Davor, Danach und die Farbe des Lebens

4 2 0



Es ist vierzehn Uhr achtunddreißig, also mitten am Tag,

ich sitze in meinem Zimmer über dem Park

und höre den Kindern beim Spielen zu,

Gelächter, Geschrei, ich trotzdem in Ruh',

noch ein Morgen vorbei,

Gelächter, Geschrei,

Zeit vergeht und ich höre meinen Herzschlag dabei.

Sie überrascht mich immer wieder,

die Melodie der Lebendigkeit.


Die Gegenwart schreibt heute farbenfrohe Lieder

und hat Glück für mich übrig.

Davor schreibt hingegen nur blasse Gedichte aber

davor ist sowieso immer so schnell

danach und

danach war früher immer so schnell

vergessen.

Danach zeichnet heute in schwarz und weiß.

Klare Linien. Kein Grau. Wahr oder falsch. Kalt oder heiß.

Aber ich glaube, ich habe dennoch vergessen,

wie man vergisst.

Vielleicht liegt es an der Farbe der Gegenwart, die selten verblasst.

Ich bin kein Mensch mehr, der weder Farbe noch Zeit misst,

wie ich war.

Ich weiß, wann ich bin.

Ich weiß, wer ich bin.


Es ist zweiundzwanzig Uhr zwölf und ich höre Musik

Und dass ich die Uhrzeit kenne

betrachte ich als Sieg,

weil wenn alles Grau ist, nicht mal schwarz und weiß,

ist die Zeit wie Eis,

das nie zu vergehen scheint.

Und wenn man dann meint,

ein Tag, eine Woche, ein Monat sei vergangen,

überlebt, überstanden,

hat man trotzdem das Verlangen,

in der Zeit zurückzugehen,

weil es sich anfühlt, als hätte man

einen Tag, eine Woche, einen Monat verloren,

an die Sorgen, ans Eis, ans Grau, nicht mal schwarz und weiß.

Man wünscht sich noch immer, man sei nie geboren.

Und vielleicht sollte man einfach endlich gehen,

da die Augen sowieso nur Ende sehen.

Ende und Grau und Sorgen und Angst und Verzweiflung und Einsamkeit und

Vergessen. Ja, Vergessen ist da.

Vergessen heißt immer Verlieren.

Und ich dachte, ich hätte alles verloren.


Es ist sieben Uhr fünfundzwanzig und ich trinke Kaffee vorm Unterricht

Und ich fühle mich fast glücklich, auf jeden Fall wach

und davor wurde wieder Gegenwart wird wieder danach

und mein Herz, die Gegenwart macht so viel Krach,

spielt die schönsten Lieder,

denn ich lebe wieder,

vielleicht auch einfach immer noch.

Und nur noch Monate müssen vergehen,

dann bin ich fertig mit dieser Etappe meines Lebens,

habe einen Abschluss und damit Zukunft in der Hand.

Und im Gegensatz zu früher will ich nicht fliehen,

sondern dem Danach nach dem Ende eine Chance geben.

Ein neuer Anfang.

Ich bin hier und ich wachse und ich lerne und ich glaube wieder ans Danach, ans Leben.

Mein Davor hat sich getäuscht,

zu Hoffen war nicht gegen jede Vernunft.

Zu Hoffen war gesund.

Und wenn es so weiter geht bin ich das auch irgendwann.

Gesund. Vielleicht sogar glücklich.

Und vielleicht kostet es nicht Mal die Ewigkeit

Sondern nur noch ein klein bisschen Zeit.

Und davor wird Gegenwart.

Wird danach.


Und ich lebe in Farbe.

Verlieben, Vergeben, Verlassen. Erinnern. - PoesieWo Geschichten leben. Entdecke jetzt