Chapter 4

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Wie viel Zeit verstrichen war, bis sich der undurchdringliche Schleier aus Dunkelheit um ihn herum langsam lichtete, er in der Lage war, seine Augen zu öffnen, vermochte Keith im Nachhinein nicht mehr zu sagen, doch irgendwann, von einer Sekunde auf die andere, fuhr er wie von der Tarantel gestochen hoch.
Keuchte, starrte an die Decke, unfähig, sich zu bewegen oder auch nur den Blick abzuwenden, er zitterte am ganzen Leib, war verschwitzt und fühlte sich, als habe er gerade einen Marathon gelaufen...wobei ein Marathon wohl kaum ein solch durchdringendes Gefühl von Panik und Hilflosigkeit auslösen würde, wie er es in diesem Augenblick verspürte.
Dieses Gefühl, unfassbar stark, wollte ihn dazu zwingen aufzuspringen und loszurennen, wohin auch immer, Hauptsache weg, weg von hier, und von der Gefahr, der er hier ausgeliefert war...was auch immer das für eine Gefahr sein sollte.
"Eine übernatürliche Gefahr.", schoss es ihm in diesem Moment durch den Kopf, und obgleich dies Normalerweise ein Gedanke gewesen wäre, den er mit lautem lachen als vollkommen albern abgetan hätte erschien er ihm in diesem Augenblick vollkommen logisch.
Was er vor seinem offensichtlichen Ohnmachtsanfall gesehen hatte...war vollkommen unmöglich gewesen. Noch unmöglicher als die Erscheinung im Café, die man sicher noch irgendwie mit einem miesen Streich hatte erklären können...
Doch das eben -oder wie lange es auch immer her sein mochte- war noch viel viel schlimmer gewesen. Er hatte das Blut riechen können, hatte dabei zugesehen, wie es sich wie von selbst über die Wand ausbreitete und er hatte die abgetrennte Hand auf seiner Schulter gesehen. Hatte gespürt, wie sich ihre Finger in sein Fleisch gebohrt hatten...
Ein Wimmern entwich seiner Kehle.
Er hatte nie an so etwas wie Geister geglaubt und nur zu gern hätte er sich eingeredet, dass das alles nichts weiter als Wahnvorstellungen gewesen waren, ausgelöst durch was auch immer und bald wieder verschwunden...doch das konnte er nicht.
Er wusste was er gesehen hatte, gerochen, gespürt...
Und dann merkte er, wie sich eine Hand auf seinen Unterarm legte.
"NEIN!" Der Schrei war schrill und voller Angst, ließ ihn selbst zusammenzucken, doch auch die Hand ließ seinen Arm los. "LASS MICH IN RUHE! GEH WEG! WAS ZUR HÖLLE PASSIERT HIER EIGENTLICH?"
"Keith! Beruhig dich!"
Er hatte erwartet, die Stimme würde zu einer weiteren Geistererscheinung gehören. Womöglich zu Joyce, oder zu Lindsey, oder zu wem auch immer...doch dies war nicht der Fall.
Einen Moment lang überkam ihn eine unfassbare Erleichterung.
Er schaffte es nun sogar, den Kopf zu drehen, und sein zuvor vor lauter Panik rasendes Herz beruhigte sich ein wenig.
Noch nie zuvor hatte er sich so sehr darüber gefreut seinen Mitbewohner zu sehen wie in diesem Augenblick.
Kelso hockte neben ihm auf dem Boden, in einer Hand ein Glas Wasser, das er Keith hinhielt.
Sein Blick drückte eine Mischung aus Besorgnis und Verwirrung aus, und noch etwas anderes...doch konnte Keith nicht wirklich zuordnen, was es war. Allerdings interessierte ihn das in diesem Moment auch nicht weiter, gierig griff er nach dem Wasserglas, machte sich daran, es in großen Schlucken zu leeren; sein Hals war so trocken als hätte er seit Tagen nichts mehr getrunken.
Die kühle Flüssigkeit tat unglaublich gut, und gern hätte er noch weitaus mehr davon getrunken, doch das Glas war bereits leer und nun begann Kelso wieder, zu reden. "Was zur Hölle ist denn mit dir passiert? Und was machst du in meinem Zimmer?"
Keith gab keine Antwort. Zwar ging es ihm nun besser und der Großteil seiner Panik war verschwunden, nicht jedoch das durchdringende Gefühl einer unbekannten Bedrohung, die sich jederzeit wieder zeigen konnte, sich auf ihn stürzen in der Gestalt irgendeiner bekannten Person, und ihn so langsam in den Wahnsinn treiben würde...
Selbst wenn er hätte antworten wollen, hätte er keinen Ton herausgebracht.
"Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen!"
Diese Worte ließen ihn ein weiteres Mal zusammenzucken. Sie hallten in seinem Kopf wider wie ein Echo in den Bergen, er begann wieder, zu zittern und hatte wieder dieses Bedürfnis, einfach loszurennen.
Kelso hatte ja keine Ahnung, wie Recht er mit dieser Aussage hatte...
"Da...da war..." Er hielt inne. Was sollte er sagen? Das, was er gesehen hatte, würde ihm niemand glauben, nicht einmal sein Mitbewohner. Das war einfach...zu verrückt!
Kelso nahm das leere Glas, stand auf.
"Was denn?" Ging zu seinem Schreibtisch und stellte das Glas darauf ab. "Was war wo?"
Hätte Keith die Absicht gehabt, weiterzusprechen, so wären ihm spätestens jetzt die Worte im Halse stecken geblieben.
Seine Augen weiteten sich, sein Unterkiefer klappte herunter und seine Hände begannen, sich panisch zu verkrampfen.
Der Anblick, der sich ihm bot, nachdem Kelso aufgestanden war und so den Blick auf die gegenüberliegende Wand freigegeben hatte, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.
Er hatte erwartet, dass die Spuren des Grausamen Schauspiels vor seiner Ohnmacht verschwunden sein würden, so wie auch Joyce verschwunden war als er wieder zu sich gekommen war, doch dem war nicht so.
Das Blut war noch immer da. Nur hatte sich das Gesamtbild ein wenig verändert.
Zu den dünnen quer über die gesamte Wand gezogenen Linien hatte sich nun noch etwas gesellt, vier große, aufgrund des mittlerweile getrockneten Blutes braune Worte: Ich werde dich kriegen.
Er starrte sie an wie ein Kaninchen eine Schlange, und genauso fühlte er sich auch, wie ein wehrloses Opfer, das einer furchterregenden Bestie gegenüberstand, das geifernde Maul weit aufgerissen, die langen scharfen Zähne gebleckt und jederzeit bereit, ihn zu verschlingen...
Doch so furchtbar dieser Anblick auch war, so beängstigend, so bedrohlich, als der erste Schock überwunden war, schlich sich ein dünnes, leichtes Lächeln auf Keiths Gesicht. Jetzt war er nicht alleine. Jetzt war jemand hier, der ihm bestätigen konnte, dass er sich das nicht bloß einbildete! Dass er nicht verrückt war!
Er sprang auf. Stürzte zu Kelso, packte ihn am Arm. Zeigte noch immer zitternd auf die Wand, schrie beinah: "Das! DAS ist passiert! Ich hab gesehen, wie es jemand an die Wand geschrieben hat!  Aber da war niemand! Das war wie in einem dieser Horrorfilme mit Poltergeistern oder so! Ich weiß wie das klingt aber ich hab es gesehen! Es..."
"Okay, jetzt warte mal kurz!" Abwehrend hob Kelso die Hände, machte einen Schritt zurück, weg von Keith, und musterte ihn mit einem Blick, als sei er sich nicht sicher, ob er noch alle Tassen im Schrank hatte. "Wovon genau redest du?"
"Willst du mich verarschen?"
Keiths Stimme klang nicht wütend, wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre; sie klang einfach bloß fassungslos, nichts weiter. "Oder bist du blind? Guck doch, verdammt nochmal! Guck dir die Wand doch an!"
Das tat Kelso, das hatte er auch zuvor bereits getan, doch sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, wurde nicht zu einer Maske von Angst und Entsetzen, sondern drückte bloß Verwirrung aus.
"Also, wenn du nicht zufällig panische Angst vor Postern hast, dann weiß ich wirklich nicht..."
Und jetzt kam die Wut. Eine unfassbare Welle von Aggression, wahrscheinlich so stark aufgrund der Angst, die von Keith Besitz ergriffen hatte.
Wie von selbst schossen seine Arme nach vorne, packten Kelso an der Schulter, schüttelten ihn. Selbst seine eigene Stimme vernahm er bloß gedämpft, wie durch einen Schleier, als er brüllte: "Hör auf, mich zu verarschen! Ich meine das Blut! Das verfickte Blut da quer über deiner Wand! Scheiße, verarsch mich nicht! Ich meins Ernst!"
"Keith, da...da ist kein Blut!" Verzweifelt versuchte Kelso, sich loszureißen, doch Keith packte bloß noch fester zu; er war viel viel zu stark; wahrscheinlich hätte er seinem Mitbewohner ohne viel Aufwand den Arm brechen können. Doch das hatte er überhaupt nicht vor.
"Guck es dir an!" Nun war seine Stimme kaum mehr als ein Zischen, und obwohl ihm im Grunde längst klargeworden war, dass Kelso das Blut wirklich nicht sah, interessierte ihn das in diesem Augenblick nicht im Geringsten.

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