Aufbruch in ein neues Leben

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Der feine Nieselregen über dem Frankfurter Flughafengelände machte diesen Vormittag trüb und grau. Im Schein der großen Flutlichter glänzten die wartenden Flugzeuge und die umherfahrenden Gepäck- und Servicewagen versuchten mit ihren gelben Rundumlichtern Stimmung zu machen, aber freundlicher wirkte die Szene trotzdem nicht. Ich stand am Fenster des Flughafenterminals und wartet darauf, Wetter und Deutschland hinter mir zu lassen. Mein Koffer war bereits auf dem Weg in Richtung Ladeluke des Flugzeugs. Ich konnte ihn sehen. Das knallige Rot des Ungetüms lugte zwischen einem seriösen, schwarzen Koffer und einer dreckigen, augenscheinlich weit gereisten grauen Segelstofftasche hervor. Fast hätte ich ihm gewinkt und ihm eine gute Reise gewünscht. Er sah wichtig aus. Bedeutungsvoll. Oder bildete ich mir das ein? Eigentlich war er trotz seiner Ausmaße noch zu klein gewesen, doch schließlich gab es Gewichtsbegrenzungen, an die ich mich hatte halten müssen. Ansonsten hätte ich noch mehr hineingepackt. Ich war mir sicher, schon jetzt schnauften die Pullis, Hosen, die Unterwäsche und die Socken, Jacken, Schuhe und T-Shirt gehörig aufgrund der Enge. Ich war noch nie vorher so lange verreist. Oder besser: Ich hatte noch nie versuchen müssen, meinen gesamten Kleiderschrank in einen Koffer zu quetschen. Wie packt man für zwölf Monate?

Mit Flughäfen hatte ich schon immer die große, weite Welt assoziiert. Vielleicht liegt das an den Bilderbüchern, die ich als Kind gehabt hatte. Da waren immer fremdartige Menschen abgebildet. Riesige Flugzeuge, die in alle Richtungen davon flogen oder ankamen. Und immer waren da Kinder, die meine Gesichter verzaubert an die großen Fenster drückten, und den Packern, und Einweisern auf dem Flugfeld bei ihrer Arbeit zuschauten, die ihnen immer ein Lächeln auf die Comic-Gesichter zeichnete. Ich starrte hinaus. Nieselregen. Die Arbeit der Packer und Einweiser sah nicht lustig aus, sondern kalt . Aber diese riesigen Flugzeuge... Aufgereiht am Flughafengebäude wie Hundewelpen an den Zitzen der Hündin. Ich drückte mein Gesicht an die Scheibe und fühlte sich überwältigt von so viel Abenteuer. Meine Maschine, eine Boing 737, stand schon bereit. Insgeheim hatte ich auf einen Doppeldecker gehofft. Aber im Grunde war es egal, wie ich nach New York kommen würde. Hauptsache ich kam überhaupt an. Ich schaute auf die Uhr. In 6,5 Stunden würde ich auf dem New Yorker John F. Kennedy Flughafen landen!

Ich fühlte ein leichtes Kribbeln im Bauch. Johanna – der beste Importschlager, den Rhode Island je gesehen hatte. Na ja, vielleicht nicht ganz. Aber aufgeregt war ich auf alle Fälle. Nur ein paar Flugstunden entfernt lag meine neue Heimat. In wenigen Minuten würden meine roten Sneakers die Gangway betreten, würde sich mein Jeans-bekleideter Po in einen dieser winzigen Sitze im Flugzeug quetschen, würde mein Herz mindestens so laut schlagen, dass der Kapitän denken würde, jemand sei im Frachtraum eingesperrt. Und kurz vor dem Herzinfarkt würde ich die Freiheitsstaue sehen. Würde frei sein, selbständig sein.

Wie der Abschied für ein ganzes Jahr kam es mir gar nicht vor. Der Gedanke, dass meine Post künftig nicht mehr in Deutschland im Briefkasten landen würde, sondern eine Adresse in Rode Island, dem kleinsten Staat der USA an der Ostküste, unter meinem Namen stehen würde, war kaum vorstellbar.

Mein war kalt. Ich zog meine graue Steppjacke ein wenig fester um meinen Körper, wandte mich vom Fenster ab und ging zu einer der vielen Bankreihen hinüber. Bequem sahen diese schwarzen Kunstledersitze nun wirklich nicht aus. Irgendwie steif und hart. Zugeben, dass ich noch nie auf solch einem Sitz gesessen hatte, wollte ich natürlich nicht. Mit weltmännischer, unbewegter Miene schmiss ich mich auf den Sitz – und zuckte schmerzlich zusammen. Ist hart, sehr hart – rief mein Sitzmuskel mir zu. Ich wackelte mich in dem Sitz zurecht wie eine Gänsemutter auf ihrem Nest. Na ja, besser wurde es nicht wirklich.

Meinen Rucksack stand neben meinem Bein. Ich beugte mich hinunter und schaute noch mal nach den Tickets, dem Pass, dem Visum. Letzteres klebte hinten im Reisepass, war rosa und das Wichtigste der ganzen Reise. Ohne Visum, kein Amerika. Ohne Amerika, grenzenlose Trauer und Schreikrampf wegen nervenden Eltern. Ich fühlte sich wie die Raupe, die endlich aus meinem Kokon schlüpfen würde, um zu einem wunderschönen Schmetterling zu werden. "Du bist vielleicht pathetisch!", dachte ich. Meine Eltern hatte ich dort hinten in der Abflughalle zurückgelassen. Wir hatten uns gedrückt. Tränen vergossen hatte keiner von uns. "Warum auch – es gibt ja nichts zu betrauern", dachte Ich. Meine Eltern hatten endlich Zeit für sich und ich war mir sicher, meine Eltern ebenso wenig zu vermissen. Endlich ohne diese ständigen Verbote und Auflagen, ohne den ständigen Streit und Rücksicht nehmen auf die Wohngemeinschaft - wie meine Eltern es nannten -, in der ich immer das kleinste Rädchen war. In ein paar Tagen würde ich nicht mehr das Kind sein. Ich wäre die Erziehungsbeautragte, der Babysitter, Koch, Unterhaltungsprogramm und verantwortlich für ein mein eigenes Kind. Okay, mein eigenes Kind war er genaugenommen natürlich nicht. Ich war ja nicht schwanger und wollte heimlich in Amerika mein Kind zur Welt bringen. Aber Kinderbetreuung würde als Au-Pair, als Kindermädchen, mein Job sein. Ich würde umsonst wohnen und essen und auch noch 100 Dollar in der Woche verdienen. Und alles was ich dafür machen musste, war, sich um einen kleinen Jungen zu kümmern: Morgens zum Kindergarten bringen, abends abholen, und jedes zweite Wochenende würde ich frei haben.

Wo das Herz zuhause istWhere stories live. Discover now