6.09. Ma'am Solanos Telefonate

16 2 0

Ma'am Solano ist endlich von diesem stressigen Trip zum Haus der Gesundheit zurück. Ausflüge wie dieser behagen ihr überhaupt nicht. Sie ist alleine im Büro, sitzt am Schreibtisch und steckt das Cellphone an den Charger. Sobald sich die Batterie einigermaßen erholt hat, muss sie zuerst Sir Steiner vom TV-Sender anrufen. Das Interview ist zwar kurz gewesen, aber sie hat ihr Versprechen gehalten, es zu ermöglichen. Gebannt starrt sie auf die Batterieanzeige ihres Cellphones und überlegt: 'Nein, Ausflüge wie dieser heute sind mir zuwider. Gerade mit Straßenjungen, diese klebstoffschnüffelnden Kinder. Die sind zu allem fähig und nutzen solche Ausflüge gerne zum Abhauen. Gut, dass heute der Polizist dabei gewesen ist. Da trauen die sich das nicht. Undankbares Pack! Da holen wir die Gören von der Straße und dann haben wir nur Stress mit denen. Es wird Zeit, dass mein Boss Sir Sala für die drei Gestalten einen Platz in einer geschlossenen Einrichtung findet. Am besten ganz weit weg, irgendwo in den Bergen, damit endlich wieder normale Zustände bei uns im Kinderheim herrschen und sich die Öffentlichkeit nicht weiter über bettelnde Rugbyboys aufregen muss. Aber die wachsen ja ständig nach, wie Unkraut sind die!'

Endlich sind die Sekunden vergangen und sie kann ihr Cellphone einschalten. Sofort wählt sie Steiners Nummer. Es knackt im Lautsprecher und sie flötet, ohne dass Steiner auch nur ein Wort sagen kann: "Oh, Sir Steiner, hier ist Ma'am Solano vom BSWD. Sind Sie zufrieden mit dem erneuten Interview der Kinder?"

Steiner zieht offensichtlich an einer Zigarette und bläst dann aus: "War etwas kurz, Ma'am, das Interview, aber okay. Unter diesen Umständen müssen wir ja froh sein, überhaupt die Kinder vor die Kamera zu kriegen. Wir schneiden das Interview hinter den Bericht zur Pressekonferenz." Steiner lacht plötzlich laut: "Na, diese NGO hat dort ja für gute Stimmung gesorgt und die Polizei einmal mehr gehörig blamiert!"

Ma'am Solano weiß nicht, auf welche Informationen sie zuerst eingehen soll. 'Das Wichtige zuerst', denkt sie und stellt fest: "Aber, Sir Steiner, Sie sind doch wieder exklusiv mit dem Kinderinterview und die Polizistinnen haben recht besonnen reagiert."

Steiner räuspert sich, aber geht nicht weiter auf die NGO ein: "Oh, Ma'am Solano, Sie entwickeln sich noch zum Medienprofi, aber wo Sie recht haben, haben Sie recht!"

Ma'am ist sich unsicher, ob in Steiners Stimme Sarkasmus mitschwingt. Sie wiederholt langsam: "Aber Sie sind doch wieder exklusiv mit dem Interview!"

Steiner reagiert schnell: "Ja, Ma'am, exklusiv, dank Ihnen! Wann können Sie mich besuchen? Heute ist es schon recht spät. Oder, Ma'am, ich habe eine bessere Idee. Ich hinterlege ein Kuvert für Sie am Empfangstresen. Das können Sie dann jederzeit abholen. Wir haben, denke ich, nichts weiter zu besprechen und Sie können sich sicherlich vorstellen, Ma'am Solano, dass wir in Arbeit ersticken."

