6.10. Skypen um Unsummen

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Seit einer guten Stunde stehe ich an der Gitterstabtür, blicke auf die verwitterte Gebäudewand der Polizeistation und drücke meine Stirn gegen die rostigen Stäbe. Das Warten und die Ungeduld zermürben mich. Für die Zeitungen fehlt jegliche Konzentration. Doch endlich, an der Gebäudeecke tut sich etwas. Es ist tatsächlich Officer Sarang, der um die Gebäudeecke spurtet. Er begrüßt mich, überschwänglich und herzlich, wie einen alten Freund, lässt das Schloss knacken und die Türe beim Öffnen quietschen. 'So schöne Geräusche sind das!', freue ich mich.

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Als wir den Windfang betreten, geht gerade weiter hinten im Flur die Tür von Ma'am Papillios Büro auf und die Dame vom Empfangstresen des Hotels tritt gemeinsam mit Ma'am Papillio hinaus. Sie verabschieden sich fröhlich. Uns bemerken sie nicht. Officer Sarang drückt mich sanft in sein Büro und verschließt schnell die Tür.

Ich wundere mich zwar, warum die Hotelfrau hier in der Polizeistation ist, aber fragen werde ich Officer Sarang dazu nicht, denn sicherlich ist sie von den Polizistinnen befragt worden. Stattdessen frage ich: "Sir, wieder im Dienst?"

"Ja, Sir Heger, bin zurück im Dienst", seufzt der Officer.

Auf Officer Pangutanas Schreibtisch steht mein Rucksack: "Sir, wäre Skype möglich?"

"Sicher, Sir Heger!"

Bis auf Officer Sarang ist das Büro verwaist. Ich starre auf des Officers leeren Schreibtisch, dann zum Officer.

"Oh, mein Sohn John!", errät der Officer meine Gedanken. "Der ist ein paar Tage bei meiner Schwester. Da sind auch weitere Kinder. Sir, Sie glauben nicht, was derzeit hier los ist!"

Ich fühle mich angesprochen und ziehe die Augenbrauen zusammen: "Wegen mir, Sir?"

Der Officer wird verlegen, fährt sich übers Haar und stöhnt: "Im Allgemeinen haben wir ja immer viel zu tun und ja, natürlich auch wegen Ihnen."

Ich beginne den Laptop aufzubauen.

"Entschuldigen Sie, wenn ich erneut frage, aber Ma'am Papillio hat gestern – oder war das vorgestern? – gesagt, die Entscheidungsgewalt zu einer Entlassung läge beim Staatsanwalt. Wissen Sie etwas Genaueres oder gibt es neue Entwicklungen, Sir?"

Officer Sarang sind die direkten Fragen unangenehm, das ist mir inzwischen klar. Er sortiert nervös Papiere und antwortet schnell: "Nein, Sir Heger, da bin ich überfragt."

Mit der Antwort gebe ich mich zufrieden, denn der Laptop piept und ich erfrage das WiFi-Passwort, welches Officer Sarang dann gleich eintippt.

Vorsichtig frage ich: "Und wie ist die Pressekonferenz gelaufen? Haben wirklich so viele Leute an fünf schlafenden Kindern und einem Deutschen im Hotel Interesse?"

Officer Sarang antwortet wieder ausweichend: "Ach, die Pressekonferenz, die ist unspektakulär gewesen. Jedenfalls für uns Polizisten."

Mit der Antwort kann ich absolut nichts anfangen, belasse es dabei und stelle keine weiteren Fragen mehr. Skype startet auch bereits.

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Es dauert nur Sekunden, dann ist die Verbindung mit Bild und Ton hergestellt. Officer Sarang bemerkt, dass die Zeit ab 18 Uhr sehr vorteilhaft sei, da nur noch wenige das Internet in der Polizeistation nutzen. Dann zieht er sich an seinen Schreibtisch zurück und klappt den Laptop auf.

"Hallo, Tommy!", tönt es aus den Lautsprechern. Geschirr in Deutschland klimpert und klirrt aus den beiden Lautsprechern.

"Ihr seid wohl gerade mit dem Frühstück fertig, was?"

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt