●15 - was getan werden muss, wird getan

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»Du glaubst, das hat etwas mit dem Zauber zu tun?«, fragte ich Fen, als ich mich aufrappelte.
»Ja, natürlich, oder wie willst du dir das sonst erklären?«, antwortete Fen ungeduldig.

Der Rabe krähte ebenso ungeduldig und flatterte mit den Flügeln. Dann schwang er sich in die Luft und flog los. 
»Ey, warte auf uns!«, rief ich, als ich fast über meine eigenen Füße stolperte, weil Fen mich aus Versehen angerempelt hatte.

So, nun waren wir also einem der Raben Odins hinterher. In Richtung eines Kampfes. Was sollte schon schief gehen?
Ich wusste noch immer nicht, warum ich manchmal zum Glühwürmchen wurde, und schon hatten wir neue Probleme...

Fen und ich mussten ganz schön anziehen, um nicht den Anschluss zu Munin zu verlieren. Also rannten wir, als hinge unser Leben davon ab.

Ich war nicht sonderlich sportlich und auch Fen sah nach bereits 10 Minuten Sprint nicht mehr ganz so fit aus. Doch wir mussten weitermachen. Frag mich einer woher, aber wir beide wussten, wie wichtig es war, rechtzeitig anzukommen.

Ich versuchte mich mit dem Gedanken an meine Mutter auf Trab zu halten; was Fen machte, wusste ich nicht, aber er sah aus, als würde er kalkulieren, wie viel Energie er noch aufbringen musste, und wie er sich diese einzuteilen hatte, um so schnell wie möglich voranzukommen. Er sah aus, als würde er sich jeden Schritt genau überlegen, als wäre er bereits mitten im Kampf auf Leben und Tod.
Das machte mir Angst, denn es ließ Fen um einiges bösartiger und älter aussehen. Als wüsste er schon lange vor dir, was du als nächstes tun würdest. Er sah aus wie ein Krieger. Nein, er sah aus wie der Anführer einer Armee, der es nicht duldete, zu verlieren.

Ich hörte leise das Gebrüll von Menschen, Eisen, das auf Eisen knallte; aber es klang nicht wirklich nach Kampfgeräuschen.

Wir waren fast da. Der Rabe drehte ab, und flog hoch zu einem Hügel, auf dem eine große Esche stand, und ich glaubte, eine Gestalt ausmachen zu können, mit zwei Raben auf den Schultern. Genau auf der anderen Seite konnte man die riesigen Kirche sehen, mit einem Glockenturm, von dem man bestimmt die ganze Stadt überblicken konnte.

Fen blieb stehen, ich rechts neben ihm. Ich guckte noch einmal den Hügel rechts von mir an, dann die Kirche zu meiner Linken.

Die beiden Parteien waren praktisch vor den beiden Orten positioniert, auf der Seite der Kirche standen gut drei Dutzend christliche Krieger mit schweren silbernen und goldenen Kreuzketten um den Hälsen, lauthals mit der anderen Seite diskutierend.

Diese andere Seite bestand aus ungefähr genauso vielen heidnischen Kriegern, welche immer mal wieder wütend mit ihren Schwertern auf ihren Schild schlugen. Ich sah auch einige Frauen in ihren Reihen, welche nicht weniger angsteinflößend aussahen als ihre männlichen Verbündeten.

Ich sah Fen an.
»Auf wessen Seite kämpfen wir?«, wollte ich wissen. Und Fen schaut mich verständnislos an.
»Natürlich auf der der Heiden!«
»Was? Wieso?«, fragte ich, und schaute Fen genauso verständnislos an wie er mich.

»Ihr! Burschen! Was sucht ihr hier! Das ist hier kein Spielplatz!«, unterbrach uns rufend ein heidnischer Krieger.
»Wir wollen kämpfen«, antwortete Fen ohne zu zögern.

»Wollen?!« Ich war entsetzt und verwirrt.
Fen schaute mich noch ein letztes Mal auffordernd an, dann marschierte er zum Führer der heidnischen Mannschaft.
Ich blieb stehen. Der Führer der Heiden guckte ganz entzückt auf Fens Speer.

»Knabe, hast auch du diesen gottlosen Wahnsinn satt?«, fragte plötzlich jemand und mir wurde eine schwere Hand auf die Schulter gelegt. Ich zuckte zusammen.
»Komm mit uns! Kämpfe für den Herrn und seine Herlichkeit, sodass sie bald über alles scheinen möge! Komm mit mir und sei ein Held.«

Ich blinzelte ein paar mal. Ein Held? Sowas wollte ich doch gar nicht sein.
Wieso lullten mich seine Worte dann so ein, dass ich ihm tatsächlich folgte?

Ich blickte hinüber zu Fen. Und erschrak mich, er war weit weg, fast einhundert Meter weit, wenn ich mich nicht irrte. Doch ich erkannte seinen Speer, welchen er fast stolz neben sich stemmte. Er sah mich an, soweit ich das erkennen konnte.
Ich glaubte zu wissen, was er grade dachte. Er war enttäuscht und er war wütend... auf mich.
Doch ich war auch wütend. Wieso verlangte er von mir, gegen meine eigenen Leute zu kämpfen? Wer sagte, dass wir diesen Kampf auf der Seite der Heiden kämpfen müssten?

Mein Herz pochte wie wild.
Also bemerkte ich den besorgten Christen nicht, der vor mir stand und mich begutachtete: »Hast du keine Waffen, Kleiner?«
»Was?« Ich riss meinen Blick von Fen los und sah zu dem Christen.
»Wo sind deine Waffen?«, fragte er erneut.
»Ich... Ich hab keine...«, stammelte ich.

»Hier, nimm das«, meinte ein anderer und hielt mir ein Schwert entgegen. Ein ziemlich normales europäisches Langschwert.
Der Griff war in schwarzem Leder gebunden und die Klinge war aus Silber. Es sah noch recht unbenutzt aus.
Ich seufzte und nahm die Waffe an.
Durch ein paar Dokumentationen über Ritter, die ich gesehen hatte, wusste ich vage, wie ich sie halten musste.
Doch diese Art von Schwert war, ganz anders als ich eingeschätzt hatte, nicht schwer, sondern fühlte sich angenehm in meiner Hand an.

Man gab mir außerdem einen Schild, welchen ich mit Freude annahm. Ich hatte absolut keine weitere Rüstung und zumindest ein bisschen Schutz war schön.
Wir machten uns also bereit.
Oh Gott.

Und ich Idiot hatte mich immer über solche Situationen in Büchern aufgeregt... Wie unrealistisch das doch sei.

Doch das Adrenalin machte seinen Job gut. Ich war aufmerksam und tatsächlich kampfbereit. Auch wenn ich unfassbare Angst hatte.
Dann ging es los. Ich fiel ein bisschen zurück, war einer der Letzten, die im Geschehen dabei waren. Ich sagte mir einfach immer wieder, defensiv zu bleiben.

Ich hatte keine Ahnung vom Kämpfen, geschweige denn mit einem Schwert!
Aus Angst von einem der Bogenschützen niedergeschossen zu werden, versuchte ich einfach, nicht stehenzubleiben. Der Schild lag unbequem an meinem Arm und war um einiges schwerer als das Langschwert.

Alles in einem probierte ich also irgendwie nicht zu sterben: Ich sprang immer mal wieder einem feindlichen Schwert oder einer Axt aus dem Weg, wie ein aufgescheuchtes Kaninchen rannte ich im Zickzack durch die Meute.

... Bis mich auf ein paar Zentimeter ein goldener Speer verfehlte. Ich blieb wie  angewurzelt stehen.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich Fen an.

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now