Chapter 7

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Der einzige Grund dafür, dass Keith nicht wieder vollkommen ausgerastet war, war der, dass er geschlafen hatte.
8 Stunden lang, wenn auch von Alpträumen geplagt, und als er schließlich mitten in der Nacht aufwachte und keine weiteren Geisterstimmen vernehmen konnte, gelang es ihm beinah, sich einzureden, dass er auch das Auftauchen seiner Mutter bloß ein Traum gewesen war.
Beinahe.
Natürlich war er nicht einfach so eingeschlafen. Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit einfach dagestanden und den Aufforderungen seiner Mutter, die Tür zu öffnen, gelauscht hatte, war er schließlich in Kelsos Zimmer gehetzt, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her (an der Wand waren wirklich nicht mehr die geringsten Spuren von Blut zu sehen, doch wäre ihm das in diesem Moment ohnehin komplett egal gewesen), hatte die Schublade des Nachtschrankes aufgerissen und dort wirklich eine beinah volle Packung Schlaftabletten gefunden.
Jetzt war es fast elf Uhr, und er war immer noch allein in der Wohnung und trotz der Tatsache, dass nichts Ungewöhnliches zu sehen oder zu hören war pochte sein Herz heftig in seiner Brust.
Ja, er hatte damit gerechnet, dass sie wiederkommen würden. Doch hatte er dabei an Joyce oder Lindsey gedacht.
Nicht an seine Mutter.
Das machte doch keinen Sinn...oder?
Nein! Noch am heutigen Morgen hatte er sich eingebildet zu wissen, warum ihm das passierte, doch das änderte alles. Seine Mutter...
Er würde ohnehin nicht mehr schlafen können. Er war nun hellwach.
Also setzte er sich an seinen Laptop und begann, zu recherchieren.
Über Poltergeister und Heimsuchungen, Dämonen die Menschen befielen...
Das meiste davon war vollkommener Schwachsinn. Geschichten wie sie sich irgendein geisteskranker Horrorautor ausgedacht hatte.
Exorzismus, Geisterjäger...
Nach einiger Zeit schweiften seine Gedanken ab. Zu Filmen, die er gesehen hatte - Poltergeistern, Paranormal Activity und, Paradoxerweise, einem uralten Zeichentrickfilm, den er irgendwann als Kind einmal gesehen hatte.
In dem Mickey Maus mit irgendeinem Zauber Besen zum Leben erweckt hatte, diesen Zauber jedoch nicht wieder rückgängig machen konnte.
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.
Nur hatte Keith die Geister nicht gerufen. Zumindest nicht wissentlich.
Trotzdem verursachten diese Worte ihm Gänsehaut.
Die ich rief, die Geister...
Schnell schüttelte er diese Gedanken ab. Verdrängte sie in sein Unterbewusstsein.
"Ich habe niemanden gerufen!" Doch irgendwie konnte er seinen eigenen Worten nicht wirklich Glauben schenken.
Ein anderer Film fiel ihm ein.
"ES".
Indem die Protagonisten Dinge gesehen hatten - Blut und dergleichen - die ihre Eltern nicht sahen, und auch sonst niemand. Auch dort war es eine Art Spuk gewesen. Kein Wahnsinn.
"Was auch immer ihr wollt", zischte er um etwa zwei Uhr in die Dunkelheit seines Zimmers hinein, ohne wirklich mit einer Antwort zu rechnen "vergesst es! Verschwindet einfach!"
Gern hätte er noch etwas hinzugefügt wie "ich hab keine Angst vor euch!" Doch diese Worte brachte er nicht über die Lippen. Denn das stimmte nicht. Er hatte Angst. Und er glaubte, dass sie das auch ganz genau wussten. Dass sie womöglich alles wussten, seine Gedanken kannten, genau wussten, was er fühlte...
Und dass sie ihn in den Wahnsinn treiben wollten. Was sollten sie sonst wollen? Um ihn umzubringen, hätten sie genügend Gelegenheiten gehabt.
"Vergesst es!", wiederholte er, während er seinen Laptop zuklappte und auf den Tisch stellte. "Vergesst es! Das werdet ihr nicht schaffen!"
Doch im Grunde war er sich nicht im Geringsten im Klaren darüber, ob das wirklich der Wahrheit entsprach.

Obwohl es ihm gelungen war, noch für ein paar Stunden einigermaßen ruhig zu schlafen, und das selbst ohne Tabletten, glaubte Keith nicht, dass diese Ruhe anhalten würde. Dass die Geister verschwunden sein würden, für immer.
Und dem war auch nicht so.
Ist waren es bloß wieder Stimmen, die er hörte, von Joyce und Lindsey und sonst wem, aber zumindest nicht von seiner Mutter. Dann, in Chemie, setzte sich ein Junge in die Reihe vor ihm.
Sein Kopf saß seltsam krumm aus seinem Hals und sein Gesicht war mit verkrustetem Blut verklebt - sein Name war Paul, wie Keith sich erinnerte, und er war vor anderthalb Jahren beim Klettern mit Freunden abgestürzt und hatte sich das Genick gebrochen.
Keith war ebenfalls dabei gewesen. Und den Anblick der Leiche hatte er selbst jetzt noch vor Augen; deutlich wie eine Fotografie.
Die ganze Stunde saß er angespannt da, versuchte, Pauls bohrende Blicke zu ignorieren, und zuckte jedes Mal zusammen, wenn irgendeiner der anderen Schüler auch nur kicherte.
In der Mittagspause sah er dann Joyce. Sie stand neben ihm, als er an der Essensausgabe wartete, starrte ihn einfach bloß an, mit einem breiten Grinsen das ihr verfaulte Zahnfleisch enthüllte und diesen toten Augen...am liebsten wäre er einfach losgesagt. Doch das tat er nicht. Setzte sich einfach an den Tisch zu seinen Freunden und begann, zu essen. Als gäbe es keine toten Mitschüler, die ihn beobachteten, ihn verfolgten, stalkten...
Versuchte einfach, sich nichts anmerken zu lassen. Vielleicht würden sie dann irgendwann verschwinden...
Nach Vorlesungssende, als er sich gerade auf dem Nachhauseweg befand, klingelte sein Handy - Lindseys Nummer.
Dieses Mal ging er nicht ran.
Dieses Mal rannte er los.
Rannte, bis seine Lunge brannte als würde sie in Flammen stehen, blieb stehen, Keuchte, rang kurz nach Atem, rannte weiter.
Hit erst an, als er vor seiner Wohnungstür stand und mit zitternden Händen nach dem Schlüssel kramen musste.
Alles, woran er denken konnte, waren die Schlaftabletten. Schlaftabletten...Schlaf...und Alpträume.
Doch besser, Geister in Alpträumen, als in der Realität.
Wie lange das so weitergehen sollte, wusste er nicht, doch er wollte auch nicht darüber nachdenken. Zumindest jetzt nicht.
Und kurz kam ihm der Gedanke, ob es nicht vielleicht besser wäre, verrückt zu sein. Wenn es gar keine Geister gäbe. Vor Wahnvorstellungen musste man sich zumindest nicht fürchten.
Denn sie existierten nicht wirklich.
Doch diesen Gedanken verwarf er schnell wieder.
Er war nicht verrückt! Niemals! Verrückte Leute saßen in Zwangsjacken in Gummizellen und brabbelten unverständliches Zeug vor sich hin, sie waren im Grunde nichts anderes als Demenzkranke im Altenheim.
Schwachsinnig und wertlos.
Und so jemand war er nicht!
Mit einem Klicken sprang die Haustür auf. Noch immer zitternd stürzte er in die Wohnung, schlug die Tür hinter sich zu, lehnte sich dagegen und rang nach Atem.
irgendjemand war mit Sicherheit hier; Joyce, Paul, seine Mutter...aber gleich würde er schlafen und dann konnte ihm das egal sein. Wenn er aufwachte würden sie dann vielleicht wieder verschwunden sein, zumindest für ein paar Stunden, und dann könnte er nachdenken, was er tun sollte...Teufel, vielleicht würde er wirklich eines dieser Rituale zum "Reinigen" ausprobieren, um die Geister endgültig auszutreiben.
"Gott, hör dir doch mal selbst zu!", knurrte er, während er in Richtung seines Zimmers ging, „du hörst dich wirklich an wie ein Verrückter!"
Vielleicht würde ihm auch etwas Besseres einfallen.
Wieder wünschte er sich einen Moment lang, er hätte Kelso nicht verprügelt...zumindest nicht so heftig. Irgendetwas sagte ihm, dass er mit ihm hätte reden können. Obwohl...vielleicht hätte ihn ein ehemaliger Psychologie Student erst recht für verrückt erklärt. Vielleicht hätte er ihm geraten, sich Hilfe zu suchen. Von einem Psychiater.
Bei diesem Gedanken, schoss wieder Wut in ihm auf wie giftige Galle, wie von selbst ballten seine Hände sich zu Fäusten, und wäre Kelso in diesem Moment wirklich hier gewesen, dann hätte Keith ihn wahrscheinlich umgebracht.
"Ich bin nicht irre!", brüllte er, und es war ihm vollkommen gleichgültig ob Mrs. Milton ihn hören und wieder die Polizei rufen würde, ob es sich anhörte als würde er gerade Amoklaufen oder was auch immer.
Einen Augenblick lang war seine Angst und Verwirrung zu purer, kochender Wut geworden.
"Schrei nicht so, Keith!"
...Nein. Nicht schon wieder...
"Es gehört sich nicht, so herumzubrüllen. Das weißt du doch!"
"Hau ab!" Keiths Stimme war zu einem schrillen Kreischen geworden, und er schlug wild um sich als würde ein Schwarm Moskitos ihn attackieren. "Lass mich zufrieden! Lasst mich alle zufrieden!"
Die Tabletten. Da, auf dem Nachttisch. Gierig griff er danach.
"Keith! Du kannst doch nicht einfach irgendwelche Tabletten nehmen!"
"Halt die Fresse, Mom!"
Das Wasserglas. Die Flasche daneben öffnen, einschenken.
"Wie redest du denn mit deiner Mutter? Entschuldige dich sofort!"
"Verpiss dich, verdammt!"
Die Tabletten ins Wasser. Zusehend, wie sie sich sprudelnd auflösen.
"Kein Fernsehen heute Abend für dich! Und jetzt entschuldige dich!"
"Ich sagte, du sollst dich verpissen!"
Runter mit dem Zeug.
Aufs Bett legen. Augen schließen. Warten.
"Sieh mich an, wenn Ich mit dir rede!"
Das benommene Gefühl. Wundervoll. Befreiend.
"Keith!"
Das Gefühl, zu fallen. Und dann Schwärze.

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