*25. Cynthia*

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Liebe ist Scheiße.

Geschichten über die perfekte Liebe sind Scheiße. Ihr Buch ist über die Liebe. Ihre Liebe zu mir, ihren Schmerz.

Ich kann es nicht lesen. Jedes Wort scheint vor meinen Augen zu verschwimmen, jedes Wort treibt Übelkeit in mir auf. Ihre Handschrift macht mich krank, die Art, wie sie das J in meinem Namen schrieb.

Mein Bett ächzt, als ich mich auf die Seite drehe. In der Hand halte ich noch immer das Blatt, welches das Vorwort ihres Buches werden soll.

Einzelne Satzteile schreien mich förmlich an. Das erste und letzte Mal. Wie weit darf man im Namen der Liebe gehen? ICH WILL STERBEN. Jay, denke daran: Ich liebe dich.

Mit einem Stöhnen lege ich mich wieder auf den Rücken und starre die Decke an. Ich habe es versprochen und mein Versprechen vergessen, das schrieb Cynthia, doch ich hatte es lediglich verdrängt. Ich bin mir so sicher gewesen, dass wir Cynthia aus ihrer Situation ausgeholfen hatten, dass wir ihr immer beistehen würden, dass sie glücklich sein konnte.

Die letzten zwanzig Stunden hatte ich damit verbracht, Cynthias Worte auf meinen Laptop zu übertragen und zu heulen. Es ist schon wieder dunkel, vermutlich kurz vor dreiundzwanzig Uhr, doch einen genauen Blick auf eine Uhr zu werfen, kostet mich zu viel Mühe.

Vor fünfunddreißig Stunden wurde Cynthia beerdigt. Ich seufze und versuche ruhig weiter ein und auszuatmen. Nichts ergibt mehr Sinn, ich verliere jegliches Zeitgefühl. Dass Kath und Jesse mich gestern besucht haben, scheint Jahre her zu sein.

Ich werfe einen erneuten Blick auf ihr Vorwort.

Ich muss sagen, so etwas habe ich noch nie getan. Und es wird auch das einzige Mal sein. Das erste und letzte Mal. Die ganze Situation in der mein Leben sich befindet, ist eine bunte Ansammlung aus ersten Malen.

Die gesamte Geschichte zu Cynthias Leben ist zu privat. Ich kann sie nicht lesen, es ist zu viel von ihr. Zu viel von ihrer Denkweise, ihrem Lachen, ihrem Schmerz.

Der Grund ist ganz einfach: Ich kann meine Vergangenheit nicht vergessen, ich kann nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Als wäre mein Leben durchgehend schön. Es gab Momente in denen ich glücklich war, Momente mit Jay und Kath, doch sobald ich wieder alleine war, stürzten die Erinnerungen auf mich ein. Jeder Tag endete gleich: Einsam, depressiv und eingesperrt.

Jay wusste von Anfang an, dass ich gehen will. Er wusste von Anfang an, wie sehr ich das Leben, mein Leben, hasste. Und ich wusste von Anfang an, dass er sein Versprechen erst meinen würde. Selbst wenn es schwer werden würde, er würde mir helfen. Genauso wie er mir mit dem Buch helfen wird.

Leider hat Jay sein Versprechen vergessen, ich hätte ihn niemals damit hineinziehen dürfen, doch, Jay, denke daran: Ich liebe dich.

Ein furchtbares Angebot, welches ich ihr gemacht hatte. Ein so schreckliches, dass ich mich selbst dafür verabscheue.

Der erste Teil ihres Werkes handelt von ihrer Verzweiflung, ihrem Kummer und der Angst. In ihren Augen war ich der letzte Ausweg. Wie ein Gnadenschuss für jemanden, der langsam und qualvoll starb. Ich bin die Waffe gewesen, die sie noch gebraucht hatte. Und trotzdem hatte sie sich das Leben nicht genommen, jedenfalls nicht sofort. Sie ließ sich auf den Deal ein, hat einen Wunsch nach dem anderen erfüllt und ihre Freiheiten genossen. Sie hatte ihr Leben nicht einfach beenden wollen, sie hat mehr daraus gemacht. Sie hat mir vertraut.

