Mütter!

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Gabrielle wäscht die Teller ab. Irgendwie haben sich Carol und sie stummschweigend auf diese Arbeitsteilung geeinigt. Carol kehrt aus dem Maschinenraum zurück. Ihre ölverschmierten Hände wäscht sie direkt ins Waschbecken in der Küche. Gabrielle findet das sehr unhygienisch, doch bewahrt Stillschweigen. Die Raumschiffkapitänin nimmt eine Tüte Chips aus dem Schrank und sieht der Studentin essend dabei zu, wie sie das restliche Geschirr abtrocknet und wegräumt.
"Was ist?", fragt Gabrielle, als sie Carols süffisantes Grinsen bemerkt.
"Woher hast du die Koordinaten?", die Frächterin weiß, dass man an solche Informationen nicht hundertprozentig legal kommt.
Das Mädchen zuckt mit den Schultern und schließt die Schranktür.
Carol lacht leise, aber mokant. "Schon klar!", sie nickt anerkennend, "Glaub mir, ich finde es irgendwann heraus."
Gabrielle sieht sie mit großen Augen an, entgegnet aber nichts.
"Woher kommst du?", fragt die Kapitänin, doch man versteht sie schlecht, weil sie währenddessen ununterbrochen Chips futtert.
"Neu Deutschland", antwortet Gabrielle. Nachdem die Internationale Föderation Einheitlicher Regierungsprogramme, die IFER, viele Nationen aufgelöst hat, wurden die Stadtgrenzen rund um das dicht besiedelte Ruhrgebiet neu gezogen, und nach dem ehemaligen Staat benannt.
Carol nickt. "Ist schön dort", stellt sie fest.
Gabrielle zuckt mit den Schultern. "Ja, mittlerweile wieder."
Carol sagt nichts darauf. Was soll sie darauf auch antwortet? Sie verbindet nichts mit dem Heimatplaneten der Menschen, für sie sind die katastrophalen Zustände und die Programme, die zur Rettung der nahezu zerstörten Umwelt gestartet worden sind, nur lästiger Schulstoff gewesen. So ist das nun mal in der Menschheitsgeschichte. Die Gesellschaft steuert auf eine Katastrophe zu, und alle bemühen sich mehr halbherzig sie aufzuhalten. Dann kommt der große Crash, das große Geheule, die großen Sanktionen, die harte Zeit, und irgendwann geht es den Menschen besser und besser, dann gewinnen sie Oberwasser und der Kreislauf startet von vorne. Carol hat keine Lust mit einer engagierten, weltverbessernden, bis in die Knochen motivierten Studentin zu diskutieren, warum ihre Ansicht die richtige ist, deshalb bringt sie das Thema auch gar nicht auf den Tisch. Ja, sie hat gelernt, dass es manchmal besser ist, seine Meinung in Stillschweigen zu hüllen.
"Und du?", reißt sie Gabrielle aus der Gedankenspirale.
"Schwarzwaldkolonie", antwortet Carol, "War aber schon ewig nicht mehr dort."
Gabrielle erinnert sich. Die Schwarzwaldkolonie ist bekannt für ihre dichten Schwarzeichenwälder, die allerdings stark industrialisiert geworden sind. Im Moment ist die regionale Wirtschaft sehr in Verruf, da ihr Handeln an die Erde im 21. Jahrhundert erinnert.
"Das ist verständlich", sagt sie, "Soll ja nicht gerade ein Urlaubsparadies sein."
"Keine Ahnung", erwidert Carol, "Wie gesagt, ich war schon ewig nicht mehr dort."
"Hast du noch Familie dort?", fragt Gabrielle, hoffend, kein wundes Thema anzusprechen.
Die Weltraumeinsiedlerin schüttelt den Kopf. "Meine Mutter ist nach dem Tod meines Vaters zu meiner Schwester gezogen. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern auf Zetta 2."
"Steht ihr euch nahe?"
"Nicht so nahe, wie sich die beiden stehen. Meine Schwester war immer wie meine Mutter, ich wie mein Vater."
"Es tut mir leid, dass er gestorben ist", Gabrielle bemüht sich, ihrer Stimme einen einfühlsamen Klang zu geben.
Carol winkt ab. "Das ist jetzt Jahre her. Er war halt der, der an mich geglaubt hat. Das hier ist sein Traum, ein Raumschiff und einen kleinen Speditionsbetrieb. Aber ich fürchte, Mum hat ihm diese Gedanken immer rechtzeitig ausgetrieben. Sie ist mehr der 'Haus, Mann, Hund, Kind' - Typ."
"So wie ich", sagt Gabrielle nachdenklich.
"Nein", die Raumschiffkapitänin lacht, "Glaub mir, viel schlimmer. Was ist mit deiner Familie?"
Gabrielle blickt an Carol vorbei in die Leere. "Mein Vater hat uns verlassen, da war ich sehr klein, naja, die beiden waren nie echt zusammen. Dann waren es nur mehr Mama und ich. Dementsprechend eng ist unsere Beziehung. Aber wir sind uns auch nicht immer einig."
Die Frau mittleren Alters lacht. "Mütter halt"
"Ja Mütter, und trotzdem lieben wir sie."

Die Ferne | Substantiv, femininWo Geschichten leben. Entdecke jetzt