15. gemähter Grashalm

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Am Ende des Stegs angekommen, schien sie mich immer noch nicht bemerkt zu haben. Jedenfalls ließ sie sich nichts anmerken und starrte weiterhin nur auf das Wasser vor ihr.

Ich ließ mich langsam neben sie gleiten und schaute einfach nur hinaus aufs Wasser. Die Nachmittagssonne ließ das Wasser funkeln und tauchte alles in ein goldenes Licht. Auch Alia sah ein wenig golden aus. Das ganze sah wunderschön aus und ich genoss den Ausblick, den ich hatte eine ganze Weile. Neuseeland war eines der schönsten Länder, die ich kannte, auch wenn ich genau genommen nur Neuseeland, Australien und Amerika kannte. Für mich würde Neuseeland dennoch immer Platz eins belegen.

Alia reagierte immer noch nicht auf meine Anwesenheit, musste mich aber nun bemerkt haben. Es war ziemlich unmöglich, jemanden, der neben einem saß nicht zu bemerken. Vor allem wenn man nicht einmal Kopfhörer trug und das wäre das Letzte, was ich bei Al erwarten würde, nach dem, was sie mir erzählt hatte.

Sie wollte mich also wohl nicht bemerken. Ich beschloss, trotzdem sitzen zu bleiben und zu warten, bis ich meinen Plan ausführen würde. Ich hatte das Gefühl, sie zu überrumpeln, sollte ich gleich damit anfangen. Sie saß völlig verkrampft neben mir. Ihre Schultern waren dicht neben meinen und waren verkrampft nach oben gezogen. Ihr ganzer Nacken wirkte verspannt und ich konnte ihre Hand sehen, die sich krampfartig um den Rand des schloss. Sie musste mich definitiv bemerkt haben, sonst würde sie nicht so da sitzen. Selbst ihre Füße spielten nicht mehr so frei im Wasser als am Anfang. Vermutlich hatte sie gemerkt, dass ich nicht weg gehen würde.

Also wartete ich noch eine Weile neben ihr und ließ sie sich an meine Anwesenheit gewöhnen. Sie war im Gegensatz zu mir barfuß und ihre Füße spielten im Wasser vorsichtig miteinander. Das musste arschkalt sein, das Wasser hatte Anfang Juli maximal sechzehn Grad und war damit zwar etwas wärmer als die Lufttemperatur, aber immer noch kalt.

Als Alia nach einer - wie es mir vorkam Ewigkeit - immer noch total verkrampft neben mir saß, beschloss ich, mir die Zeit anders zu vertreiben. Meinen Plan jetzt durch zu ziehen, wäre die dümmste Idee überhaupt. Eher würde sie mir ins Gesicht springen, als dass das von mir erhoffte Ergebnis eintreffen würde. Sie würde mich dann zwar nicht mehr ignorieren, aber nicht auf die Art und Weise, die mir da vor schwebte.

Ich zog meine Kopfhörer und mein Handy aus der Hosentasche und stöpselte mir die Dinger ins Ohr. Ich benutzte schon seit Jahren In-ear-Kopfhörer, da die anderen bei mir einfach nicht hielten und es mich wahnsinnig machte, ständig meine Kopfhörer wieder ins Ohr stecken zu müssen. Da konnte man die Musik gar nichtig genießen. Außerdem waren die Dinger ziemlich schalldicht. Der Nachteil war, dass ich Alia nicht hören würde, sollte sie etwas zu mir sagen, aber damit rechnete ich sowieso nicht. Sie würde mich vermutlich noch bis an mein Lebensende ignorieren, sollte ich nichts tun. Und dieses eine Mal hatte ich tatsächlich vor auf Jesses Ratschlag zu hören.

Während meine Lieblingsmusik sich einen Weg durch meine Gehörgänge bahnte, beobachtete ich die ganze Zeit Alia. Sie war immer noch verkrampft, schien sich aber langsam oder sich etwas zu entspannen. Vermutlich hatte sie so langsam einfach akzeptiert, dass ich nicht so schnell wieder verschwinden würde. Das hatte ich auch gar nicht vor. Ich würde so lange hier sitzen bleiben, bis sie bereit für meinen Plan war, und wenn das eine Ewigkeit dauern sollte. Und für den Fall, dass sie gehen sollte, würde ich eben mitkommen. Amalia hatte mich genug übers Groupie sein gelehrt, dass ich Alia problemlos folgen konnte.

Auf einmal fing ich an, mit zur Musik zu summen. Es lief gerade You're Dead Wrong von Mayday Parade. Ich hatte dieses Lied schon immer geliebt und die Melodie des Refrains brachte alles in mir zum klingen. Mein ganzer Körper vibrierte innerlich mit und ich musste einfach mit singen. Dabei bemerkte ich , wie Alia mich neugierig ansah. Sie sah nicht so aus, als wüsste sie, was sie von mir und meinem Gesumme, das zugegebenermaßen vermutlich nicht besonders schön war, halten sollte.

Ein Abend frisch gemähtes GrasLies diese Geschichte KOSTENLOS!