Aber Glück sollt wohl niemals ewig wehren. An dem Tag an dem wir alle unsere Sachen endgültig gepackt hatten um Santa Monica zu verlassen, stand Panik in ihrem Gesicht geschrieben. Es war ein wunderschönes Wochenende gewesen. Wir waren einander immer nah gewesen, doch nie zu nah.

Irgendwann hatten die Leute angefangen zu erzählen, wir hätten miteinander geschlafen. Es lag an mir, davon geht man aus. Jay trifft sich mit der, sie sind bestimmt im Bett gewesen, es schien einfach logisch zu sein, dass ich auch mit Cynthia im Bett gewesen bin.

Sex auf Jesses Party.

Sex am Strand.

Sex wann immer wir uns sahen.

Die Unterschiedlichsten Personen hatten uns angeblich erwischt, uns gesehen oder gehört, doch nie die Leute, mit denen wir wirklich unsere Zeit verbrachten.

Cynthia hatte nie viel über ihre Vergangenheit erzählt, das war einer der Gründe, wieso ich ihre Geschichte nicht lesen konnte. Ich wollte es nicht auf die Art erfahren, nicht so. Von Lukas erfuhr ich erst spät und das nicht einmal von ihr. Die Woche nach dem Campingausflug war, im Gegensatz zu der nach dem Wochenende in Henderson, seelenruhig verlaufen.

Fotos auf Facebook die Louisa von dem Campingausflug gemacht hatte, sorgten für Gespräche. Cynthia, das stumme, komische Mädchen.

Ich hoffe so sehr, dass meine Eltern dies irgendwann zu lesen bekommen. Nicht um ihnen weh zu tun, sondern damit sie endlich verstehen, ich will nichts anderes von ihnen. Nur, dass sie verstehen. Dass die beiden verstehen, dass ich keine Kraft mehr habe. Ja, Jay hat ein Leben verbessert, er gab mir Kraft meine Stimme wieder zu finden, aber nichts auf der Welt, hätte mir meine Albträume nehmen können.

Ich ließ das Vorwort auf den Boden gleiten, weg von mir, weg von dem Bett, ich wollte es nicht mehr sehen.

Meine Aufgabe bestand im Grunde nur aus zwei Punkten: Die Korrektur und das Auffüllen von Lücken, ihrer Lücken. Das Buch soll für Aufsehen sorgen, es soll die Menschheit daran erinnern, wie schlimm und schmerzhaft es für jemanden sein kann. Wie furchtbar die Jugend sein kann, was für schreckliche Dinge Kinder tun.

Lukas soll es sehen und meinetwegen am Papier ersticken. Jennifer soll es sehen und in ihre Tränen ertrinken. Miranda soll es sehen und alles verlieren, was ihr lieb ist. Sie alle sollen leiden, so wie Cynthia es wegen ihnen hatte tun müssen.

Ein halbes Jahr war zu kurz um jemanden wirklich und wahrhaftig zu lieben. Dabei hatten wir beide nicht einmal ganze sechs Monate gehabt, ich verlor sie schon viel früher. Je kälter es wurde, desto weiter schien sie mir zu entgleiten. Es passierte so vieles auf einmal.

»Es tut mir leid, Jay«, ihre Stimme klang dünn damals, sie hallt in meinem Kopf nach. »Ich fühle mich, als würde ich einen schlechten Horrorfilm zum zweiten Mal sehen müssen.«

Ihre Worte damals waren der einzige genaue Hinweis darauf, was in ihr vorging.

Mit einem Ruck setzte ich mich auf, Cynthias Stimme noch immer in meinem Kopf. Ich wollte die Antworten in diesem Buch finden, wissen, warum sie gehen musste.

Was hatte er mit ihr angestellt? 

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!