Perlenmeer

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Perlenmeer

Ich. Genau, ja ich. Ich bin Nancy.

Ein unbedeutender kleiner Mensch auf dieser ganz grossen Welt. Nichts habe ich vollbracht und wahrscheinlich werde ich auch in Zukunft nichts Grosses tun.

Ich werde nie Nobelpreise gewinnen, weil ich nicht die Kraft und die Ausdauer dafür habe. Und ich werde nie Ballerina sein, weil ich dafür schon als kleines Mädchen in den Unterricht hätte gehen müssen und das, meine lieben Freunde, ist nicht der Fall. Ich werde auch niemals Künstlerin sein, weil mir Fantasie und Originalität fehlt. Doch eines werde ich auf jeden Fall vollbringen. Diese Geschichte. Meine Geschichte.

Alles begann in der Früh.

,,Hey, Nance. Darf ich die Hausaufgaben abschreiben?"

,,Nein"

,,Wieso nicht?"

,,Weil ich dank dir furchtbare Kopfschmerzen habe."

,,Hä, wieso was habe ich denn gemacht?"

,,Meinen schönen Morgen gestört, Yuri. Das hast du gemacht!"

Yuri Callaghan verzog die Mundwinkel zu einem kecken Grinsen. Er lehnte sich weit zu mir vor und musterte mich aus grauen dunklen Augen. Sein rabenschwarzes Haar ist zerzaust und er hat es grob nach hinten gestrichen. Er hat sehr volle aber blasse Lippen, feine Gesichtszüge, die von seinem voluminösen Haar umrahmt werden.

,,Bitte! Du schuldest mir eh einen Gefallen!", sagte er noch einmal. Heiser und rau.

,,Wie? Ich schulde dir einen Gefallen, wieso denn?", fragte ich zurück und lehnte mich etwas nach hinten.

Er tat es mir gleich und sah mich mit einem Blick an, als ob ich das Wichtigste der Welt vergessen hätte. Erwartungsvoll musterte ich ihn.

,,Ach komm, schon vergessen?" Er begann ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte zu klopfen.

Ich runzelte die Stirn und verschränkte nun die Arme.

,,Okay okay. Du hast ja Recht. Da ist kein Gefallen, den du mir schuldest..."

,,Hätte mich auch gewundert.", erwiderte ich und der junge Mann seufzte und stand auf.

Das Klassenzimmer war noch so gut wie leer. Nur schwach drang das Licht ins Zimmer herein und es war kaum jemand da.

Weshalb Yuri Callaghan so früh hier war, wusste ich eigentlich gar nicht. Er kam sonst immer zu spät oder gar nicht in die Schule. Und ich war heute nur so früh schon im Klassenzimmer, weil ich mich zu spät vermutet hatte und den ganzen Weg gerannt war.

,,Weshalb bist du eigentlich schon hier, Callaghan?"

,,Fang nicht so frech an, Nance", antwortete er nur und zeigte mit einer galanten schwungvollen Bewegung auf mich.

Ich lachte kurz und ging zum grossen Fenster, welches ich aufschob, um frische Luft hinein zu lassen.

Er setzte sich auf mein Pult und lehnte sich etwas vor.

,,Ich bin so früh, weil ich dich sehen wollte.", sagte er nach einem Moment und dann drehte ich mich zu ihm um. Verwundert.

Und da, ja genau da, fängt meine Geschichte an.

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