Tee-Nager

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Die Heckklappe des Shuttles öffnete sich und ein Schwall feuchtwarmer Tropenluft strömte in den Innenraum.
Gabrielle schnuppert. Ja, das ist definitiv besser als die gefilterte, trockene Raumschiffluft. Die Klappe senkt sich langsam auf den Boden. Der Himmel erscheint gelblich rot, ein klarer Kontrast zu den tiefgrünen Regenwäldern im Hintergrund. Dreht sie sich nach links, sieht sie terrassenförmig angelegte Teeplantagen, in denen knallbunt angezogene Gestalten arbeiten. Rechts von ihr steht ein großer Gebäudekomplex, doch er fügt sich durch seine Bauweise aus Bambus und Glas ästhetisch in die Dschungellandschaft ein. Sie folgt Carol in das Gebäude. Vor dem Eingang hängt eine große Holztafel. "Willkommen", ist in großen, ausgefrästen Buchstaben zu lesen, und "New Tea Lincoln - Headquarters".
Erstaunt tritt Gabrielle ein. Wie schön hier alles ist! Großzügige Innenraumbegrünung, helle Holzmöbel, und schlanke, junge Damen, die einem ihr schönstes Lächeln schenken. In den Regalen und Vitrinen türmen sich Teepäckchen. Sie schlendert durch den Shop und verliert dabei Carol völlig aus den Augen. Die Frächterin hat nicht viel übrig für das grüne Gebräu und geht direkt ihren Geschäften nach.
Im Büro läuft ein Aromadiffuser, der weißen Wasserdampf versprüht. "Maria Sami" steht auf den Visitenkarten, die in einer Bambusbox am Holzschreibtisch zur Entnahme stehen.
"Frau Jungbauer sagen Sie", die Frau Ende 30 scheint sich an etwas zu erinnern. Sie öffnet eine Datei auf ihrem Holoscreen. "Sie holen die Werbegeschenke für Plutofix ab. Frau Genf hat mir bereits gestern geschrieben, aber wir haben Sie nicht so bald erwartet."
Carol stutzt. "Achja, Lolita Genf", sagt sie peinlich berührt. Immer wieder vergisst sie, dass die junge Frau vergangenes Jahr geheiratet hat, "Gibt es ein Problem mit der Lieferung? Ich möchte nicht lange warten, da ich etwas in Eile bin."
"Nein, nein, das geht schon in Ordnung. Wenn Sie uns Ihre Parkplatznummer mitteilen, schicke ich gleich einen Lagermitarbeiter, der die Palette verladet."
"B157", sagt Carol wie aus der Pistole geschossen.
Frau Sami streicht sich mit einer Hand das kinnlange, aschblonde Haar aus dem Gesicht, während sie mit der anderen eine Nummer in den Telefonapparat tippt. Ein Rufzeichen ertönt, und eine andere Frauenstimme ertönt. "Maria, was gibt's?"
"Hallo Greta, ich habe hier eine Dame auf B157, die dringend Bestellung 0089652937 verladen bekommt. Ich hab sie bereits aus dem System ausgebucht."
"Klar, ich delegiere es an Ole, der steht heute schon wieder verdächtig viel herum. 20 Minuten brauchen wir aber schon."
Maria blickt fragend auf Carol, die nickt.
"Das wäre toll, danke", sagt die Frau und beendet die Verbindung.
Maria greift unter ihren Schreibtisch und drückt Carol ein Probepäckchen in die Hand. "Für die Wartezeit", sagt sie, "Normalerweise versenden wir unsere Ware mit eigenen Frächtern. Es ist ungewohnt, dass jemand vorbeikommt."
"Ja, Lolita und ich sind Freunde, und da ich sowieso in der Gegend unterwegs bin, kann ich den Tee auch mitnehmen."
"Dann wünsche ich noch gute Reise", Frau Sami verabschiedet sich mit Handschlag und Carol geht zurück in den großzügigen Eingangsbereich. Gabrielle hat einige Teepäckchen erstanden und wartet mit einer "New Tea Lincoln" - Tragetasche auf die Rückkehr der Raumschiffkapitänin.
"In circa einer halben Stunde ist Abflug!", informiert sie das Mädchen, "Wollen wir noch was trinken gehen?"
"Tee?", fragt Gabrielle unschuldig.
Carol lacht. Sie hat an etwas Stärkeres gedacht.

Die Ferne | Substantiv, femininWo Geschichten leben. Entdecke jetzt