Neue Freunde

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Als ich das Flugzeug verließ und die Gangway betrat, konnte ich fast den anderen Wind riechen, der hier wehte. Er war nicht würziger als an der schleswig-holsteinischen Küste, meiner Heimat. Er war auch nicht trockner als in Frankfurt. Er war irgendwie ... amerikanisch. Er roch nach Neuland und Aufbruch, nach Flugbenzin und Asphalt, nach trocknem Gras und einem Hauch von Ozean. Und er war auf jeden Fall wärmer – so warm wie Wind bei 87 degrees, also 28 Grad Celsius, eben ist.

Mit meinem Rucksack über der Schulter und der Jacke über dem Arm marschierte ich in den Flughafen, folgte dem Strom der anderen Reisenden und den Schildern baggage claim. Eins merkte ich ziemlich schnell: Meine norddeutsche Herbstkleidung war in New York völlig fehl am Platz! Die Jeans legte sich bereits leicht klebend um meine Beine, den Füßen wurde dank Socken und knöchelhohen Turnschuhe langsam gar. Ich würde mich im Hotel umziehen müssen, vielleicht würde ich sogar in der Stadt kurze Hosen und T-Shirts kaufen. Mein Reisegeldbeutel war zwar nicht mit unsagbaren Reichtümer gefüllt, aber es sollte reichen, um mich in den ersten Tagen mit ein paar Kleinigkeiten zu beglücken.

Auf einem elektronischen Schild stand die Nummer meines Fliegers und der Abflugort. Ich baute mich weltmännisch vor dem dazugehörigen Laufband auf und wartete. Wieder schaute ich nach jungen Frauen, die mein Schicksal zu teilen schienen, konnte aber in der Masse dicht gedrängt stehender Menschen immer noch keine erkennen. Um die Wartezeit zu überbrücken, holte ich noch einmal den Zettel hervor, auf dem meine Reiseroute stand. Seit dem letzten Mal draufschauen hatte sich nichts verändert: Ich musste immer noch bis 4 p.m. in Manhattan, im Hotel Ramada, angekommen sein. Ich hatte also noch gute zwei Stunden. Bis dahin sollte ich es geschafft haben, ein Taxi herbeizuwinken, sich nach Downtown fahren zu lassen und im Hotel einzuchecken. Hoffte ich.

Nach 15 Minuten fing das Laufband an, sich zu bewegen. Nach weiteren fünf Minuten, in denen bereits zahlreiche Damen und Herren gewichtigen Koffer auf ihre Wagen gewuchtet hatten, entdeckte auch Ich mein rotes Ungetüm, das sich zwischen kleinen und großen Taschen, Koffern und Golftaschen seinen Weg in meine Richtung bahnte. Der Koffer schien eine gute Reise gehabt zu haben – zumindest sah er weder unzufrieden noch beschädigt aus. Ich erwischte den Griff, zerrte das Monster vom Laufband und schleppte es in Richtung Ausgang.

Der Koffer und ich waren aliens. Wir mussten erst durch mein Visum beweisen, dass wir berechtigt waren einzureisen. Gemeinsam mit anderen Menschen reihte ich mich vor einem der angegebenen Ausgänge ein. Schon wieder warten, schon wieder Schlange stehen. Langsam ging mir das auf die Nerven. Konnten die sich nicht mal beeilen! New York City wartete! Ich hatte nur diesen Nachmittag, um die Stadt zu entdecken. Morgen würde wir alle gelangweilt in einem Konferenzraum sitzen, nur die Hälfte von dem verstehen, was uns erzählt werden würde – und auch nur einen Bruchteil davon begreifen, aber das ging mir erst viel später auf – und uns nach der Stadt jenseits der Fenster sehen.

Nur langsam schob sich die lange Schlange der Kontrollstelle entgegen. Jeder musste den Pass zeigen, der so genau untersucht wurden, als würden sich darin geheime Schatzkarten oder Baupläne für Fingerfallen befinden. Der streng aussehenden Grenzschützer verglich das Foto im Pass mit der vor ihm stehenden Person, stellte Fragen. Blickte wieder in den Pass, fragte noch mehr. Ich wurde zunehmend nervöser. Schnell noch mal nachgeschaut: Ja, das Visum klebte immer noch rosa hinten in meinem Reisepass. Als ich endlich an der Reihe war, schob ich dem jungen Mann am Schalter mit einem etwas verkrampften Lächeln meinen Pass zu. Er lächelte zurück, stempelte das Papier und wünschte mein "a pleasant stay". So schnell war ich Amerikanerin – zumindest für die nächsten zwölf Monate.

Als ich erleichtert die Passkontrolle hinter mich gebracht hatte, kam mir eine junge Frau entgegen. "Bist Du auch ein Au-Pair?", fragte sie – auf deutsch.

Wo das Herz zuhause istWhere stories live. Discover now