Esther f

82 7 2
                                                  

Doch es war zu spät. Sie hatte einen kapitalen Fehler gemacht, den ihr Ephraim nie verzeihen würde.

Der Junge grinste sie höhnisch an und ließ das Telefon sinken. Im selben Moment sah sie den ersten Glatzkopf in schwarzer Montur die Wendeltreppe heraufkommen. Ihr fast lautloser Schrei entsprang der bitteren Erkenntnis, dass sie allein und schutzlos dem Grauen ausgeliefert war. Sie stürzte zur Küchentheke und riss ein Fleischermesser aus dem Messerblock. Die Klinge war gut 25 Zentimeter lang und extrem scharf. Wild fuchtelnd brachte sie die Theke zwischen sich und die Eindringlinge.

Zwei weitere Glatzköpfe waren die Stufen emporgestiegen, doch Esther brannte sich am meisten das Gesicht des teuflisch grinsenden Jungen ins Gedächtnis, den nun einer der Männer auf die Seite schob und sich vor ihn stellte. Der bulligere der beiden Männer kam auf sie zu, er hielt ein Kampfmesser mit einer zweischneidigen Klinge in der Hand, die auf einer Seite geriffelt war, der Hagere trug in der einen Hand ein Klappmesser, in der anderen einen Schlagstock. Sie bewegten sich von beiden Seiten wie Häscher mit weit ausgebreiteten Armen auf den Küchenblock zu. Dabei kreischten und johlten sie, um ihrem Opfer noch mehr Angst einzujagen. Sie wussten nicht, dass Esther ihre Laute nicht hören konnte und nur ihre verzerrten Gesichter wahrnahm. Der Schmalere von beiden sprang einen Schritt nach vorne und versuchte, sie durch einen Schnitt in den Unterarm zu entwaffnen.

Er konnte nicht wissen, dass Esther über viele Jahre hinweg eine hervorragende Degenfechterin gewesen war und noch immer gut trainierte Reflexe besaß. Sie parierte den Angriff blitzschnell. Der Glatzkopf schien aufzuschreien – zumindest konnte sie das an seinem Gesicht erkennen. Er ließ sein Messer fallen, taumelte zurück und blickte entsetzt auf seine rechte Hand. Esthers Klinge hatte das vordere Glied seines kleinen Fingers abgetrennt.

»Diese Schlampe ... Diese Schlampe! Ich bring sie um ... ich bring sie um ...«

Der Kräftigere von beiden war zunächst erschrocken, brach dann aber in tierisches Gelächter aus.

»O Scheiße, Udo, lässt dich voll kalt machen ...«

Da schoss Esther schon auf ihn zu und verfehlte nur um Haaresbreite mit der Klinge sein Gesicht.

»Wow wow wow!« Er hob beschwichtigend die Hände und ging auf Distanz, während Esther wieder hinter den Küchenblock zurückwich.

»Scheiße, Mann, das Girly ist echt gefährlich, wir sollten...« In diesem Augenblick unterbrach ein lauter Knall Steiners Satz.

Plötzlich war es ganz still.

Esthers Mund stand weit offen. Langsam blickte sie an sich hinab und entdeckte einen roten Fleck auf ihrer weißen Bluse.

Wieder fiel ein Schuss, dann noch einer und noch einer. Zwei Schüsse verfehlten ihr Ziel, der dritte und vierte trafen Esther in Hals und Brust und warfen sie um. Das Fleischermesser schlitterte über den Boden.

Udo Rennicke hatte seinen blutenden Finger vergessen und blickte zu Karl Rieger, der zu Eis erstarrt war. Es war nie Teil des Planes gewesen, das Mädchen umzubringen. Entsetzt drehte er sich zu Thomas um, der immer noch mit ausgestrecktem Arm eine kleinkalibrige Waffe hochhielt. Mit einer kräftigen Rückhand schlug Karl dem Jungen so heftig ins Gesicht, dass sich dieser um die eigene Achse drehte und zu Boden stürzte.

»Bist du wahnsinnig geworden?! Thomas ... Thomas, du verdammter Idiot!«, schrie er ihn an. Dann kniete er sich nieder, packte den heulenden Jungen und drückte ihn an seine Brust.

Steiner schüttelte den Kopf. »So eine verdammte Scheiße.«

Udos Augen zuckten nervös, dann ging er aufgekratzt zu Esthers Leiche hinüber und tat so, als würde er eine Pistole in Händen halten.

»Wow, o Mann! Der Kleine hat die Judensau einfach ab geknallt! Boom, boom und nochmals boom! Richtig geil, der Kleine!«

Blut aus dem verletzen Finger lief seinen Arm hinab. Thomas versuchte schluchzend, sich zu verteidigen. Er verstand die Welt nicht mehr. Warum waren denn die anderen nicht stolz auf ihn?

»Ich, ich ... Was sollte ich denn tun, ich ... Es war doch nur eine Jüdin ... Es war doch nur eine Jüdin ...«

Karl atmete tief durch und rang um Fassung. Er drückte Thomas eine Armlänge von sich weg.

»Woher hattest du die Waffe?«

Thomas' Lippe und Nase bluteten.

»Aus deiner Wohnung ... Ich krieg doch jetzt keinen Ärger, oder, Karl? Ich krieg doch keinen Ärger, oder?« Karl schüttelte den Kopf. Er holte ein Taschentuch aus seiner Jacke und drückte es Thomas an die blutende Nase. »Nein ... Nein, du bekommst keinen Ärger. Ich mach das schon ...«

Langsam beruhigte sich Thomas und nahm das Taschentuch selbst in die Hand. »Bist du jetzt nicht mehr mein Freund?«

Steiner mischte sich ein und unterbrach die beiden. »Schick den Kleinen jetzt nach Hause wie abgemacht. Wer weiß, wann der alte Jude hier auftaucht. Udo, such dir was und kleb dir die Scheißwunde ab. Danach müssen wir das Mädchen aus dem Weg räumen.«

Karl rappelte sich auf und zog Thomas hoch. »Thomas, du gehst jetzt wie geplant zu mir nach Hause. Hast du mich verstanden?«

Thomas nickte.

»Du machst keine Umwege, gehst direkt zur S-Bahn und fährst zu mir. Wie wir es besprochen haben – erinnerst du dich? Du rufst niemanden an und gehst auch nicht ans Telefon. Du wartest einfach auf mich, bis ich zu Hause auftauche. Kapiert?«

Thomas nickte mehrmals, während Karl seine Klamotten zurechtzupfte.

»Du musst jetzt stark sein, Thomas. Hast du mich verstanden Kleiner? Wir kriegen das hin, wir kriegen das alles hin ... du musst nur genau tun, was wir ausgemacht haben. Verstanden?« Wieder nickte Thomas.

Karls Blick fiel auf das Sturmfeuerzeug auf dem Boden, es war ihm wohl während des Sturzes aus der Tasche gerutscht. Er hob es auf und drückte es Thomas in die zitternden kleinen Hände.

»Ich bin immer da für dich, Thomas, aber du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren. Schaffst du das?«

Thomas' Stimme versagte, und so nickte er erneut. Karl löste sich von ihm und schob ihn zur Wendeltreppe. »Morgen ist alles vorbei – dann reden wir.«

Thomas stieg langsam die Stufen hinab, das Feuerzeug hielt er fest umschlossen. Dabei wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht.

»Und vergiss den Stein nicht!«, rief ihm Steiner laut hinterher. Noch immer gab das Sicherheitssystem in regelmäßigen Abständen einen lauten, hohen Warnton von sich. »Ich weiß nicht, Steiner, vielleicht wäre es besser, der Junge bleibt hier ... Der macht sich doch in die Hosen, der kleine Scheißer.«

»Halt's Maul, Udo. Der Kleine schafft das schon.«

Wie auf ein Zeichen brach der Warnton ab und der Touchscreen leuchtete grün auf.

DOOR LOCKED – SECURITY SYSTEM RESTORED

TURMSCHATTEN (WattyWinner 2019)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt