Chapter 10

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„Hey! Jetzt wach endlich auf!"
Die Stimme klang, als wäre sie meilenweit entfernt, und dazu noch gedämpft, wie durch Glas hindurch.
Ein Stöhnen entwich Keiths Kehle.
Sein Kopf schmerzte, sein Hals fühlte sich trocken an und selbst mit größter Anstrengung schien es ihm unmöglich, seine Augen zu öffnen.
„Ich rede mit dir!"
Jemand packte ihn. Schüttelte ihn.
Er wollte nach dieser Person schlagen, doch...es ging nicht. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er begriff, weshalb dem so war.
Seine Hände waren auf seinem Rücken zusammengebunden worden, er spürte wie dünne Seile in seine Haut schnitten, sie aufscheuerten...
Was zur Hölle war hier los?
"Jetzt wach verdammt noch mal auf!" Diese Stimme...so vertraut und doch vollkommen fremd...ihr Klang...diese Wut in ihr...
Nein.
Nicht bloß Wut.
Hass.
Kalter, und zugleich paradoxerweise brennender Hass.
Langsam, und nur mit größter Anstrengung schaffte er es, die Augen zu öffnen.
Es war hell, das war das erste, was ihn auffiel. Kein Tageslicht, sondern grelles, elektrisches Licht, vergleichbar mit dem, was billige Neonröhren ausstrahlten...
Doch gab es in diesem Gebäude seit Jahren keine Lampen mehr. Sofern es hier überhaupt jemals Elektrizität gegeben hatte.
Also woher...
Dann erblickte er Rebecca, und der Fluss seiner sich um die Mögliche Herkunft des elektrischen Lichts kreisenden Gedanken wurde durchbrochen.
Sie stand vor ihm, ungefähr zwei Meter entfernt, starrte ihn an, mit bedrohlich funkelnden Augen. Bewegte sich nicht. Nicht einen Millimeter.
Man hätte sie für eine Statue halten können.
Doch nur bis zu der Sekunde, in der sie wieder zu sprechen begann; mit noch hasserfüllterer Stimme als zuvor.
"Oh wie schön! Wurde auch Zeit!"
"Was...was ist...", begann Keith, fing jedoch sofort an zu husten; woraufhin sein Hinterkopf noch stärker schmerzte als zuvor, aber er konnte nichts dagegen tun; sein Hals fühlte sich so grauenhaft trocken an...
Rebecca verzog den Mund zu einem Lächeln; einem Lächeln, das ebenso kalt war wie ihre Stimme und Keith einen Schauer über den Rücken laufen ließ.
"Du bist wirklich dämlich! Ich hätte echt nicht erwartet, dass das so einfach wird..." Sie kicherte. Machte einen Schritt auf ihn zu, hielt dann wieder inne. Atmete einmal tief durch.
"Jetzt wirst du für das Bezahlen, was du getan hast! Glaub mir...es wird dir Leidtun! Wenn wir mit dir fertig sind..."
"Wir?", unterbrach Keith sie, und dieses Mal ärgerte er sich nicht darüber, dass seine Stimme zitterte; in diesem Moment war ihm diese Tatsache vollkommen gleichgültig.
"Wer zur Hölle ist Wir? Und was wollt ihr von..."
Dann versagte seine Stimme. Mit offenem Mund starrte er Rebecca an - das wohl erste Mädchen, von dem er wirklich geglaubt hatte, sie ernsthaft mögen zu können -, versuchte, die richtigen Worte zu finden, was ihm erst nach einer gefühlten Ewigkeit und unter großer Anstrengung gelang.
"Du warst das, oder? Du hast diese Geister auf mich gehetzt! Du hast mir das angetan! Was bist du, eine Hexe oder so was?"
Langsam schüttelte Rebecca den Kopf. Ihr eisiges Lächeln verblasste ein wenig, die Wut in ihren Augen hingegen blieb. "Da liegst du ein ganz klein wenig daneben, mein Lieber. Ich kann dir da keinen Vorwurf machen, das Ganze ist wohl ein bisschen...kompliziert."
Dann nickte sie, eine Geste, die jedoch offensichtlich nicht Keith galt.
Kurz herrschte vollkommene Stille, kein Laut war zu hören...und dann ein lautes Knarren hinter ihm, das in der ruhigen Umgebung die Lautstärke eines Pistolenschusses innezuhaben schien.
