16. gemähter Grashalm

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"Meinst du das ernst?", fragte ich Alia ungläubig, nachdem sie gefragt hatte, ob ich das Lied nochmal spielen konnte.

Ich konnte nicht fassen, was sie gerade gesagt hatte. Ich hatte erwartet, dass sie mich anschreien würde oder mir eine rein hauen würde. Ich hatte mit allem gerechnet, außer damit. Dass sie es tatsächlich mögen würde, hatte ich mir nicht mal in meinen kühnsten Träumen vorgstellt.

"Ähm klar können wir", stammelte ich nun ein wenig unsicher und startete You're Dead Wrong erneut.

Ich beobachtete erneut, wie Alia sich zu entspannen schien und ihr Gesicht einen Ausdruck annahm, als würde sie eine andere Welt betreten. Sie war vollkommen weg von hier und schien in irgendeiner Sphäre zu sein, zu der normalem Menschen nie Zutritt fanden.

Staunend beobachte ich ihr Gesicht. Die geschlossenen Augen mit den langen Wimpern und die Wangen, auf denen sich ein paar Sommersprossen tummelten. Ihre vollen, dunklen Lippen, die sonst ein wenig verkniffen wirkten, waren nun ganz entspannt und bildete mir ein, dass sie sogar ein wenig lächelte.

Ich hatte bisher selten Zeit gehabt sie in Ruhe zu beobachten und bei ausführlicher Beobachtung erkannte ich nur wieder einmal, wie schön sie war. Sie sah unglaublich interessant aus, mit ihrer gebräunten Haut, die trotzdem Sommersprossen hatte, und den vollen Lippen.

Ich beobachtete weiter ihre Mimik, während das Lied weiter ablief. Ich konnte mich kaum auf die Musik konzentrieren, obwohl ich sie so sehr liebte. Alias Anwesenheit lenkte mich gerade einfach ziemlich ab. Ich war unglaublich glücklich darüber, endlich irgendeinen Zugang zu ihr gefunden zu haben. Ich hatte nicht erwartet, dass es Musik sein würde, aber das war auch gut so. Ich kannte genug um ihr alles mögliche zu zeigen und viel Zeit mit ihr zu verbringen. Und das war es, was ich wollte. Ich wollte sie kennenlernen. Wollte diese Faszination, die von ihr ausging erfahren. Wollte ihr Geheimnis lüften.

Leider ging das Lied nicht ewig lang und so war es viel zu schnell aus. Diese guten drei Minuten waren mir gleichzeitig ewig lang vorgekommen und auf der anderen Seite so unglaublich kurz.

Ich stoppte mein Handy, kaum dass das nächste Stück anfing. Alia war vorhin schon so zusammengezuckt, als die harten Klänge ertönt waren und das wollte ich dieses Mal vermeiden.
Die Musik stoppte und wenige Sekunden später, reagierte sie und zog sich den Hörer aus ihrem Ohr. Sie sah mich lächelnd an und drückte ihn mir wieder in die Hand. Ich grinste und verstaute alles wieder in meiner Hosentasche.

Eine Weile saßen wir nun einfach nur da auf dem Steg und hingen unseren Gedanken nach, was auch immer ihrer waren. Meine Gedanken drehten sich jedenfalls nur um sie. Um ihre Verbindung zu dieser Musik, was sie darüber dachte und warum sie damals im Auto gesagt hatte, dass sie sie mochte und später, dass sie keine Musik mochte. Ich wusste nicht wie ich anfangen sollte und sie war sowieso still. Ihre Füße hingen im Wasser, ich bemühte mich, meine Schuhe nicht nass zu machen.
Wir waren so verschieden und dennoch wollte ich alles über sie wissen.

Ich fasste mir schließlich ein Herz und fragte, was ich fragen wollte, seit sie so versunken war in der Musik.

"Wie kommt es eigentlich, dass du gesagt hast, du magst Musik nicht?"

