geschirr zur Abwasch und spült sorgfältig Schale und Besteck, bevor sie es zurück in den Schrank räumt. Auf dem Weg zurück in ihr Zimmer läuft ihr Carol über den Weg.
"Die Kisten stehen auf der Couch", informiert sie der Captain.
"Danke", murmelt Gabrielle leise. Carol nickt ausdruckslos. Das tut weh. Sonst sprüht sie immer vor Witz und komischen Ansagen. Die junge Frau weiß, dass ihr zickiges Verhalten Schuld an der farblosen Captain Jungbauer trägt.
Sie betritt das Büro. Tatsächlich hat Carol ihr zwei große Umzugskartons auf die Bank gestellt. Gabrielle setzt sich daneben und schlingt die Arme um die Beine. Sie fühlt sich schrecklich einsam und isoliert. Und das Schlimme daran, sie trägt die Schuld dafür selbst. Ihre Augen werden ganz heiß. Bloß nicht heulen! Das Mädchen vergräbt ihren Kopf in dem Polster. Zwei, drei Tränen lösen sich von den Wimpern und versinken sofort in dem Stoffbezug. Dann liegt sie noch eine Weile da, mit dem Gesicht nach unten, bis sie wieder Kraft schöpft und beginnt, die Sachen in die Kisten zu stopfen.
Carol liegt angespannt in ihrem Ohrensessel und versucht sich auf den Artikel aus dem neuen Spacemail zu konzentrieren. Bei jedem Geräusch zuckt sie zusammen. Was wenn Gabrielle mit den Kosten kommt? Dann müsste sie das alles aufräumen. Igitt, aufräumen! Alleine bei dem Gedanken an das Chaos im Büro sträubt sich in der Kosmonautin alles. Eine Gänsehaut huscht über ihren Rücken.
Wieder knarrte etwas im Gang. Carol zuckt zusammen und versteckte ihr Gesicht vollständig hinter dem Tablet.
"Carol?", ach du lieber Schreck, es ist tatsächlich Gabrielle.
Die Raumschiffkapitänin senkt das mobile Endgerät nur so weit, dass die beiden kleinen, braunen Augen über dem anthrazitgrauen Alurand blicken.
Die Studentin steht im Zimmer, zwischen den Händen den vollen Umzugskarton.
"Wo soll ich...?", fragt sie. Carol verbarrikadiert sich wieder hinter dem Tablet. "Wo du Platz findest", tönt es von hinter dem Tablet Das Mädchen blickt sich um. Gar nicht leicht in dem kleinen Zimmer. Sie stellt den Karton aufs Bett.
"Passt das so?"
"Jaja", murmelt Carol ohne aufzublicken. Gabrielle schaut den Captain, dessen Gesicht ganz von dem zusammengefalteten Achteck verdeckt ist, an. Sie hat immer noch ein schlechtes Gewissen. Ganz offensichtlich ist Carol nicht gut im Ordnung halten. Ob ihr das peinlich ist? Es ist sehr unschön, jemanden immer auf eine Schwäche hinzuweisen. Gabrielle schluckt. "Kann ich dir beim Wegräumen helfen?", fragt sie wie aus dem Nichts.
Das Tablet sinkt in den Schoß. Die Augen heften sich an die Studentin. "Das musst du nicht", erklärt Carol.
"Trotzdem könnte ich", verlautbart die Gestalt zaghaft.
"Das wäre nett von dir", antwortet eine leise Stimme.

Die Ferne | Substantiv, femininWo Geschichten leben. Entdecke jetzt