29. Rückfall

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Kathrines Zimmer war mir bereits so bekannt, dass ich mich, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben, einfach auf ihr Bett fallen ließ. Sie zog die noch von Freitag bezogene Matraze unter ihrem Bett hervor und starrte mich dann stumm an.

»Ist irgendetwas?«, fragte ich sie und setzte mich auf. Es war dreiundzwanzig Uhr und ich wollte nur noch schlafen. Müde streckte ich mich und beobachtete sie dabei, wie sie mit ihren Fingernnägeln spielte.

»Ich bin deinem Rat gefolgt.«, antwortete Kathrine bloß. Ich kniff die Augen zusammen, es fiel ihr sichtlich schwer ihr Pokerface zu bewahren.

»Du hast mit Jesse geredet?«, fragte ich etwas verwirrt und runzelte die Stirn.

Sie biss sich auf die Lippe. »Mit ihm geschlafen.« Kathrine fasste sich an die Wangen und sah mich mit einem unsicherem Lächeln an. Ich war sprachlos.

»Geschlafen?«, wiederholte ich irritiert und sah sie fragend an. Dann war ich einen Tag nicht da und ein neues Weltwunder entstand.

»Bis vor einer Stunde war ich noch bei ihm. Es...«, sie schien nach passenden Worten zu suchen. »Also irgendwie sind wir... Also, wir...-«

»Ihr seid zusammen?« Ich hoffte es war das, was sie mir sagen wollte. Ich hoffte, dass Jesse nicht Lukas war. Ich hoffte-

»So irgendwie ja.« Jesse war nicht Lukas und er würde es niemals sein. Genauso wenig war Jay Lukas.

»Ein wenig stolz, bin ich ja schon auf euch.«, behauptete ich und unterdrückte ein Lachen. Es wurde Zeit, dass die beiden zu diesem Punkt kamen.

Kathrine lächelte und wechselte abrupt das Thema. »Wie war's in Henderson?«

Ja, wie war es? Mein Lächeln verschwand langsam. Ich hatte geheult, geheult und nocht mehr geheult. Und auf der Autofahrt zurück war es auch nicht besser gewesen.

Es war ein ziemlich blöder Themawechsel. »Mein bester Freund ist tot.« Ich sah zu Boden während ich das aussprach, was mich bedrückte, wagte es nicht, sie an zu sehen. Kathrine machte den Mund auf, um darauf etwas zu erwidern, doch ich kam ihr zuvor. »Meine Eltern haben es vor zwei Jahren erfahren und haben mir nichts davon erzählt.«

»Wie wollten dir nicht noch mehr weh tun.«, nahm Kathrine sie in Schutz und setzte sich neben mich. Zusammen starrten wir auf die gegenüber liegende Wand.

Ich seufzte. »Ich konnte mich aber nicht verabschieden. Ich war nicht auf seiner Beerdigung... Ich habe seine Mutter nicht gesehen, seinen Vater-« Meine Stimme fing an zu zittern und ich verstummte.

Kathrine sprach stattdessen weiter. »Ich verstehe dich, tue ich wirklich. Aber du musst sie verstehen, Cynthia.«, ich spürte ihren Blick auf mir ruhen. Es war mir unangenehm, so von ihr angesehen zu werden. »Vor zwei Jahren ging es dir ziemlich beschissen, sie hatten Angst um dich.«

»Was soll ich daran verstehen, Kath? Hm?«, fragte ich sie und sah hilfesuchend nach einer Antwort in ihrem Gesicht. »Daniel war mein bester Freund und sie sagen mir nicht einmal, dass er gestorben ist!« ich kämpfte gegen die Tränen an, wollte nicht heulen.

Ich wollte einfach nicht mehr heulen an diesem Tag. Ich wollte gar nichts mehr an diesem Tag.

»Können wir schlafen gehen?«, fragte ich Kathrine und gähnte. Ich war fertig. Fertig mit der Welt, fertig mit dem Leben. Ich fühlte mich leer von innen, als hätte jemand alle meine Innereien heraus gezogen. Bloß eine Hülle, eine Schachtel ohne Inhalt.

Kath nickte langsam, sie wirkte nachdenklich. »Ja...« Kathrine schien sich immer noch nicht ganz sicher zu sein, was sie sagen wollte. »Natürlich, es war ein harter Tag.« Sie nickte wieder und ich tat es ihr gleich. Schlafen gehen war alles was ich noch tun wollte. Einfach schlafen.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!