Ich spürte, wie sie zusammenzuckte. Ihre bis gerade eben entspannten Hände krampften sich wieder um die Kante des Stegs und sie zog die Schultern verkrampft hoch. Mist , das war wohl die falsche Frage gewesen.
Vermutlich war es allgemein falsch gewesen, eine Frage zu stellen. Sie reagierte da bisher nie besonders gut drauf.

Ich schwieg und wollte nicht nochmal nachfragen. Alia war währenddessen aufgesprungen und lief nun über den Steg. Weg von mir.

Enttäuscht blieb ich sitzen und starrte auf das Meer hinaus. Sie war schon wieder weg gelaufen, Ich hatte gerade gedacht, endlich ein wenig zu ihr durchgedrungen zu sein, da lief sie schon wieder weg.

Ich saß noch eine ganze Zeit an dem Steg und starrte auf das Meer. Als es schließlich anfing richtig dunkel zu werden, stand ich auf und wollte gehen. Da entdeckte ich, dass noch Schuhe auf dem Steg standen. Das mussten Alias sein. Seufzend bückte ich mich und nahm die Schuhe in die Hand. Dann lief ich zurück zu meinem Wagen, schmiss die Schuhe auf den Beifahrersitz, stieg in meine Auto und fuhr los.

Ich versuchte mich so gut es ging daran zu erinnern, wo wir damals lang gelaufen warne, als ich sie nach Hause gebracht hatte. Ich verfuhr mich einige Male, landete aber letztendlich tatsächlich in der Straße, in der sie wohnte. Inzwischen war es stockdunkel, und ich konnte erkennen, dass in zwei Fenstern des Hauses, in dem Alia wohnte, Licht brannte.

Ich parkte meinen Wagen auf der anderen Straßenseite und stieg aus. Zögernd lief ich zu dem Törchen, dass den Weg zum Haus versperrte. Als ich es öffnete, gab es ein langgezogenes Quietschen von sich. Ich zuckte zusammen und kam mir fast so vor, als würde ich etwas verbotenes tun. Vielleicht lag es daran, dass es sich irgendwie falsch anfühlte, so in ihre Welt einzudringen, ohne dass sie mich mit hierher genommen hatte.

Dennoch lief ich auf die Haustür des kleinen Häuschens zu und klingelte.
Nach ein paar Sekunden öffnete ein Mann mittleren Alters, dessen Haar an den Schläfen schon ganz spärlich wurde. Fragend sah er mich an.

"Hallo ich bin Bennet. Ihre Tochter hat das hier vergessen", sagte ich vorsichtig und reichte dem Mann die Schuhe, die Alia vergessen hatte.

"Oh vielen dank. Aber sie ist noch gar nicht wieder zurück gekommen", brummte der Mann und sah ein wenig besorgt aus.

"Oh."

"Sie kommt sicher noch. Keine Ahnung, wo sie sich immer rumtreibt", sagte er und lächelte mir zuversichtlich zu. "Sie kommt aber sicher bald. Vielen Dank für die Schuhe jedenfalls."

Er verabschiedete sich freundlich und bedankte sich noch mehrmals bei mir. Dann schloss er die Tür und ließ mich stehen. Das war also Alias Vater. Ich hatte ihn mir irgendwie anders vorgestellt. Nicht so herzlich und offen irgendwie. Mit einem Schlag hatte ich innerhalb weniger Sekunden fast mehr über Alia erfahren, als in der ganzen Zeit in der ich sich kannte durch sie selbst.


Soooo nach einer Weile dann doch wieder ein Kapitel. Sorry dass es etwas kurz ist, aber ich hatte ein kreatives Tief und irgendwie war es dann so, dass ich finde ,dass mehr da zu viel gewesen wäre.

Achja und an der Seite habt ihr Ever Fallen in Love von den Stiff Dylans :) ich fand irgendwie das passt ein bisschen. Die Widmung geht an @Kiwiki vieeelen dank für alles <3

Lots of love

Ein Abend frisch gemähtes GrasLies diese Geschichte KOSTENLOS!