Meine Insel, mein Haus, mein neues Leben

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Am nächsten Morgen sprang ich von der Matratze, als der Wecker gerade Luft holte, um seinen Dienst zu verrichten. Kaum hatte er seinen ersten noch zaghaften Ton ertönen lassen, schlug ich ihn aus. Ich hatte erstaunlich ruhig geschlafen. Jetzt jedoch brach die Aufregung durch. In gut zwei Stunden würde ich meinen neuen Arbeitgeber und seinen Sohn treffen. Um neun Uhr sollten die beiden im Hotel eintreffen. Wenn Ich das richtig verstanden hatte, so mussten ich mit einer Fähre von der anderen Seite des Long Island Sounds - aus Connecticut - herüberkommen und dann noch ein Stück fahren.

Da ich gestern Abend nach meiner Runde im Pool geduscht hatte, dauerte meine Morgentoilette nicht sehr lange. Ich betrachtete sich im Spiegel. Meine braunen, kinnlangen Haare klemmte ich sich hinters Ohr. Ein wenig Haarwachs auf die Hand. Pony strubbeln. Akzeptabel. Auf die Augenlider trug ich bräunlichen Lidschatten - das betonte meine blauen Augen. Das hatte zumindest meine Freundin Anna immer behauptet und Ich musste zugeben, dass meine Augen heute Morgen besonders strahlten. Das lag wohl an der Vorfreude. Noch etwas Mascara auf die Wimpern und Lipgloss aufgetragen. Klimper, klimper. Kussmund machen. War akzeptabel. Ich grinste mein Spiegelbild an, es grinste zurück. Vielleicht etwas skeptisch, mit etwas weniger euphorisch blitzenden Augen. Nun bestand die schwierige Aufgabe darin, passende Kleidung zu finden.

Die rote Hotpants, die ich in New York gekauft hatte, war doch super. Die war so wunderbar amerikanisch. Nicht deutsch und deswegen möglicherweise altbacken und langweilig. Aber was dazu? Ich kräuselte die Stirn und hob ein T-Shirt nach dem nächsten aus dem schwarzen Koffer, der aufgeklappt auf dem Boden stand. Schließlich fischte ich aus dem Stapel ordentlich zusammengelegter Oberteile ein schlichtes, weißes Shirt ohne Ärmel und mit einem Mickey-Maus-Aufdruck heraus. Dazu weiße Strümpfe und meine roten Sneaker. Zupf, zupf. Einmal mit den Zehen gewackelt. Das war doch nicht schlecht.

Unentschlossen ließ sich Ich auf die beige-geblümte Tagesbettdecke sinken. Sollte ich noch fernsehen? Lesen? Schon mal in den Frühstücksraum gehen? Ich wurde aus meiner Langeweile und Überlegungen durch das Klingeln des Zimmertelefons gerissen. Leicht perplex hob ich den Hörer: "Hallo?"

"Guten Tag, hier spricht Amber von der Rezeption. Mein Besuch ist eingetroffen." Ich musste kurz überlegen. Welcher Besuch. Dann begriff ich. Jake und Luke standen in der Lobby und warteten auf mich.

"Oh, klar. Ich komme." Ich schmiss den Hörer wieder auf die Gabel und rannte zur Tür. Moment. Wo war die Karte? Ah, da steckte ich. Bloß nicht vergessen! Sonst kam ich nicht wieder in den Raum. Ich rannte schnell zurück zum Spiegel. Einmal drehen, Augenaufschlag. Ja, alles okay. Ich konnte los. Sah akzeptabel aus. Bevor ich die Türklinke herunterdrückte atmete ich einmal durch, dann trat ich durch die Tür auf den Flur und machte sich auf in ein neues Leben.

Es wartete nur ein einziger Mann mit Kind in Lobby. Also fiel meine Wahl automatisch auf ihn. Luke trug einen dunklen Anzug, weißes Hemd, hellblaue Krawatte. Plötzlich fühlte ich mich völlig underdresst. Hätte ich doch lieber eine blaue Jeans und ein Polo-Shirt anziehen sollen? Seine braunen Augen blinkten mein interessiert entgegen. Huch, der sieht ja ganz gut aus, dachte Ich. Bilder hatte ich zwar schon von ihm gesehen, aber das waren nur schwarzweiße Kopien gewesen, die mir die Au-Piar-Agentu geschickt hatte. Seine dunklen Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen, die Schläfen waren schon komplett grau. Aber ansonsten wirkte er fit - Bauchansatz oder Doppelkinn Fehlanzeige. Nicht schlecht für einen Mittvierziger.

"Joanna?", fragte er und kam mir entgegen.

Ich wurde rot. Wie peinlich! "Ja", sagte ich nur. "Ich bin Johanna."

"Ich bin Jake White", stellte sich mein neuer Chef unnötigerweise vor. "Das ist Luke." Mit diesen Worten zog er einen kleinen Jungen hervor, der sich hinter seinem Bein versteckt hatte. Sein Gesicht war total verschmiert. Er hatte wohl geweint. Seine Augen waren ganz feucht und sein einstmals weißes T-Shirt hatte eine bräunliche Patina. Augenscheinlich hatte Luke es als Taschentuch benutzt!

Wo das Herz zuhause istWhere stories live. Discover now