Kapitel 1

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Der Regen prasselte auf das Metalldach über ihm. Die lauten Aufschläge der Tropfen übertönten sogar den Lärm der restlichen Besucher der Bar. Nathaniel saß an seinem üblichen Platz an der Theke und starrte auf die Oberfläche der braunen Flüssigkeit in seinem Glas. Er konnte die missbilligenden Blicke einiger anderer Gäste spüren, die er mit seiner neuesten Errungenschaft auf sich zog. Bisher hatte er mit seinem Schlapphut das Auffälligste verbergen können, doch das Implantat, das sich von seinen Ellenbogen bis zum Handgelenk zog, ließ sich nicht so einfach unter etwas Stoff verstecken. Aber entfernen ließ es sich genau so wenig. Jedenfalls nicht, ohne den Vertrag mit der Firma zu brechen. Und es hatte auch seine guten Seiten. Niemand traute es sich ihm zu nähern oder ihn irgendwie zu belästigen, denn es war allgemein bekannt bei wem er seine Schulden hatte. Vorsichtig griff er nach dem Glas und schloss seine Hand darum. Es gab ein leises Knirschen, als die Hydraulikzylinder unter seiner Haut gegen das Gefäß drückten. Obwohl er wusste, dass sich niemand trauen würde ihn darauf anzusprechen, fühlte er dennoch etwas Schuld. Zur Wiedergutmachung wischte mit seiner Hand über das flache Terminal, das in das billige Kunstholz der schmutzigen Theke eingelassen war und ein leiser Piepton bestätigte, dass die Überweisung durchgeführt wurde. Doch das Piepen schien nicht enden zu wollen. Immer wieder erklang der schrille Ton bis Nathaniel sein Kom aktivierte und die Nachricht abrief. Der kurze Text erschien auf seiner virtuellen Netzhaut. Aus seiner Perspektive schwebten die Buchstaben einige Zentimeter über der Theke. Für ein paar Sekunden schien er erstarrt was seine Umgebung jedoch nicht weiter zu interessieren schien. Dann erhob Nathaniel sich. Seine Schuhe klackten laut, als sie auf dem Kunststoffboden der Bar aufkamen. Die Personen in seiner Nähe verstummten. Erst schien es, als wären sie alle erstarrt, doch dann wichen sie einer nach dem anderen zurück, so als würde er eine negative Aura ausstrahlen, als wäre es schlecht, oder gar gefährlich sich in seiner Nähe auf zu halten. Nathaniel ignorierte sie, durchquerte den Raum zügig und trat durch die quietschende Eingangstür hinaus in die verregnete Nacht. Wellen schlugen krachend gegen die Hafenmauern, kletterten an ihnen hinauf und schwappten auf die Stege. Dabei nagte die Chemie-Brühe, in die die Ignoranz der Kons die Ostsee verwandelt hatten, konstant an der alten Bausubstanz. Langsam schritt der Detektiv den betonierten Wellenbrecher hinunter, der weit in die Bucht hinaus ragte, auf das Lichtermeer von Berlin zu. Es war bereits nach Mitternacht, doch sein Job kannte keine Dienstzeiten, die Kons schliefen nie. Ein einzelnes Licht löste sich aus dem Chaos der Megacity und steuerte in seine Richtung. Erst wirkte es wie eine verirrte Sternschnuppe, dann wurde der Lärm der Motoren hörbar. Der Kegel eines hellen Scheinwerfers erfasste Nathaniel, welcher stehen geblieben war und zu dem Transporter hinauf schaute. Zwei große Rotore hielten den Senkrechtstarter knapp zwanzig Meter über dem Bode auf der Stelle. Der Rumpf war komplett schwarz, keine Logos, kein Firmenname. BlackOps Team schoss es Nathaniel durch den Kopf, doch bevor er weiter reagieren konnte, sprangen zwei Gestalten aus der offenen Seitentür und landeten nur wenige Meter von ihm entfernt. "Nathaniel Price?" Er nickte verunsichert. Was sollte er auch anderes tun? Angesichts der Kampfanzüge seiner Gegenüber standen seine Chancen auf Flucht mehr als schlecht. Ein kleines Symbol im Eck seines Sichtfeldes wies ihn darauf hin, dass seine Verbindung zum Netz getrennt worden war. "Wir sollen sie zu ihrem Einsatzort bringen." S&I schickte ein BlackOps Team nur um einen externen Ermittler abzuholen? Aus der kurzen Nachricht war nicht hervorgegangen um was für einen Auftrag es sich handelte, aber anscheinend musste er von äußerster Wichtigkeit sein. Er hörte hinter sich ein Klicken und konnte seinen Hut gerade noch festhalten, bevor er von einer Seilwinde in die Höhe gezogen wurde. Kaum war er im Innenraum des Harriers angekommen, ließ er seinem Ärger freien Lauf. "Hätte S&I mich nicht vorwarnen können? Und was soll das alles? Warum schickt die Firma ein Ops Team um mich abzuholen? Hätte ein Taxi nicht gereicht?" Er erhielt keine Antwort. Es gab auch niemanden, der sie ihm hätte geben können, denn er war allein im geräumigen Frachtraum des Harriers, der bereits Kurs auf ein neues, ihm unbekanntes, Ziel genommen hatte. Nathaniels Kom war noch immer blockiert. Der Transporter flog Richtung Stadtkern, wobei er konstant die Höhe von 1200 Metern hielt, ein Bereich der eigentlich für Polizei und Rettungskräfte reserviert war. Doch das wusste Nathaniel nicht. Er wusste auch nicht, dass er der einzige Mensch an Bord war und dass der Harrier laut seinem Transponder Signal zu den Europäischen Streitkräften gehörte. Einzig, dass dies kein regulärer Transporter war hatte er schnell festgestellt. Der Innenraum war unglaublich sauber, fast Steril. Nirgends gab es irgendetwas, dass es erlauben würde das Fluggerät oder Teile davon einzuordnen. Keine Komponente trug eine Kennung oder Seriennummer. Rein aus Interesse aktivierte er seine erweiterte Wahrnehmung...

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