Gefolgt von leisen Schritten.
In diesem Augenblick schossen Keith unzählige Gedanken zugleich durch den Kopf; weitaus mehr als er mit einem Mal verarbeiten konnte, und das Resultat dessen war eine wirre Mischung aus Panik und Verwirrung.
Wer kam da auf ihn zu? Joyce? Lindsey? Paul? Cindy? Eines der anderen Mädchen, an deren Namen er sich nicht genau erinnern konnte?
Dann hörte er die Stimme. Und vor Überraschung klappte ihm die Kinnlade herunter, sodass er ein wenig aussah wie ein überzeichneter Cartoon Charakter; die weit aufgerissenen Augen und der fassungslose Gesichtsausdruck unterstrichen diesen Eindruck noch weiter.
Etwas streifte seine Schulter; etwas kaltes, metallisches; er sah es im Augenwinkel aufblitzen, ähnlich der Klinge seines Messers; doch das war es nicht.
Und noch immer redete diese Stimme. Diese Stimme, die er nur allzu gut kannte, so oft gehört und wohl mit am wenigsten hier erwartet hatte.
"Hey, Keith! Na, wie geht's dir so?"
Den Lauf der im Schein der unbekannten Lichtquelle schimmernden Pistole auf Keiths Kopf gerichtet ging Kelso an ihm vorbei, dabei lächelnd, als wäre diese Situation irgendein freudiges Ereignis.
"Du hast auch schon mal besser ausgesehen. Schlecht geschlafen?"
Keith konnte nicht antworten.
Es ging nicht. War vollkommen unmöglich. Unmöglich, Worte zu finden.
Er saß einfach bloß da, versuchte, zu verarbeiten, was er in diesem Augenblick sah; diese seltsame und auf groteske Art und Weise unrealistische Szenerie, die sich ihm bot, doch konnte er es nicht begreifen, den Sinn dahinter nicht erkennen.
"D...du?", begann er schließlich zu stottern, dabei mit zusammengekniffenen Augen den Kopf schüttelnd, als würde ihm diese Handlung irgendwie dabei helfen, klarer denken zu können.
„Was...was machst du hier?"
„Er hilft mir.", erwiderte Rebecca an Kelsos Stelle. Sie wirkte etwas entspannter als zuvor; sicherer, ihn noch immer mit diesem eisigen Blick fixierend stieß sie ein heiseres Lachen aus.
„Du siehst noch verwirrter aus als vorher! Ich versuche, es dir zu erklären..."
Eine bedeutungsschwangere Pause.
Dann fuhr sie fort: „Die Geister, die du gesehen hast...und die Stimmen und alles...die existieren nicht."
Stille. Absolute Stille.
Man hätte ein Streichholz auf den Boden fallen hören können, so still war es - nicht einmal das Geräusch eines Atmens war zu hören.
Die gesamte Welt schien stillzustehen.
„Was soll das heißen?", stieß Keith schließlich heraus; er merkte wie wieder die vertraute Wut in ihm hochkochte; was redete die Schlampe da? Was zog sie hier eigentlich für eine Show ab?
"Red keinen Scheiß! Ich weiß was ich gesehen habe! Willst du mir jetzt erzählen, dass ich verrückt bin, oder was?"
"Nein." Diesmal war es Kelso, der antwortete, er hatte die Pistole hinter sich auf die Fensterbank gelegt und kramte nun in der Tasche seiner Jacke herum, Keith dabei keines Blickes würdigend. „Wo hab ich denn...ah, da."
Er zog etwas heraus, das Keith im ersten Augenblick für eine Flasche Nasenspray oder etwas in der Art hielt – Form, Farbe und Größe wiesen darauf hin.
„Was du hier siehst ist eine neuartige Form einer halluzinogenen Substanz. Sie greift auf Erinnerungen zurück - auch auf solche im Unterbewusstsein - und projiziert Dinge, die sich dort verbergen in den Alltag, um es einmal simpel auszudrücken. Und das so real, das man sie wirklich für echt hält."
Er packte die Flasche zurück in die Tasche und verschränkte dann die Arme vor der Brust.
„Ich hab sie dir zum ersten Mal am Vorabend des Tages verabreicht, an dem du deine erste Verabredung mit Rebecca hattest. Es dauert jedes Mal ein wenig, bis sie richtig wirkt, in den ersten Stunden verursacht sie höchstens Alpträume, wenn man schläft.
Und da ich mir fast hundertprozentig sicher war, dass du früher oder später wahrscheinlich ausrasten würdest habe ich Rebecca die Hälfte davon abgegeben - so konnte sie damit weitermachen, während ich im Krankenhaus lag."
"Aber...warum?" Obgleich Keith insgeheim das Übelkeit erregende Gefühl hatte, die Antwort auf diese Frage nur zu gut zu kennen, stellte er sie dennoch; wahrscheinlich, weil er es einfach nicht wahrhaben, nicht glauben konnte. Schließlich gab es doch keine Möglichkeit für die Beiden...
"Warum tut ihr so was? Seid ihr irgendwie geisteskrank oder..."
"Das sagt genau der Richtige!" Rebecca sah aus, als würde sie sich am liebsten auf ihn stürzen, und womöglich hätte sie saß auch getan, wenn Kelso sie nicht am Arm festgehalten hätte. "WER ist hier irre, Hm? Was glaubst du eigentlich..." Dann hielt sie inne, so abrupt, als habe jemand einen Schalter umgelegt.
Sie schüttelte den Kopf, senkte kurz ihren Blick, bloß um Keith gleich darauf erneut voller Hass anzustarren. Doch sie schrie nicht mehr. Wirkte nun beinah so ruhig wie Kelso.
Und als sie schließlich weitersprach, beherrscht und nur mit geringfügig zitternder Stimme, trieften ihre Worte nur so vor Sarkasmus.
„Was für unfassbare Zufälle es doch gibt; ich meine...wie viele Freundinnen hattest du schon? Das weißt du wahrscheinlich selbst schon nicht mehr! Und...alle, wirklich alle haben sich umgebracht?" Ein lautes Schnauben, gefolgt von einem Kopfschütteln. „Glaubst du etwa ernsthaft, dass das niemand verdächtig findet?"
„Ich weiß nicht, wovon du redest!"
Natürlich wusste er es. Nur allzu gut. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals; fieberhaft versuchte er, sich zu erinnern, wann er einen solchen Fehler begangen haben konnte, dass sie herausfinden konnten...
„Lindsey hätte sich niemals umgebracht!" Und nun war Rebeccas Stimme nicht mehr ruhig. Sie hatte ihn regelrecht angefaucht, wie irgendein hungriges Raubtier, und auch der Ausdruck in ihren Augen erinnerte an etwas Derartiges; tatsächlich hätte es Keith nicht weiter verwundert, wenn sie sich auf ihn gestürzt und versucht hätte, ihn zu zerfleischen. Doch das tat sie nicht. Sie stand einfach bloß da, ihn mit diesem Blick anstarrend, ihre Hände verkrampften sich noch mehr als zuvor und sie schien all ihre Willenskraft aufbringen zu müssen, um ruhig zu bleiben.
Und falls es ihr Ziel war, ihn einzuschüchtern, so gelang ihr das erstaunlich gut.
Doch das würde er ihr nicht zeigen. Niemals! Genau so wenig wie er zugeben würde, dass sie recht hatten mit den Verdächtigungen, die sie ja ganz offensichtlich hegten. Wer wusste schon, was sie vorhatten? Vielleicht hockten hier irgendwo versteckt irgendwelche Cops, die bloß darauf warteten, dass er ein Geständnis ablegte...obwohl er nicht glaubte, dass ein Geständnis vor Bericht Bestand haben würde, wenn man dabei mit einer Pistole bedroht worden war. Dennoch...er würde nichts sagen. Niemals.
„Und wie kommst du da drauf?", erwiderte er stattdessen, ihr dabei direkt in die Augen blickend, so schwer ihm diese Handlung auch fiel. „Denn ganz offensichtlich HAT sie sich umgebracht! Stand doch sogar in der Zeitung...und das hat verdammt noch mal nichts damit zu tun, dass ihr mir irgendwelche... Drogen gegeben habt! Was ist kaputt bei euch?"
Eine Antwort auf diese Frage sollte er nicht bekommen, zumindest noch nicht. Stattdessen gab Rebecca mit nun wieder ruhiger und nahezu vollkommen beherrschter Stimme zurück: „Ich kannte sie. Sie...sie war meine Stiefschwester!"
Stille. Absolute Stille. Als würde die komplette Welt stillstehen.
Rebecca wandte ihren Blick ab, was Keith wohl ein Gefühl des Triumphes gegeben hätte, wäre er nicht so überrumpelt von ihren Worten gewesen, und griff nach Kelsos Hand, welcher bei der Berührung leicht zusammenzuckte.
Niemand sagte etwas. Und Keith musste zugeben, dass er zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wirklich sprachlos war.
"Wir waren wie richtige Schwestern", fuhr Rebecca schließlich fort, und der Hass in ihrer Stimme war sehnsüchtiger Melancholie gewichen. "Und wie beste Freundinnen. Als sie dich kennengelernt hat, war ich gerade auf diesem Schüleraustausch in Europa. Sie hat mir immer vorgeschwärmt, wie glücklich sie wäre, mit dir zusammen zu sein. Und als ihr euch dann irgendwie zerstritten hattet, war sie am Boden zerstört." Sie hielt inne. Starrte ausdruckslos ins nichts. Die Sekunden verstrichen; Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Dann, endlich, sprach sie schließlich weiter; doch so leise, dass Keith sie beinahe nicht verstanden hätte: "Und zwei Tage später war sie tot."
Sie stieß ein leises Schluchzen aus und wischte sich mit einer Hand übers Gesicht; Tränen tropften auf den morschen Holzboden vor ihr. "Ich bin sofort nach Hause geflogen; ich wollte dabei sein bei ihrer Beerdigung. Sie haben mir erzählt, dass sie...sich erhängt hat." Ein Kopfschütteln. Sie hob den Blick; und als sie weitersprach, kehrte langsam der Hass zurück in ihre Stimme.
"Ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich wusste, dass sie so etwas nie tun würde; egal, wie verzweifelt sie auch wegen dieser Trennung gewesen war!" Ein weiteres Schluchzen. Noch mehr Tränen, die auf den Boden tropften. "Aber...keiner hat mir geglaubt! Meine Eltern meinten, das wäre einfach eine schlimme Zeit für mich, und meine Freunde haben mir das gleiche erzählt. Ich wollte zur Polizei gehen, aber ich hatte ja keine Beweise..." Sie stockte wieder. Schloss die Augen und atmete tief durch. "Niemand hat mir geglaubt. Jedes Mal, wenn ich dich in der Schule gesehen hab, wollte ich zu dir rennen und dich anschreien, dass ich es wüsste...Aber so klar, dass ich wusste, dass das nichts bringen würde, konnte ich schon noch denken." Ein Schulterzucken. "Ich hab versucht, irgendwelche Beweise dafür zu finden, dass es kein Selbstmord gewesen war, aber...es gab einfach nichts! Aber als ich bei einigen Recherchen herausgefunden hatte, dass jede, wirklich jede deiner Ex-Freundinnen sich entweder umgebracht oder irgendeinen Unfall gehabt hatte, verstärkte das meinen Verdacht natürlich! Aber irgendwie...Glaubte mir immer noch niemand." Sie stieß ein verächtliches Schnauben aus und verschränkte wieder die Arme vor der Brust. "Im ernst, ich kapier das bis heute nicht! Sind die alle blind? Ich meine...bitte! Wie kann man denn so naiv sein?"
Keith wollte etwas sagen. Irgendetwas; einfach, damit sie endlich aufhörte zu reden, doch noch immer brachte er keinen Ton heraus. Und Rebecca fuhr bereits fort: "Aber wie auch immer. Jedenfalls war ich mit Carol, meiner besten Freundin, im Museum. Eigentlich sollten wir für Bio etwas über das Leben der Dinosaurier recherchieren; aber ich hab immer noch die ganze Zeit versucht, sie davon zu überzeugen, dass Lindseys Tod kein verdammter Selbstmord war!" Wieder schnaubte sie, und in ihre Stimme mischte sich nun ein unglaublich bitterer Unterton. "Sie hat mir immer noch nicht geglaubt. Hat gemeint, ich solle mich verdammt noch mal damit abfinden, und ist gegangen! Meine "beste Freundin" hat mich einfach im Stich gelassen!"
Wieder schwieg sie. Starrte zu Boden, wirkte vollkommen geistesabwesend, versunken in ihren Gedanken.
"Sie hat dich für verrückt gehalten!", wollte Keith brüllen. "Sie hat geglaubt, dass du durchgeknallt bist, und damit hatte sie auch vollkommen Recht! Du bist irre! Genau wie Kelso!"
Doch brachte er nicht den leisesten Ton hervor. Es war, als würde etwas ihm die Kehle zuschnüren; etwas, das selbst den geringsten Laut am Durchkommen hinderte; dass er noch in der Lage war, zu atmen, schien an ein Wunder zu grenzen.
„Da hab ich sie auch getroffen.", ergriff nun Kelso das Wort, vorsichtig zog er seine Hand aus Rebeccas Griff und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Ich hatte sie ein paar Mal in der Uni gesehen, und ich wusste, dass sie Lindseys Stiefschwester war. Und da ich..." Er hielt inne, scheinbar überlegend, wie er seine folgenden Worte am besten formulieren sollte, und die entstehende Pause machte Keith noch einmal um einiges nervöser. „Weißt du, da ging es mir genau wie ihr; ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass all diese Tode deiner Ex-Freundinnen Suizide oder Unfälle gewesen sein sollten. Der von deinem früheren besten Freund Paul übrigens auch nicht. Oder?"
Paul. Er wusste sogar von Paul.
Paul, der von all den Leuten in seiner Clique der gewesen war, mit dem Keith sich am besten verstanden hätte, der, mit dem er am besten hatte reden können, der am meisten mit ihm gemeinsam gehabt hatte...zu viel wahrscheinlich. Denn irgendwann hatte er sich das gleiche Mädchen geschnappt, wie Keith. Zur selben Zeit. Und das war ein sehr sehr großer Fehler gewesen.
„Ich hab keine Ahnung, was du meinst.", knurrte Keith, hoffend, dass seine Unsicherheit ihm nicht anzuhören war. „Paul ist verunglückt! Oder kannst du nicht lesen? Beim Klettern abgestürzt! Was soll ich denn bitte damit zu tun haben?"
Das Seil ausgetauscht, das hatte er. Paul eines aus der Kiste gereicht, in denen sich die aussortieren befunden hatten, wissend, dass dieses keinesfalls in der Lage sein würde, Pauls Gewicht im Falle eines Sturzes abzufangen.
Doch davon stand nichts in den Zeitungen, auch nicht in irgendwelchen Akten. Denn es war ein tragischer Unfall gewesen!
Kelso jedoch ließ sich nicht im Geringsten verunsichern. „Ja, ich kann lesen.", erwiderte er unbeeindruckt. „Aber ich kann auch logisch denken. Jedem normal denkenden Menschen sollte klar sein, dass das alles so nicht stimmen kann. Glaub mir, das denken sich eine ganze Menge Leute..."
„Ward ihr das dann auch mit diesen Anrufen?", unterbrach Keith ihn, in der Hoffnung, so von diesem Thema ein wenig ablenken zu können, die Machtposition womöglich auch wieder zu seinen Gunsten zu verschieben. „Und der Brief? War der auch von euch? Der mit Cindys Schrift?"
Rebecca nickte, und ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen, dass Keith einen Schauer über den Rücken laufen ließ. „Ja. Ich hatte Lindseys Handy, und den Brief habe ich auch geschrieben..."
„Aber das war Cindys Handschrift!"
„Nein, ich habe mir nur sehr viel Mühe gegeben...", ein trockenes, und zugleich traurig anmutendes Lachen. Dann verstummte Rebecca wieder, und es folgten einige Sekunden gefüllt mit nervenzerreißender Stille, bevor Kelso erneut fortfuhr: „Jedenfalls, als ich merkte, dass Rebecca der gleichen Meinung war wie ich – dass das alles Unmöglich Suizide und Unfälle gewesen sein konnten – haben wir uns etwas überlegt. Eigentlich dachte ich, wir könnten dich einfach dazu bringen, dass alles zuzugeben. Dich der Polizei zu stellen. Aber..." Ein Schulterzucken. „Ich nehme an, darauf können wir lange warten. Das ist nicht dein Stil, oder, Keith?"
Keith hatte keine Ahnung, was er antworten sollte. Er fühlte sich, als wäre er soeben ausgesprochen heftig verprügelt worden, wenn seine Schmerzen auch rein psychischer Natur waren, am liebsten hätte er sich übergeben, doch gleichzeitig fühlte er sich, als könnte er keinen einzigen Muskel seines Körpers mehr bewegen...
Und er wusste ganz genau, dass sie recht hatten.
Er erinnerte sich dunkel an Lindsey, die zierliche, hübsche Lindsey. Ein nettes Mädchen, wenn auch ein wenig einfältig.
Und stur.
Das war auch der Grund für ihren Streit gewesen. Wenn er jetzt so darüber nachdachte, wunderte es ihn überhaupt nicht, dass Lindsey und Rebecca sich gut verstanden hatten, denn das Ende ihrer Beziehung war ganz ähnlich verlaufen. Lindsey war zwar weiter gegangen als Rebecca, doch irgendwann hatte auch sie Schiss bekommen; gesagt, dass sie noch nicht so weit wäre...was für ein Schwachsinn! Wenn sie dieser Meinung war, dann war sie es eben nicht wert, seine Freundin zu sein...oder am Leben.
„Aber du weißt, dass ich nicht verrückt bin!", riss Rebecca ihn aus seinen Gedanken und holte ihn zurück in die Realität. „Sag es! Sag, dass du es getan hast! Sag es!"
Er sagte nichts. Kein Wort. Da konnte sie noch so lange schreien und ihm von ihrer Lebensgeschichte erzählen. Er würde nicht sagen, dass er es getan hatte. Niemals! Er hatte sich geschworen, es niemals zu tun, nicht, weil er sich schämte, sondern...sondern weil das sein Geheimnis war. Seine Sache. Nicht ins Gefängnis zu kommen war eine Sache, doch als einziger die Gewissheit zu haben, dass er es gewesen war, der nicht bloß Lindsey, sondern auch all diese anderen, zweitklassigen Schlampen ermordet hatte...das gefiel ihm einfach unglaublich gut. Und sie würden niemals, niemals...
„Deine Mutter ist auch nicht auf natürliche Weise umgekommen, oder?"
Ein Satz. Ein einziger Satz, den Kelso so betonte, wie eine Frage über das Wetter, und Keiths Entschlossenheit und Gefasstheit fielen von ihm ab und ließen ihn vollkommen überrascht bloßgestellt zurück.
Er war auf einiges gefasst gewesen. Beleidigungen. Beschimpfungen. Weitere Vorwürfe. Aber...nicht dieser.
Damit konnte er nicht umgehen.
Er konnte gar nicht anders. Da war mit einem Mal nur noch diese eine Frage, die in seinem Kopf herumspukte, und er sah keine andere Möglichkeit als sie auszusprechen, auch, wenn sie einem Geständnis geradezu gleichkam:
„Woher weißt du das?"
Kelso tat ihm nicht den Gefallen, ihm eine Antwort zu geben. Stellte stattdessen eine Gegenfrage:
„Also hab ich Recht?"
Das konnte nicht sein. Das konnte er nicht wissen. Niemand konnte das. Bei seinen Freundinnen konnte ein Verdacht aufkommen; ja, das war nachvollziehbar...aber nicht bei seiner Mutter! Er und sein Vater hatten alle Spuren doch so sorgsam verwischt! Und am Ende war es ein Unfall gewesen...
„Woher weißt du das?", wiederholte Keith, und die Panik war seiner Stimme deutlich anzuhören. „Das kannst du nicht wissen! Das ist unmöglich!"
„Also habt ihr sie umgebracht? Du und dein Vater?"
Da...das konnte nicht sein...was...was passierte hier...
„Und so getan, als wäre sie die Treppe runtergefallen?"
Das. War. Un. Möglich!
Er wollte es leugnen. So, wie er all die anderen Morde leugnen wollte, doch es ging nicht. Es ging einfach nicht! Kelso hatte ihn vollkommen überrumpelt. Und Keith hatte all seine Deckung verloren. War nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, und nicht in der Lage, sich eine weitere Lüge auszudenken...und ein einfaches Nein hätte nach seiner vorherigen Reaktion keineswegs genügt.
„Woher weißt du das.", murmelte er, seine Stimme hatte jeglichen Klang verloren. „Das ist 15 Jahre her. Du kannst nicht wissen, dass wir das waren!"
Kelso lächelte. Keiths Geständnis schien ihn nicht im Geringsten zu irritieren, nicht zu schocken...gar nichts. Mit lapidarer Stimme gab er zurück: „Wusste ich auch nicht. Ich hab nur etwas recherchiert. Da stand, es war ein Unfall, ja. Ich hab einfach nur geraten. Und du hast es bestätigt."
