Kapitel 01

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Sogar von ihrem Schlafzimmer im Schlossturm aus konnte Gwen die Schmerzensschreie der jungen Magd noch hören.

Der Rückzug in ihr Zimmer hatte nicht geholfen. Hunderte massive graue Mauersteine, fest mit Mörtel zusammengefügt, eine massive Eichentür mit schweren eisernen Scharnieren, die den Eingang zu dem Raum versperrte - Das alles reichte nicht aus um zu verhindern, dass die gequälten Schreie des Mädchens an Gwens Ohren drangen. Sie waren überall und schienen die einzigen Laute zu sein, die Gwen hören konnte.

Gwen setzte sich auf ihr Bett, strich ihr Kleid glatt und faltete die Hände im Schoß. Der ruhige, sanfte Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag zeigte nichts von den Schuldgefühlen, die ihr wie eine Handvoll hartem Schotter im Magen lagen.

Die gequälten Schreie verstummten kurz und begannen dann von neuem, fast doppelt so laut wie zuvor. Gwenns Muskeln spannten sich an und ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken. Es fühlte sich an, als hätte man ihre Wirbelsäule gestohlen und sie durch eine kreischende Violinsaite ersetzt. Sie strich sich eine lose Locke ihres langen, kaffeebraunen Haars aus dem Gesicht und stieß einen verzweifelten, bitteren Seufzer aus.

Sie hatte den Arm des Mädchens nicht berühren wollen. Es war ein Unfall.

Und überhaupt, was dachte sich eine Schlossmagd dabei, eine ärmellose Bluse zu tragen! Sicher, es war heute so heiß, dass es jeden danach verlangte langärmelige Kleidung zu meiden - Gwen selbst trug heute ein ärmelloses Kleid - aber lange Ärmel waren Teil der für Bedienstete vorgeschriebenen Schlossuniform! Woher hätte Gwen denn wissen sollen, dass diese Magd sich nicht an die Vorschriften halten würde?

Und dann war es auch noch ausgerechnet in der Bücherei passiert! Also musste sie sich nicht nur wegen des Unfalls rechtfertigen, sondern auch noch begründen weshalb sie sich überhaupt dort aufgehalten hatte.

Es war nicht ihre Schuld!

Nein, selbst wenn diese törichte Magd neu im Schloss war war, dies war nicht Gwens Schuld. Es gab Regeln. Wenn man die Regeln ignorierte und sich verletzte, war man daran doch selber schuld, oder etwa nicht? Sie musste Regeln befolgen, auch wenn sie sie nicht verstand und sie war eine Prinzessin! Dachten andere etwa, dass sie nicht auf Regeln achten müsste?

"Gwenwyn!" brüllte eine Stimme von irgendwoher jenseits ihrer schweren Eichentür.

Na fantastisch. Jetzt kam Er.

Kurze Zeit später konnte sie das Stampfen von schweren Stiefeln hören. Das Stampfen näherte sich, kam eindeutig die Stufen, die zu ihrem Schlafgemach hoch oben im Turm des Schlosses empor führten hoch. Gwens Magen zog sich noch mehr zusammen, als das sowieso schon der Fall war.

"Ich werde mich nicht entschuldigen. Nein", sagte sie leise, doch ihre Worte hörten sich sogar in ihren eigenen Ohren verängstigt an. "Das war nicht meine Schuld! Wenn sie lange Ärmel getragen hätte, wie es ihre Pflicht gewesen wäre..."

Gwen atmete tief durch und reckte ihr Kinn. Langsam richtete sie ihren Blick auf die Tür und bereitete sich innerlich vor. Es war immer notwendig, eine Fassade aufrecht zu erhalten - Gwen hatte schon früh gelernt, dass es niemals eine gute Idee war, sofort klein bei zu geben.

Sie fragte sich, wie sie ihn diesmal ansprechen sollte.

Zur Wahl stand wie immer "Vater", mit starker Ironie und Verachtung ausgesprochen - das brachte ihn immer zum Kochen. Obwohl ihr letzter 'Unfall' schon sechs Wochen her war, war sie ziemlich verängstigt. Angesichts all der Veränderungen, die er in letzter Zeit hier in der Burg herbeigefüht hatte, wusste sie nicht wie wie wütend er diesmal sein würde.

Tödliche Berührung (2012 WATTY-AWARDS-GEWINNER, Übersetzung)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt