Endstation Pluto

50 5 15
                                                  

Gabrielle sitzt auf ihrem Koffer und beobachtet das eifrige Treiben in den Gängen. Familien, die Angehörige überschwänglich begrüßen, Verliebte, die turtelnd in die Flitterwochen fliegen, Businessmänner, die samt ihren Anzügen und Holoohrhörer fast in die Stahlträger des Raumbahnhofs rennen. Es herrscht emsiges Treiben hier am Ende der neu eröffneten Induktionsschwebebahn Erde-Pluto. Als Kind, als mit dem Bau der Bahn begonnen wurde, hat sie sich immer gefragt, warum jemand zum Pluto fliegen will. Pluto ist klein, erforschter als eine Damenhandtasche und seine brauchbaren Rohstoffe sind völlig ausgebeutet. Warum die Menschen wirklich hier sind, das ist alleine ein Frage der finanziellen Mitte. Ab-Erd-Flüge in den tiefen Weltraum sind schweineteuer. Da kann man nur hoffen, auf Pluto mit einem privaten Frächter des Preises einig zu werden. Frächter gibt es hier genug. Man sieht sie in den Bars, in den Casinos und Restaurants, in den Werkstätten, um Reparaturen in Auftrag zu geben und in den großen Handelsbüros, um Aufträge zu ergattern. Nur Personenschiffe dürfen weiterfliegen. Es gibt auch Frachtkonsortien, deren Schiffe bis zum Jupiter vordringen dürfen. Nur die Allpost hat als Organ der Erdregierung direkten Zugang zum Orbit der Erde. Für alle anderen heißt es draußen bleiben vom Sonnensystem, und so wirkt der große Raumbahnhof, umzingelt von unzähligen großen und kleinen Frachtschiffen, wie die Tür zum Lebensmittelladen, vor der unzählige Hunde auf die Rückkehr der einkaufenden Herrchen warten.
Gabrielle ist auf der Suche nach einem dieser Hunde. Einen Captain sucht sie, der bereit ist, sie mitzunehmen. Ihre Hände halten verkrampft ihre Schreibmappe. Darin ist kein holografisches Notebook, keine Thotowrite-Einheit, nicht einmal ein altes Tablet mit Tastatur, nur ein Füllfederhalter und Papier, viel Papier, und ein Ticket hier raus, vielleicht.
Doch das alles ist nebensächlich. Für diesen Moment sitzt sie einfach da und starrt an die Wand. Es ist nicht lange her, da sind viele Leute an ihr vorbeigekommen, und alle waren sie durch Gate 18 verschwunden. Dort ist der Raumkreuzer gelegen, der nach Mauritius geflogen ist. Nicht nach Mauritius, sondern nach Neu Triest, aber er nannte es immer Mauritius. Er wollte nach Mauritius, mit ihr. Das hatte er gesagt, bei ihrem ersten Date hatte er es gesagt, bei ihrer Verlobung hatte er es gesagt, jedes Mal, wenn sie an einem Reisebüro vorbeikamen hatte er es gesagt. Gabrielle hatte ihm geglaubt. Nicht als er es zum ersten Mal gesagt hatte, betrunken und um sechs Uhr morgens, doch sie glaubte ihm, als sie nachts gemeinsam für die Prüfung lernten, als er sie in das kleine Restaurant ausführte und als er sie fragte, ob sie ihn heiraten wollte. Sie glaubte ihm, als sie das bunte Sommerkleid kaufte und als er sie bat, in die Bibliothek zu kommen. Doch als sie da war, und er ihr sagte, dass es vorbei wäre und dass er seinen Ring zurückwollte, da wusste sie, dass er gelogen hatte. Dann ging er nach Hause, oder zu seiner Neuen und ließ sie zurück wie ein ausgetrunkener Pappbecher Tee auf einem kalten Weihnachtsmarkt.
Gabrielle spürt, wie ihr die Tränen in die Augen steigen. Hastig trocknet sie sich die Augen und wirft eigensinnig den Kopf in den Nacken. Gerade noch ist da diese knisternde Aufbruchsstimmung gewesen, und wie man einen Kippschalter an einem Gerät betätigt, hat diese Menschenmenge, die nach Mauritius geflogen ist, ihre gute Laune ausgeschaltet. Das Mädchen steht auf und zieht ihr kurzes Kleid nach unten. Sie packt die Schreibmappe in den Koffer. Wie viel Geld hat sie noch? Ohne Schätzungen anstellen zu müssen zu wenig. Das hat sie schon gewusst, als sie von zu Hause aufbrach. Aber sie hat etwas Besseres als Geld, etwas, das sie nie besitzen dürfte.

Die Ferne | Substantiv, femininWo Geschichten leben. Entdecke jetzt