Abends im Hotel

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4 p.m: Auftritt des Fahrers. Und gleich die nächste Überraschung: Er würde mich nach Long Island in ein Holiday Inn fahren, wo ich auf Luke und Jake warten sollte. Mein neuer Chef war spät dran und würde erst am nächsten Tag anreisen, so erklärte mir mein Fahrer. Der Plan sah vor, dass wir die verbleibende Woche bis zum Schul- beziehungsweise Kindergartenbeginn Anfang September gemeinsam im Ferienhaus auf Shelter Island verbringen würden. Shelter Island - davon hatte ich noch nie gehört. Long Island - okay, das kannte Ich. Das war die langgezogene Halbinsel die sich östlich von New York City in den Atlantik hinein erstreckte. Hier wohnten viele reiche und berühmte Leute. So wie ich es verstanden hatte, war es eine noch exklusivere Ausgabe von Sylt.

Die Limousine stellte sich als schwarzes, komfortables Taxi heraus und nicht als Luxus-Karosse mit verlängertem Radstand und Champagnerflaschenhalter. Mohan stellte sich als Fahrer und Unterhaltungsprogramm in Personalunion heraus. Der Amerikaner indischer Abstammung klärte mich während der zweistündigen Fahrt über seinen gesamten Familienstammbaum auf. Er erzählte von seiner Familie, seiner Frau, seiner Tochter, New York und warum er dort so gerne lebte. Das Hörspiel vom Fahrersitz - von dem Ich nur die Hälfte verstand - entschädigte mich für die reizlose Landschaft, die an mir vorüber zog. Lange, gerade und schlecht ausgebaute Straßen in Form von aneinander gelegten Platten die mich alle vier Sekunden ein winziges Bisschen in meinem Sitz hochhüpfen ließen. Toktok. Toktok. Toktok. Ansonsten säumten Bäume die Straße, mit Gras bewachsene Seitenstreifen und ab und zu ein Schild, das auf die nächste Ausfahrt hinwies. Wäre ich nicht so aufgeregt gewesen und hätte mir Mohan nicht ein Ohr abgekaut, ich wäre eingeschlafen.

"Wenn du mal wieder in New York bist, ruf an", sagte Mohan beim Abschied vor dem Holiday Inn am östlichen Ende von Long Island. "Du könntest bei uns übernachten. Meine Frau würde sich freuen, dich kennenzulernen."

"Äh... Klar. Danke", erwiderte ich etwas verwirrt. Hatte meine Oma doch Recht gehabt. Wollte Mohan mich in die Stadt locken? Wollte er mich ... na ja, verführen? Komische Leute, diese Inder.

Mohan half mir, den Koffer ins Hotel zu wuchten, verabschiedete sich wortreich und mit den besten Wünschen, dann war ich auf sich alleine gestellt. An der Rezeption nannte ich meinen Namen - da war ich mittlerweile Profi - und erhielt meinen Schlüssel. Im Zimmer erwartete mich ein Doppelbett, ein kleines Bad, eine Kommode samt TV - in Beige und Grüntönen gehalten. Ich stellte den Koffer in eine Ecke und schaute sich um. Was sollte ich jetzt machen? Es war 6 p.m. Definitiv zu früh, um ins Bett zu gehen. Sollte ich etwas essen gehen? Eine kurze Abfrage an den Magen - nein, noch kein Hunger. Aber hatte ich nicht ein Hinweisschild auf einen Pool gesehen? Ich ging zum Tisch, auf dem die Informationsmappe des Hotels lag. Tatsächlich. Sogar ein Fitnessraum stand den Gästen zur Verfügung, aber das kühle Nass lockte mich mehr. Ich wühlte in meinem Koffer, bis ich meinen Badeanzug fand und zog sich um. Mit dem schicken Long-Island-Style konnte er wohl nicht mithalten. Es war ein schwarzer, praktischer Badeanzug von Arena, den ich während des Schwimmtrainings trug, das ich zuhause zweimal die Woche absolvierte. Mein Gott, das war hier ja auch kein Schönheitswettbewerb. Ich wollte ja nur etwas schwimmen! Einen Bademantel hatte ich nicht, aber im Badezimmer hing ein großes Handtuch. Also dieses schnell um die Schultern geschlungen und los ging's.

Der Pool war von einem schwarzen Zaun umgeben. Ein paar Liegen standen darum herum, von denen zwei bewegt waren. Eine Dame im neonfarbenen Zweiteiler nahm ein spätes Sonnenbad, der Mann auf der Liege daneben laß in einer Zeitung. Ein Rotweinglas stand neben ihm. Im Pool zog nur ein Schwimmer seine Bahnen. Ob wir uns in die Quere kommen würden? Das Becken war recht klein - vielleicht 15 Meter lang und zehn Meter breit. Ich legte das Handtuch auf eine der dunkelgrauen Liegen und hielt einen Zeh ins Wasser. Ganz schön frisch! Dem Zeh folgte mein Fuß, dann der zweite und Ich stand auf der ersten Stufe, die ins blaue Becken führte. Mist, hätte ich vorher duschen müssen?, schoss es mir in den Kopf. Ich blickte sich um, entdeckte aber nichts, was als Dusche durchgehen würde. Ich zuckte mit den Schultern. Dann nicht. Zurückgehen wollte ich jetzt auch nicht mehr. Ein paar Tropen trafen ich. Fast hatte ich losgequietscht. Der junge Mann kam herangeschwommen. Er hielt an und hob den Kopf.

"Oh, sorry. Hab ich dich erwischt?"

"Ja, aber ist okay. Ich brauche nass", erwiderte Ich etwas schüchtern. Hatte ich das jetzt so richtig gesagt? Fast hätte ich auf Deutsch geantwortet.

"Ich bin gleich fertig", erklärte der Mann, der nicht so jung war, wie Ich vermutet hatte. Blonde Haare, Surferfirsur, sportliche Figur, ein Schwimmerkreuz mit breiten Schultern und definierten Brustmuskeln. "Wir kommen hier doch beide klar, oder?"

"Klar", sagte ich. Der Mann setzte sein Training fort und ich stieg Zentimeter für Zentimeter weiter ins Becken. Zuhause war ich wöchentlich geschwommen. Jeden Dienstag und Donnerstag war ich zum Training gegangen - ha, das war ja erst vorgestern gewesen. Zwei Stunden Bahnen ziehen würde Ich heute aber nicht schaffen, aber ein bisschen Bewegung würde mein gut tun.

Ich ließ sich ins Wasser gleiten, das Wasser schwappte über meinem Kopf zusammen. Für einen Augenblick lauschte ich dem gleichmäßigen Kraulzügen meines Mitschwimmers. Swosch, swosch, swosch, swosch. Ich stieß sich vom Beckenrand ab, tauchte noch ein Stück und begann dann mit gleichmäßigen Armzügen.

Nach einer Stunde stieg Ich aus dem Pool. Es wurde dunkel. Langsam wurde das hellgelbe Sommerlicht zu einem rosa Schein, der von einem immer dunkler wurde und den Himmel am Horizont in ein sanftes Lila tauchte. Das Ehepaar und der Schwimmer hatten sich schon vor einiger Zeit ins meine Sachen genommen und waren ins Hotel gegangen. Auch Ich nahm mein Handtuch, rubbelte sich die Haare trocken, wickelte sich das fluffig-weiße Frotteehandtuch um und machte sich auf den Weg in mein Zimmer.

Eigentlich hatte ich Hunger. Sollte ich mich ins Restaurant setzen, um etwas zu essen? Ich entscheid sich dagegen. Wohlmöglich verstand ich Karte wieder nicht oder musste sich mit Leuten unterhalten. Außerdem wollte ich nicht in die Gewichtsfalle laufen. Ich hatte gehört, dass alle, die nach Amerika fuhren, erst einmal ordentlich zunehmen. Mir war in New York aufgefallen, dass viele Amerikaner Übergewicht hatten. Einem Speckbauch und ein Hängekinn wollte ich auf keinen Fall als Souvenir mit nach Hause nehmen. Also machte Ich mich bettfertig, stellte den Wecker auf 7 Uhr und bestellte einen Film im Pay-TV meines Hotelzimmers. Hot Shots - eine Komödie, die Actionfilme wie Top Gun persiflierte. Bei dem Film war es nicht so schlimm, dass ich kaum etwas verstand. Klamauk braucht keine Worte.

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