Wasser und Worte

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Carol tritt vor die Telefonkabine, aber Gabrielle ist nicht hier. Auch im Weltpostamt Pluto findet sie keine Spur von der Studentin.
"Hey, Garry, ich hab dein Geld!", ruft Carol, als sie bei der Suche nach dem Mädchen einen Abstecher ins Garry's macht.
Garry grinst. "Unglaublich. Wen hast du denn dafür bedroht?"
"Deine Schwiegermutter!", knurrt Carol. Sie hat sich eine freundlichere Antwort erhofft. Der Barkeeper verzieht den Mund zu einem noch breiteren Grinsen: "Schön wär's. Was kann ich für dich tun?"
"Hast du die Kleine gesehen?", fragt Carol, während sie auf ihrem Lieblingsstuhl Platz nimmt.
Garry hält in seiner Bewegung inne. "Die, die letztens hier war? Mit der furchtbaren Brille?"
"Ja", Carol nippt am Drink, den ihr Garry schon ohne Aufforderung eingeschenkt hat, "Genau die meine ich."
"Nicht mehr seit gestern Abend. Schien ganz gechillt zu sein. Was ist mit ihr?"
"Nah", macht Carol gedreht, "Ich muss sie finden."
"Wo vermutest du sie am ehesten?"
Kluge Frage. Darüber hat Carol noch gar nicht nachgedacht. Die gesamte letzte Nacht haben sie auf der Bank unten am Wasserfall verbracht. Ja, da muss sie sein. Die Schiffsbesitzerin schluckt den letzten Rest und eilt, so gut das als Mensch, der ohne Verkleidung als Blauwal durchgehen könnte, geht, aus der Bar. Dass Garry auf ihr "Schreib's mir an!" mit "Geht aufs Haus" antwortet, registriert sie gar nicht mehr.
Am Fuße des Wasserfalls sitzt eine Person in Ocker. Carol läuft die Wendeltreppe hinunter, dass ihr unten ganz schwummrig ist. Tatsächlich findet sie das Mädchen am Wasserfall sitzen und auf die unruhige, stetig wellenwerfende Oberfläche starren. Ihre rote Brille verstärkt den Rotton ihres verweinten Gesichts.
Sie tut Carol leid, aber flotte Sprüche über die hässliche Brille sind wohl nicht die beste Aufmunterung, und ein einfaches "Tut mir leid" wäre nicht Captain Carol Jungbauer, denn egal was Captain Carol Jungbauer auch macht, Captain Carol Jungbauer bleibt immer sie selbst. Sie kann nur pur, trocken und authentisch, sie kann nur hassen oder lieben. Im Moment hasst sie sich dafür, keine einfühlsamen Worte über die Lippen zu bringen. Schweigend setzt sie sich neben das Mädchen. Wie hat Garry gesagt, sie würde ihren Freunden nichts zurückgeben? "Ja, Garry, du hast Recht", sagt sie sich im Geiste, und wieder zerfließt die sonst so ungerührte, coole Carol in angenehm warmes Selbstmitleid.
Gabrielle bemerkt sie im Augenwinkel. "Er hat das Geld überweisen", sagt sie emotionslos, ohne den Kopf zu drehen. "Oh Mist, dann muss ich wirklich einen Kaufvertrag aufsetzten!", schießt Carol heraus, und könnte sich zugleich in die Zunge beißen. Eine ironische Ansage war garantiert die falsche Reaktion. Gabrielle lächelt matt. "Du kannst den von deinem Schiff abschreiben", empfiehlt sie der Kapitänin.
Carol antwortet nichts. Sie sucht krampfhaft nach den passenden Worten. Gabrielle sieht sie eine Weile von der Seite an.
"Wollen wir los?", fragt die junge Frau, als ihr klar wird, dass die Kapitänin nicht kontern wird.
Carol blickt sie direkt an. "Ja, das wollen wir", antwortet sie nüchtern.
Dann verfallen beide wieder in Schweigen, denn es ist schön, für eine Weile die müden Köpfe vom Denken zu erholen.

Die Ferne | Substantiv, femininWo Geschichten leben. Entdecke jetzt