Das Orakel

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Er stolperte den hell erleuchteten Gang entlang. Blut tropfte auf den Boden. Die Schusswunde an seinem Bein hinterließ eine Spur roter Flecke. Es waren Schüsse zu hören. Schreie. War er der einzige von ihnen, der durchgekommen war? Er würde es beenden. Ein für alle mal. Sein Bein gab nach und er stürzte. Irgendwo hinter ihm, in der Ferne waren Schritte zu hören. Schnelle, Chaotische, die aber wenige Momente später von Lautem Gleichschritt stampfen übertönt wurden. Die Gewissheit machte sich in ihm breit. Er war der Einzige. Es war sein Schicksal diesen Wahnsinn zu beenden. Er kroch zur Wand und lehnte sich gegen den kalten Beton. Er durfte jetzt eigentlich kein Pause machen, sie wussten sicher bereits wo und wer er war, doch irgendetwas in seinem Hinterkopf sagte ihm, dass das nicht der Fall war. Doch das war unmöglich. Sie sahen alles. Sie wussten alles. Sie kamen und holten dich. Egal was du getan hast. Sie wussten es. Er versuchte auf zu stehen, doch sein Bein gab wieder nach. Sie blieb nichts anderes übrig als weiter zu kriechen. Langsam, Meter für Meter arbeite er sich vor. Er konnte regelrecht spüren, wie die Millionen Tonnen des "Palastes" über ihm, ihn zerquetschen wollten. Als wäre der Beton selbst teil des Sicherheitsmechanismus, der das Zentrum schützte. War er wirklich der letzte? Sie waren nur wenige gewesen. Besondere, die das System nicht sah. Niemand von ihnen wusste, was es war, doch sie waren besonders. Und heute würden sie es beenden. Aber konnten sie das? Konnten sie ein allmächtiges System bezwingen? Doch die Existenz ihres Widerstandes zeigte doch, dass das System nicht perfekt war. Er hörte Schritte hinter sich. Seine Hand klammerte sich um den Griff seiner Waffe. Eins Person trat auf den Gang auf dem er lag. Er erkannte sie nur verschwommen. Ein lauter Knall. Seine Hand bebte. Der Rückstoß riss die Waffe fast aus seiner Hand. Die andere Person schrie kurz auf und sank dann zu Boden. Er würdigte sie keines weiteren Blickes, sonder kroch weiter, immer weiter in Richtung seines Ziels. Es war als Perfektes System angepriesen worden. Ein System, das jedes Verbrechen bestrafte. Es klang wie die Ultimative Utopie. Doch leider eher fast jedes. Denn die Polizei kam lange Zeit nicht nach. Die Kriminalitätsrate war zwar auf ein Minimum gesunken. Doch das System unterschied nicht, urteilte nicht. Es arbeitete Binär. Schuldig, Nicht Schuldig. Hattest du jemanden getötet, oder nur ein Auto zerkratzt, es war egal. Eine zweite Person kam um die Ecke. Ein weiterer Schuss und auch diese sank zu Boden. Jeder war Schuldig. Jeder war irgendwie Schuldig. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei dich abholte. Seine Sicht verschwomm. Doch er kroch weiter, bis seine Finger kaltes Metall berührten. Es waren wieder Schritte zu hören. Sie kamen näher. Knall. Seine letzte Patrone. Er warf die leere Waffe weg. Mit letzter Kraft zog er sich an der kalten Metalltür hinauf, drückte die Klinke hinunter und fiel in den Raum dahinter. Die Tür fiel hinter ihm zu. Er lag mehrere Minuten da. Schwer atmend. Der Schmerz flutete von seinem Bein aus durch den ganzen Körper. Doch langsam klärte sich seine Sicht. Er hörte ein leises Klappern, das kratzen eines Stiftes auf Papier und das klicken von Tasten. Vor seinem geistigen Auge sah er sich, wie er alle Kabel aus dieser Maschine riss. Ihre Festplatten und Platinen zertrümmerte und das ganze anschließend in Brand steckte. Dann drehte er den Kopf... und erkannte seinen Irrtum. Vor ihm offenbarte sich die Genialität des Systems. Ein System, dass man nicht zerstören, nicht zerschlagen, nicht verbrennen konnte. In der Mitte des Raums saß ein alter Mann. Vor sich mehrere Würfel und ein dickes Buch. Immer wieder Würfelte er, Blätterte nach dem Eintrag der geworfenen Nummer, tippte den Namen der dort stand auf einer Tastatur ein und strich den Namen anschließend durch. Gegen solch ein System waren sie Machtlos.

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