Nikis Geschichte

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Prolog

Niko lag in seinem Bett. Es war noch nicht so spät und es fing gerade erst an zu dämmern. Er lag mit offenen Augen auf dem Rücken, starrte gedankenversunken an die Decke und fragte sich traurig, wie all das passieren konnte. Niko war eigentlich ein junger Mann von 24 Jahren. Eigentlich deshalb, weil man sein Alter bei seinem Anblick nicht vermuten würde. Früher war er ein schlaksiger, jugendlicher Mann mit einem gewinnenden, sympathischen lächeln. Das sympathische lächeln hatte er noch, allerdings war er mittlerweile von 175cm auf 75cm geschrumpft. Wie es dazu kam? Das erzähle ich euch jetzt.

Es war ein schöner Sonntag Vormittag und Niko war schon seit dem ersten Augenaufschlag voller nervöser Anspannung. Seine Nachbarin Sabrina wollte am Mittag vorbeikommen. Sie hatte ihm bei ein paar kleinen Renovierungsarbeiten geholfen und er wollte zum Dank für sie kochen. Niko war handwerklich sehr unbegabt. Überhaupt war er sehr tollpatschig und großteils unfähig, einen Haushalt zu führen. Er war erst seit kurzem in die Nachbarschaft gezogen und bewohnte ein kleines Häuschen in einem kleinen Vorort einer großen Stadt. Seine Großmutter war kürzlich verstorben und er verkaufte nach ihrem Tod das große Haus, das sie gemeinsam bewohnten.

Er wuchs als Einzelkind auf. Die Mutter starb bei seiner Geburt und der Vater war angeblich ein verantwortungsloser Taugenichts, der sich, kurz nachdem er von seiner werdenden Vaterschaft erfuhr, aus dem Staub machte. Niko war also quasi ein Vollwaise. Er war aufgrund seiner Lebensgeschichte immer schon sehr schüchtern und zurückgezogen und hatte deshalb nicht viele Freunde. Seine Großmutter versuchte ihn, so gut es ging großzuziehen und trotz ihrer Versuche ihn zu einem sozialen, offenen und freundlichen jungen Mann zu erziehen, blieb er lieber ein Einzelgänger. Er studierte Malerei und liebte es, Tag ein, Tag aus zu malen. Er verdiente mit seiner Malerei allerdings kaum etwas. Weshalb er, mehr schlecht als recht, von einer kleinen Waisenpension lebte und war neben dem Studium eigentlich schon länger auf der Suche nach einem Job.

Er hatte am Vortag schon eingekauft und war bereit mit dem kochen zu beginnen. Er wollte Spagetti machen und ärgerte sich über sich selbst. Wieso hatte er sie ausgerechnet zum Essen eingeladen? Er hatte doch keine Ahnung vom kochen, ernährte sich selber hauptsächlich von Mikrowellengerichten. Um etwas zu bestellen, fehlte ihm das Geld, also blieb ihm nichts anderes übrig als in den sauren Apfel zu beißen und etwas auf den Teller zu zaubern. Das mit dem zaubern ging natürlich gehörig schief. Noch bevor er richtig angefangen hatte, verbrannte ihm das Sugo und verkochtem ihm die Nudeln. Er versuchte noch zu retten was zu retten war, aber er machte damit alles nur noch schlimmer. Da klingelte es auch schon an der Türe und Sabrina stand vor der Tür. Niko öffnete verzweifelt die Tür und schämte sich.

Sabrina war eine attraktive, junge Frau um die dreißig. Sie war eine dieser Frauen, die wusste dass sie schön war und trotzdem jegliche Arroganz vermissen lies. Im Gegenteil, sie war freundlich, hilfsbereit und sympathisch.

„Hi Sabrina," öffnete Niko verlegen die Tür. „Komm rein. Entschuldige den Gestank."

Sabrina trat ein und rümpfte mit der Nase, ehe sie in Gelächter ausbracht.

„Haha, das hätte mich jetzt echt gewundert, wenn das mit dem kochen unfallfrei geklappt hätte." Die junge Frau stupste ihm lachend auf die Nase.

„Es tut mir so leid. Ich war einfach überfordert und plötzlich ist das Wasser übergangen und...,"

„Schon gut Niki, ich hab in weiser Voraussicht selbst etwas mitgebracht," unterbrach sie den jungen Mann und drückte ihm eine Schüssel mit essen in die Hand.

Kurze Zeit später saßen die beiden gemeinsam am Mittagstisch. Niko hatte seinen Kopf auf seine Hand gestützt und stocherte in seinem Couscous-Salat, während er Sabi (wie sie sich gerne nannte), gedankenverloren anblickte. Er mochte sie sehr. Sie war die erste fremde Person seit Jahren, mit der er mehr als zwei Sätze redete. Sie war vom ersten Tag seit seinem Einzug Immer wieder da, um bei ihm zum rechten zu sehen und ihm zu helfen, wo sie nur konnte. Und da gab es viel. Vom Waschmaschine anschließen bis zum aufbauen von seinen spärlichen Ikea Möbeln. Er wäre verloren ohne sie und er wusste nicht, womit er das verdient hatte. Sie lebte im Haus gegenüber. Es war ein sehr großes und altes Haus. Sie hatte keinen Ehemann, zumindest nicht, dass er wüsste. Stattdessen lebte Sie mit ihren zwei Schwestern und deren drei Töchtern zusammen. Eine war schöner wie die andere. Es war eine seltsame WG. Sechs Frauen unter einem Dach. Mann hatte er noch nie einen dort gesehen. Nicht einmal die Väter der Kinder. Außer ein paar Buben, mit denen die Mädchen zur Schule gingen und die zum spielen kamen.

„Was blickst du denn so gedankenverloren?", holte ihn Sabi lächelnd aus seiner Grübelei.

„Ich weiß nicht," stammelte Niko verlegen. „Ich mag dich,"

Sabrina blickte ihn liebevoll an. „Das ist süß von dir. Ich dich auch, Kleiner."

Das letzte Anhängsel trübte Nikos Freude über die Sympathiebekundung etwas. Er hatte oft das Gefühl, das sie ihn nicht als erwachsenen Mann sah. Eher als kleinen Bruder, oder mehr noch als kleinen Jungen. Manchmal machte es sogar den Eindruck, als hätte sie Spaß dabei, ihn zu bevormunden und ihn wie einen kleinen Bub zu behandeln. Sie müsse ihn wohl noch ein bisschen erziehen, meinte sie oft schmunzelnd. Dabei würde er gerne von ihr für voll genommen werden. Er wusste, sie war einige Jahre älter als er, trotzdem fantasierte er insgeheim davon, mit ihr zusammen zu sein.

„Ich hoffe das du immer in meinem Leben bleibst. Am liebsten würde ich dich heiraten." stammelte Niko verlegen und wurde dabei etwas rot.

„Oh Gott, das ist so süß von dir Niki." Sabrina schossen vor Rührung beinahe die Tränen in die Augen. „Du bist wirklich ein ganz besonderer Junge, weißt du das? Die meisten Männer auf dieser Welt sind ungehobelte, testosterongesteuerte Raubeine ohne Verstand und Manieren." Ihre Stimme wurde kurz kraftvoll und verärgert, nur um beim Anblick von Niko schnell sanftere Töne anzustimmen. „Deine Großmutter hat dich aber wirklich zu einem feinfühligen und lieben Gentlemen erzogen. Unselbstständig zwar und manchmal etwas verwöhnt," ergänzte sie lachend,"aber lieb". Sie tätschelte seine Hand.

„Du willst mich also immer in deinem Leben haben. So etwas schönes hat schon lange niemand mehr zu mir gesagt. Ich habe gehofft, dass du dass eines Tages sagen wirst. Ich hab ein kleines Geschenk für dich mitgebracht."

Jetzt war Niko hellhörig und weitete verwundert seine Augen. „Sie hatte gehofft das er das eines Tages sagen würde?" Sein Herz pochte bis in den Hals. „Was meinte sie damit? Sah sie es etwa auch so??"

Sie holte ein kleines Fläschchen aus ihrer Tasche und ein kleines Stück, das aussah wie eine Praline. Er war etwas enttäuscht. „Was war das? Ein Nachtisch?"

„Schau Niki. Ich hab hier etwas ganz besonderes für dich. Ich habe es schon vor einiger Zeit gemacht, war mir aber lange nicht sicher ob du der richtige dafür bist."

„Ein Nachtisch?," stammelte Niko verwundert. „Ob ich der richtige dafür bin? Für eine Praline und einen Schnaps?" Sabrina reichte es ihm und er musterte es neugierig.

„Genau, eine Praline und einen Schnaps," lächelte Sabrina verschmitzt. „Die Rezeptur stammt aus einem ganz alten Buch meiner Urgroßmutter. Dem, der es zu sich nimmt, dessen Herz rein und unbefleckt und bereit ist, sich lebenslang zu verbinden, dem wird große liebe und Fürsorge zuteil. In diesem Fall meine Liebe und Fürsorge", erklärte Sabi geheimnisvoll.

Niko wurde irgendwie etwas mulmig. Das Gespräch entwickelte sich plötzlich in eine recht seltsame Richtung.

„Ok, deine Liebe und Fürsorge? Was meinst du damit?" Niko blickte fragend Richtung Sabrina, die ihm ihr schönstes lächeln zuwarf. „Ist das sowas wie ein Aberglaube oder Brauch?"

„Iss die Praline und dann schluckst du sie mit der Milch hinunter. Es wird dir sehr gut schmecken. Glaub mir. Vielleicht wird es dein Leben verändern. Unser leben", redete Sabrina ihm gut zu und warf Niko wieder ihr warmherzigstes und liebevollstes lächeln zu.

Wenn dieses wunderschöne lächeln in Sabis Gesicht nicht gewesen wäre, hätte Niko wohl verzichtet. So aber, fühlte er sich sicher und geborgen. Die Aussicht auf ihre Liebe, lies jeglichen Zweifel und Unwohlsein verschwinden. Es war nur ein spezieller Nachtisch aus dem Rezeptbuch ihrer Urgroßmutter. Er wusste dass ihre Vorfahren irgendwo aus Italien oder so stammten. Schnell folgte er ihren Anweisungen und vernaschte Milch und Praline.

Sabrina murmelte irgendwelche unverständliche Worte und Nikos Welt fing plötzlich an sich zu drehen. Alles um ihn herum schien sich plötzlich zu verändern. Alles wirkte auf einmal viel größer und bedrohlicher. Der Schwindel wurde immer größer und es fühlte sich für ihn an, als würde der Boden unter seinen Füßen weggezogen werden. Dann wurde er Ohnmächtig.

Fortsetzung folgt

Nikis GeschichteWhere stories live. Discover now