Ma'am Solano ist erleichtert. Sie liebt Sir Steiner, wegen dessen unheimlicher Fähigkeit, ihre Gedanken lesen zu können: "Vielen Dank, Sir, dann will ich nicht weiter Ihre kostbare Zeit stehlen. Wenn wir wieder eine Geschichte dieser Art haben, rufe ich Sie selbstverständlich sofort an. Ah, Sir Steiner, wir haben noch zwei Brüder aus einer Familientragödie im gleichen Alter wie die Fünf aus dem Dorf. Mutter vom Ehemann verprügelt, Ehemann ist jetzt im Gefängnis, die Mutter noch im Krankenhaus. Interesse, Sir?"

Ma'am hört, wie Steiner den Rauch der Zigarette ausbläst, er stöhnt: "Nein, Danke, Ma'am! Das ist zu alltäglich und keine wirkliche Sensation. Dazu haben wir derzeit den Fall des Deutschen. Da ist noch einiges herauszuholen - und da bin ich mir ganz sicher, Ma'am - bevor die Zuschauer das Interesse verlieren."

"Gut, Sir Steiner!", erwidert Ma'am, "Dann sage ich vielen Dank und bis zum nächsten Mal."

Ohne eine weitere Reaktion Steiners ist das Gespräch beendet.

〰〰〰✴✴✴〰〰〰

Ma'am Solano schaut auf das Display und flüstert: "Habe ich doch richtig gehört, da ist ein Anruf gewesen. Eine unbekannte Nummer."

Schon klingelt ihr Cellphone: "Ma'am Solano? Bin ich dort richtig bei Ma'am Solano im BSWD? Mein Name ist Mc Bride vom Hilfsverein Prowoch. Wir haben uns heute früh kurz auf der Pressekonferenz begrüßt. Leider sind Sie dann sehr schnell verschwunden. Ma'am Tolisan, die Polizistin, war so nett und hat mir Ihre Nummer gegeben. Ich denke, das geht in Ordnung?"

Ma'am Solano stottert: "Ja, gut, Mr. Bride, was kann ich für Sie tun?"

"Ma'am Solano, Sie wissen sicherlich, dass unsere Organisation ein Hilfspaket für missbrauchte Kinder bereitstellt." Mc Bride senkt die Stimme und flüstert: "Natürlich beinhaltet das Spendenhilfsprogramm auch Zuwendungen an das zuständige Jugendheim des BSWD."

Ma'am Solano horcht auf: "Ach, und das wäre?"

"Geldbeträge ohne bestimmten Verwendungszweck, Ma'am. Kleidung für die Kinder, Finanzmittel für die tägliche Verpflegung, eventuell Dinge für die Schule, aber auch Ausstattung für Ihre Einrichtung, Ma'am. Zum Beispiel Matratzen, was immer Sie benötigen!"

Ma'am Solano beginnt zu schwitzen und stöhnt: "Ja, aber wie kommen wir an die Gelder, Sir Bride?"

"Mc Bride, Ma'am, mein Name ist Mc Bride. Über das Wann und Wie, Ma'am, darüber reden wir später. Ich bin auf dem Weg zurück nach General de Santos. Auf halbem Weg liegt Sendong City und da dachte ich, besuche ich einmal den Ortsteil, wo die Familien herkommen. Ich möchte mich dort ein bisschen umsehen. Dazu brauche ich aber den Namen der Barangay, also des Ortsteils. Sonst suche ich mich ja tot!" Mc Bride lacht beim letzten Satz laut, sodass es Ma'am unangenehm im Ohr klingelt.

Ma'am fühlt sich überfahren und stammelt: "Sendong City, Barangay Laog, sehr dicht am Meer."

"Danke, Ma'am, wir hören uns." Sogleich ist das Gespräch beendet.

Ma'am Solano blickt ungläubig auf ihr Cellphone und sagt erfreut zu sich selber: "Na, das wäre ja sehr gut!" Dann speichert sie die neue Telefonnummer unter dem Kürzel "NGO" in ihrem Telefonbuch ab.

Copyright © by NOKBEW™

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt