*26. Santa Monica*

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Wir fuhren schon früher an den Strand. Es wurde erstaunlich warm an diesem Nachmittag, die meisten waren auf kurze Hosen und Shirts umgestiegen. Vor uns parkte Jesse den blauen Pickup und gleich darauf sah ich, wie Kathrine mit ihren dunklen Stiefeln auf dem Asphalt auftrat. Wir parkten einige Autos weiter.

»Man, ey«, stöhnte Mike auf dem Rücksitz und streckte sich. »Wurde Zeit, dass wir ankommen.« Er hatte Recht, Kath hatte behauptet, es seien bloß wenige Minuten.

Fast eine Stunde später schaltete Jay den Motor ab und ich spürte, wie der Wagen unter uns erstarb. Mike wartete keine Sekunde länger, sondern sprang heraus.

Jay lächelte mich an, es war zögerlich, schüchtern. Es war die Art Lächeln, die sich einem ins Gehirn brannte und sich darin für alle Ewigkeiten einnistete. Er lehnte sich vor und drückte einen Kuss auf meine Lippen. So zögerlich und sanft wie sein Lächeln wenige Sekunden zuvor.

Ein Klopfen ließ uns zusammenfahren und ich drehte mich unsicher von ihm weg. An der Scheibe zum Beifahrersitz stand Mike und wies uns an, endlich auszusteigen. Jay grinste breit, beugte sich vor und öffnete meine Tür, dann stieg er auf seiner Seite aus. Vera und Louisa unterhielten sich über das Wetter, sie hielten die Gesichter der Sonne entgegen, beide mit geschlossenen Augen lehnten sie nebeneinander an Tonys Auto. Kathrine hingegen lief hin und her und schien irgendetwas zu suchen.

Zu meiner linken erstreckte sie das Meer, es war wunderschön. Glück durchströmte meinen Körper. Ich griff nach Jays Hand und wollte ihn zum Meer zerren, doch er weigerte sich lachend. »Warte doch.«

Doch ich wollte nicht warten, ich wollte das Kühle Meerwasser zwischen meinen Zehen spüren, wollte mich daran erinnern, wie es sich anfühlte gegen die Wellen anzukämpfen, darin zu schwimmen.

»Lasst uns aufbrechen«, jaulte nun auch Tony auf. »Ich will ins Wasser nach dieser „kurzen" Autofahrt.« Er setzte das Kurze in Anführungszeichen und funkelte Kathrine an, diese verdrehte allerdings nur die Augen.

Zustimmendes Gemurmel. Also griff sich jeder etwas zu tragen. Decken, Handtücher und Minikühlschrank wurden aufgeteilt und wir marschierten im Gänsemarsch Richtung Wasser. Jay selber trug zwei Handtücher und ich fühlte mich elendig dabei, dass ich nichts tragen musste.

Ich sah zu ihm, musterte sein Profil. Kennt ihr das Gefühl, alles auf der Welt zu haben und haben zu können? Wenn euch alle Wege offenstehen, wenn ihr alles habt, was ihr zum glücklich sein braucht. Jays Hand in meiner, sein Lächeln, vor uns der Strand – ich fühlte mich, als gäbe es nichts auf der Welt, was mich jetzt noch aufhalten könnte. Als wäre ich immer diese Cynthia gewesen, als wäre meine Vergangenheit bloß ein schlimmer Albtraum gewesen. Als wäre ich normal. Als wäre ich immer die Cynthia, die Hand in Hand mit dem Kerl den sie liebte stand. Der Typ, der sie beschützen würde, egal was passieren sollte.

Zurückdenkend, zählte ich jeden Moment mit Jay als den Schönsten. Mit ihm konnte ich die Welt erobern, mit ihm gehörte mir die Welt. Mit ihm ging die Sonne auf und wieder unter. Mit Jay sollte es immer gut sein.

»Ich hasse es, wen so viele Leute den Strand einnehmen«, knurrte Louisa. Ich sah zu ihr herüber, ihr blauer Bikini schimmerte durch das weiße Top und ihre langen Haare hatte sie zu einem Dutt zusammengebunden. Ich sah an ihr vorbei, gradewegs zu Jesse, der ebenfalls in meine Richtung blickte. Sein Geständnis lag mir schwer auf der Brust. Wieso konnte er nicht einfach mit Jay sprechen? Oder besser: Mit Kathrine.

Jay hatte mich vor der Abfahrt gefragt, was Jesse von mir gewollt hatte, aber was hätte ich ihm sagen sollen? Wenn Jesse wollen würde, dass jemand von seinen offensichtlichen Gefühlen zu Kathrine erfuhr, hätte er es nicht ausgerechnet der gesagt, von der er ausging, dass sie es nicht weiter plapperte. Andererseits wusste er genau, dass ich auf irgendeine Art und Weise mit Jay und Kath kommunizierte – vielleicht hatte er es genau deswegen mir gesagt, damit ich es Kath erzählte, damit ich es ihm leichter machte.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!