Verdammt. Verdammt, verdammt, verdammt.
Kelso hatte ihn auflaufen lassen. Ihm eine scheinbar ausweglose Situation dargestellt und ihn so aus der Reserve gelockt...und dabei hatte er einen Scheißdreck gewusst!
Ich hätte ihn nicht bewusstlos schlagen sollen, ich hätte ihm das Genick brechen sollen!
„Schön! Okay! Ja, ich hab sie umgebracht! Sie alle"
Er hatte es nicht sagen wollen, doch jetzt, wo er es getan hatte, war es ihm egal. Sollte sie ihre Antwort kriegen, ihre Gewissheit, was brachte es ihr schon? Sollte sie doch zur Polizei rennen und ihn verpetzen! Dann würde er eben sagen, dass er bedroht worden war. Sie und Kelso hatten nichts gewonnen! Absolut nichts.
Und immerhin hielt Rebecca nun die Klappe. Starrte ihn einfach nur an, und die Wut in ihrem Blick war verschwunden, und etwas gewichen, was einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Trauer glich. Zumindest, soweit Keith das in diesem schwachen Licht beurteilen konnte.
Keith atmete tief durch. Niemals hatte er es zugeben wollen, doch jetzt war es so erleichternd, gab ihm ein Gefühl von Triumph, und das trotz der für ihn so unvorteilhaften Situation. Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, während er zusah, wie Tränen über Rebeccas Wangen liefen, die dastand wie erstarrt.
Er hatte angefangen. Jetzt konnte er auch weitermachen. Was machte das schon für einen Unterschied.
„Lindsey wusste doch gar nicht, wie gut sie es hatte!", begann er mit lauter Stimme, zu sprechen. „Keiner von ihnen wusste das! Sie...sie dachten, sie wären was Besseres! Sie dachten, sie könnten einfach tun, was sie wollten! Aber falsch!"
Ein lautes, geradezu hysterisches Lachen. Dann wandte er seinen Blick Kelso zu.
„Und was meine Mutter angeht...Sie hatte vergessen, wo sie steht! Sie wollte sich in die Geschäfte meines Vaters einmischen! Ihn an die Polizei verraten! Als wäre so ein bisschen Steuerhinterzug so furchtbar! Deshalb wollte sie unsere ganze Existenz zerstören! Sollten wir das vielleicht zulassen? Hast du überhaupt eine Ahnung, was das bedeutet hätte?"
Kelso antwortete nicht.
Und nun war alles still, oh, angenehme Stille, niemand schien zu wissen, was er sagen sollte, bis Rebecca schließlich und letztlich ein leises, klägliches Wimmern ausstieß.
„Du...du hast sie wirklich...du...verdammter Mörder!"
Dann bracht sie zusammen. Stürzte zu Boden und vergrub das Gesicht hinter ihren Armen, ihr Schluchzen hätte jemandem, der nicht so kalt war wie Keith, wahrscheinlich das Herz gebrochen. So verzweifelt. So voller Trauer.
Dabei hatte sie es doch hören wollen! Hatte es nicht anders gewollt!
„Rebecca..." Kelso kniete sich neben das Mädchen und legte ihr zögernd eine Hand auf die Schulter. Doch Rebecca schien ihn gar nicht zu bemerken, und falls doch, dann beruhigte seine Anwesenheit sie nicht im Geringsten. Eher im Gegenteil.
Ihr Schluchzen wurde lauter, immer wieder schnappte sie verzweifelt nach Luft, klang als würde sie jeden Augenblick ersticken...
Gott, wie ihr Geheule ihn aufregte! Wie armselig dieses Mädchen war...erneut von Wut gepackt biss Keith die Zähne zusammen und ballte die hinter seinem Rücken gefesselten Hände.
Nur, um gleich darauf zu spüren, wie das kratzige Seil sich lockerte.
Im ersten Moment konnte er es nicht glauben. Ruckelte reflexartig ein wenig weiter darum, und das Gefühl der Enge wurde immer weniger, das Tau rutsche über seine Handgelenke und es gelang ihm gerade noch, es mit seinen Fingern zu greifen und es am Herunterfallen zu hindern...
Gottverdammt. Er...er war frei!
Sie hatten sich für so klug gehalten. So genial.
Hatten ihn hierhergelockt und ihn überwältigt, ihn dazu gebracht, sich einzugestehen, was er getan hatte, obwohl er sich immer geschworen hatte, das niemals zu tun...
Aber sie waren zu dämlich gewesen, um seine Fesseln richtig zu befestigen.
Dumme, dumme Idioten.
Sie waren so gut wie tot. Alle beide.
Mit zusammengekniffenen Augen inspizierte Keith zunächst den Raum, dann die Distanz, die er zurücklegen musste, um an die noch immer auf der Fensterbank liegende Pistole zu kommen. Es waren vielleicht drei Meter, und wenn er das Überraschungsmoment klug ausnutzte, dann wäre es ein Kinderspiel, sie zu erreichen, bevor einer seiner beiden „Entführer" überhaupt kapierte, was los war.
Und dann wäre er derjenige, der hier das Sagen hatte. Und oh, das würde er genießen!
Keiner der beiden sah zu Keith, als der seine Muskeln anspannte und sich darauf vorbereitete, aufzuspringen. Es schien geradezu so, als hätten sie vergessen, dass er überhaupt da war. Konnte man wirklich so dämlich sein?
Wie lange würde er brauchen, bis er bei der Pistole wäre? Zwei Sekunden? Drei?
Es reicht!, schoss es ihm durch den Kopf – seine einfachen, eigenen Gedanken; wie wunderbar. Das reicht locker. Renn los, schnapp dir die Waffe und zeig den beiden, was passiert, wenn man sich mit dir anlegt!
Oh ja. Das würde er. Und sie würden gar nichts mitbekommen, bis es zu spät war!
Er sprang in genau dem Moment von seinem Stuhl auf, in dem Rebecca den Kopf hob und sich blitzschnell aufrichtete, und währe Keith in diesem Moment zu logischem Denken fähig gewesen, so hätte er seinen Plan wahrscheinlich auf der Stelle aufgegeben.
Doch in diesem Moment war da kein gesunder Menschenverstand, der ihm sagte, dass Rebecca höchstwahrscheinlich schneller bei der Pistole sein würde als er. In diesem Moment handelte er vollkommen instinktiv, geradezu blind, und als er in Richtung Fensterbank hetzte, kam es ihm vor, als würde alles um ihn herum sich plötzlich in Zeitlupe bewegen.
Rebecca, die sich herumdrehte und nach der Waffe griff, während Kelso einfach auf dem Boden hocken blieb und zwischen den beiden hin und herblickte. Wie sie die Hand ausstreckte. Die Finger um den Griff legte. Die Pistole an sich riss und wieder herumwirbelte, die Mündung nun direkt auf Keiths Gesicht gerichtet, der keine zwei Meter mehr von ihr entfernt war.
„Stirb endlich!", brüllte sie ihm entgegen, und nicht einmal jetzt, war er in der Lage, zu stoppen, sein Gehirn schien nicht bereit zu sein, seinen Muskeln irgendwelche Befehle zu geben. „Stirb, du verdammter Bastard!"
Dann drückte sie den Abzug.
Klick.
Kein Knall. Kein Schuss.
Die Waffe war leer.
Und am liebsten hätte Keith laut gelacht. Oh Gott, die beiden waren die dämlichsten Leute, denen er jemals über den Weg gelaufen war! Lockere Fesseln. Eine ungeladene Waffe! In einer Sekunde waren die beiden sowas von dra-...
Weiter kam er nicht mit seinen Gedanken, bevor der Boden unter ihm nachgab. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Krachen zersplitterte das morsche Holz und stürzte nach unten in die Tiefe; verzweifelt versuchte Keith, sich irgendwo festzuhalten, doch alles, was er zu greifen bekam, fiel ebenfalls der Schwerkraft zum Opfer...
Zusammen mit uraltem, morschen Eichenholz stürzte er nach unten. Fünf Meter, ein Sturz, den man unter normalen Umständen vielleicht hätte überleben können... Doch Keiths Fall wurde keinesfalls vom Boden des unter ihm liegenden Raumes beendet. Sondern von einem rustikalen, mit metallenen Spitzen versehenen Kerzenständer, der sich tief in Keiths Brust und Magen bohrte, bevor er unter dem Gewicht zusammenbrach.

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