6.02. Verrückter Morgen

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Mit Erlaubnis des freundlichen Wachmanns sitze ich vor der Zelle und nicht darin. Die zwei dicken Sonntagsausgaben sind schon ganz zerfleddert. Viel Neues ist in den Blättern nicht mehr zu finden. Michael, der lieber mit seinem Spitznamen "Mik-Mik" angeredet werden möchte, schläft in der unverschlossenen Zelle. Die anderen Arrestierten haben die Morgentoilette beendet und sind wieder weggeschlossen. Soeben startet das gleiche Spiel am Zellenvorplatz wie gestern. Arrestierte werden abgeholt, andere werden gebracht. Eine Gruppe von etwa acht Gestalten ziehen gelbe T-Shirts über. Auf dem Rücken ist in großen Lettern "PNP Detainee" aufgedruckt. Das "PNP" steht für "Philippine National Police." Das Wort "Detainee" ist mir gerade nicht klar, sicherlich bedeutet es Häftling oder Arrestierter. Die Männer werden jeweils zu zweit mit einer Handschelle an den Handgelenken gefesselt und verbunden. Gleich vier schwer bewaffnete Polizisten in Kampfuniformen lassen die Gelbhemden keine Sekunde aus den Augen. Etwa zehn Minuten später passiert ein großer Polizei-Pick-up mit den Detainees die Schranke. Wie gestern, geht es auch heute gesittet und freundlich zu. Hier und da wird sogar gelacht. Nur vereinzelt grüßt mich ein Filipino mit dem: "Hey, Joe!" Der Gefolterte, der in der Nacht zuvor geschlagen worden ist und das Waterboarding ertragen musste, der ist nicht auszumachen. 'Gute Arbeit der Folterknechte', stelle ich fest, 'denn sie haben keine Spuren hinterlassen. Ob die netten und korrekten Officers, Sarang und Pangutana, dazu auch fähig wären? Absurd!' Ich beende das ergebnislose Philosophieren.

Da ist ein Seufzen, ein Piezofeuerzeug klickt und ein tiefes Inhalieren folgt. Mik-Mik ist wach. Müde taucht er aus dem Schwarz der Zelle auf. Sein Haar und das T-Shirt haben annähernd den gleichen Schwarzton wie die Zelle dahinter. Mik-Mik gähnt laut.

"Mik-Mik, Du siehst aus, als könntest Du eine Dusche gebrauchen?"

Mik-Mik gähnt erneut, grinst breit, redet kurz mit dem Wachmann, lässt den nebenbei eine Marlboro ziehen, bietet mir eine an (ich lehne dankend ab) und verschwindet mit meinem Handtuch im kleinen Bad links von meiner Zelle.

Mir ist nach frischem Kaffee, Zuckerschnecken und neuen Tageszeitungen und ich befrage kurz entschlossen den Wachmann dazu. Der pfeift sofort einen zufällig vorbeikommenden Polizeischüler heran. Meine Bestellung an den jungen Mann ist schnell erledigt und keine 15 Minuten später ist der pflichterfüllte Polizeischüler zurück und freut sich über 50 Piso Trinkgeld. Der Wachmann, Mik-Mik und ich, wir freuen uns über frischen Kaffee, Zuckerschnecken und eine weitere Marlboro. Ich freue mich zusätzlich über die Tageszeitungen.

Drei Dinge braucht der Mann am Morgen, stelle ich fest: 'Frischen Kaffee, Zuckerschnecken und Marlboro. Mir reichen die ersten beiden Dinge und ziehe die Tageszeitungen den Zigaretten vor.

Für die Sekunde denke ich voller Optimismus: 'Der Tag kann kommen.'

Wenige Minuten später taucht ein gehetzter Typ am Tor des Maschendrahtzauns auf und stört unsere gemütliche Frühstücksrunde. Er erinnert mich an den Typen auf dem Human Trafficking Plakat in Ma'am Papillios Büro. Ich glaube zuerst, er sei ein Attorney, der einen seiner Klienten besucht, aber nein, er stellt sich mir mit gutem Englisch vor: "Guten Tag, Sir, Sie müssen Mr. Heger sein. Ich habe den Fernsehbericht gesehen. Die Geschichte tut mir ausgesprochen leid. Ich schreibe für internationale Organisationen und Medien. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?"

"Sie sind für internationale Organisationen tätig?", frage ich ungläubig. Mik-Mik schaut skeptisch.

"Ja, Sir, unter anderem für Organisationen, die in Sachen Menschenrechte unterwegs sind und für andere Medien." Er wirft einen Blick in die Zelle und reagiert prompt: "Oh mein Gott! Sie haben ja gar keine Toilette. Das ist ein klarer Verstoß zu den Haftbedingungen."

Ich zeige auf ein paar leere Plastikflaschen in der Zellenecke: "Das ist meine Toilette, Sir."

Angewidert verzieht der Mittvierziger das hagere Gesicht. Mik-Mik schaut weiter misstrauisch.

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt