Kälte

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An das Geräusch der flatternden Plastiktüte hatte er sich inzwischen gewöhnt. Die letzte war zwar während des Sturms davon gerissen worden, doch hatte Avis sie, nachdem er sein Auto aus dem Parkhaus geholt hatte, mit einer neuen ersetzt. Er wusste selbst nicht so genau, warum er nicht einfach in die nächste Werkstatt fuhr und eine neue Scheibe einsetzten ließ, doch immer wenn er es sich vorgenommen hatte, war irgend etwas dazwischen gekommen, oder er hatte es schlicht vergessen. Doch jetzt, wo die letzten Bäume ihr Laub verloren hatten und die Wetterfrösche (was für ein Klischee), den ersten Schnee erwarteten, war es eiskalt, im Inneren des Wagens. Avis hatte die Heizung bereits auf anschlag aufgedreht, doch schaffte diese es kaum gegen den anbrechenden Winter anzukämpfen. Als zweite Schutzschicht gegen die Kälte diente Avis Federkleid und eine dünne Jacke. Als eine Spezies, die Ursprünglich, im Winter nur Teilweise in den Süden zog, war er aber immer noch besser dran, wie Nachfahren von Zugvögeln, oder gar kaltblütigen Spezies, denen der Winter immer am meisten Probleme machte. Eine moderne Leistungsgesellschaft erlaubte ihren Bürgern nur selten eine mehrmonatige Winterruhe. Er hatte inzwischen die Stadtautobahn erreicht.

Zusammen mit dem nahenden Wintereinbruch war auch die Menge an Fahrzeugen auf den Straßen gewachsen und wie jedes Jahr steuerte das Verkehrsnetz auf einen vollständigen Kollaps zu. Etwas neidisch schaute er zu den wilden Vögeln hinauf, die hoch oben ihre Kreise drehten, während seine Vorfahren die Flugfähigkeit für den modernen Komfort eingetauscht hatten. Ein lautes Hupen riss Avis aus seinen gedanken und er schloss zu seinem Vorderwolf auf, jedenfalls vermutete Avis, anhand der Silhouette, die er durch die beschlagene Heckscheibe erkennen konnte, dass es sich um einen handelte. Erst nach verlassen der Stadtgrenzen lockerte der Verkehr sich etwas auf und erlaubte es schneller voran zu kommen. Die Straße verbreiterte sich zu einer Sechsspurigen Asphalt Wüste, die durch das grüne Umland schnitt. Graue Wolken hatten sich vor die niedrig stehende Sonne geschoben und tauchten die Welt in ein, fast unwirkliches, kaltes Zwielicht. Es fühlte sich an, als wäre die Zeit stehen geblieben, als würde die Straße niemals Enden. Seine Gedanken waren bei Frederic und dem was auch immer der Drache angestellt haben konnte. Auch ein Blick aus dem Fenster offenbarte nur die Autos und neben der Autobahn dieselben, scheinbar endlosen Wiesen und Felder. Die gelben Schilder, die in Regelmäßigen abständen neben der Straße standen, oder an Metallkonstruktionen darüber hingen, versicherten ihm zwar, dass er voran kam, doch wirklich glauben wollte Avis es nicht. Erst die Silhouetten der ersten Häuser, die langsam am Horizont auftauchten, bestätigten ihm, dass er nicht in einer Zeitraumschleife fest steckte. "Wenn möglich bitte Wenden." In Gedanken versunken hatte er die Ausfahrt verpasst, worauf ihn die Navigationsapp seines Handys, mit freundlicher Stimme hinwies. Fuck! Die Reifen seines Autos quietschen etwas, als er vor der nächsten Ausfahrt scharf abbremste und auf den Entschleunigung Streifen zog.

Das Schild der Wache leuchtete in einem sanften Blau. Sie lag an einer breiten Einfallstraße, die quer durch das Wohngebiet zog. Avis stellte sein Auto am Straßenrand ab und kramte im Handschuhfach nach einer Parkscheibe. Hier durfte man nur drei Stunden lang Parken, doch so lange würde es nicht dauern Frederic abzuholen, hoffentlich. Die Tür quietschte etwas, als Avis sie aufdrückte. Ein Schwall warmer Luft, durchsetzt mit einer vielzahl an Gerüchen und Geräuschen, schlug ihm aus dem Innenraum entgegen. Er war scheinbar nicht der einzige, der etwas auf der Wache zu erledigen hatte. Ein Fasanenhahn stand mit aufgeplustertem Gefieder vor einem Tresen, hinter dem ein sehr entnervt wirkender Schäferhund sich auf einen kleinen Block Notizen machte. Er hatte die Ohren nach hinten geklappt, um sein empfindliches Gehör zu schützen und kritzelte auf einem Block herum. Auf einer Reihe Plastikstühle saßen ein Wolf und zwei Schafe, wobei der Wolf einen Arm in einer Schlinge hatte und die Schafe misstrauisch anstarrte. Es gab einen Knall und etwas rauschte an Avis vorbei. Er konnte zwar nur einen wirbel aus Federn und Krallen erkennen, doch war sich sicher, dass es der Fasan war, der entrüstet die Wache verlassen hatte, natürlich nicht ohne noch eine Reihe von Drohung gegen den Beamten auszusprechen. "Und was kann ich für dich tun?"

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