Das Dröhnen des Motors erfüllte den Frachtraum der Junkers K-45 und ließ Boden und Wände der Maschine erzittern. Es war eine beruhigende Vibration. Langsam wich die Anspannung in Wilhelm Körber. Kaum zu fassen. Sie hatten es wirklich geschafft. Er hatte natürlich nie daran gezweifelt, dass sich seine Theorie als richtig erweisen würde. Allerdings hätte er nie im Traum daran gedacht, sie schon durch die erste Expedition nach Alaska beweisen zu können. Wenn alles gut ging, würden sie in einigen Stunden in Seward landen. Von dem kleinen Hafen war es dann noch eine weite Reise zurück nach Deutschland; doch sie würden sich endlich von dieser klirrend kalten Einöde am Ende der Welt verabschieden können. Körbers Glieder schmerzten und seine Zehen und Fingerspitzen waren immer noch taub vor Kälte. Er freute sich auf die Rückkehr in die Zivilisation. Er sehnte sich nach einem heißen Bad. Sie alle stanken erbärmlich. Ausrüstung und Kleider waren muffig und feucht und hatten den Geruch der weiter hinten im Frachtraum angeketteten Schlittenhunde angenommen. Ein weiteres unangenehmes Aroma drang in Körbers Nase aus Richtung Bug. Althen saß dort an einem der kleinen Fenster, blickte nachdenklich in die vereiste Ferne und paffte dabei genüsslich eine seiner stinkenden Zigarren. Nun, jeder beging den Triumph des Erfolges auf seine Weise. Körber öffnete die schmale, stählerne Kassette, in der er seine Kladde für Aufzeichnungen aufbewahrte und begann einen neuen Eintrag.

13. November 1936 Erfolg! Nach all den Strapazen und dem Ausfall von Eisner befinden wir uns nun auf dem Rückflug. Unsere Fracht ist wohl auf.

Er hielt inne und sah zur Kiste. Sie maß etwa eineinhalb Meter in Breite, Höhe und Tiefe und auf der ihm zugewandten Seite prangte groß der Reichsadler. Mit dem, was die Kiste in ihrem Inneren verbarg, konnte er sehr zufrieden sein. Es war nicht alles so verlaufen, wie er es sich vorgestellt hatte - aber das Ergebnis war, was zählte. Das Mädchen war wach. Ihre Haut war dunkel und ihr Haar schlohweiß. Körber schätzte ihr Alter auf zwölf Jahre. Sie lugte durch eines der schmalen Löcher, die sie ins obere Drittel der Kiste gebohrt hatten, damit ihre wertvolle Fracht nicht erstickte. Die dunklen Augen des Mädchens bedachten ihn mit einem prüfenden Blick, ohne jede Emotion. Weder Gefühl noch Verstand. Da hat das Biest was mit Althen gemeinsam, dachte er grimmig. »Und? Ist sie ruhig?« fragte Althen, der plötzlich neben ihm stand. Körber fuhr vor Schreck zusammen und versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Das zufriedene Grinsen in Althens Gesicht zeigte, dass er damit keinen Erfolg gehabt hatte. »Warum so nervös?« Aufmunternd klopfte Althen ihm auf die Schulter. »In Berlin werden sie uns als Helden feiern.« »Wir werden sehen ... Und ich bin keineswegs nervös.« Zur Bekräftigung klappte er die Kassette mitsamt der Kladde wieder zu. Althen grinste immer noch. »Nun, wenn das so ist, Professor ...« Er nahm den Stummel seiner Zigarre, steckte sie durch eines der Löcher in der Kiste und drückte die Glut auf dem Körper des Mädchens aus. Es heulte vor Schmerz auf und klang dabei fast wie ein beseeltes Wesen. Körber roch versengtes Fleisch und verzog angewidert das Gesicht. »Sind sie wahnsinnig?« schrie er und sprang auf, um den Schaden zu begutachten. »Was denn?«, verteidigte sich Althen achselzuckend. »Wenn das Biest ist, für was sie es halten, dann macht es ihr nichts aus. Sehen sie's als einen ersten, kleinen Test.« Zu seiner eigenen Überraschung hielt er Althens herausfordernden Blick stand. »Sie haben wohl immer noch nicht begriffen, was wir hier haben, Althen, nicht wahr?« Körbers Gesicht war krebsrot angelaufen. Althen warf einen Blick auf das Mädchen. »Eine verfilzte, stinkende Indianerfotze?« Seine kalten, wasserblauen Augen musterten Körber. Dabei spielte er mit etwas in seiner behandschuhten Hand. Mit einer schnellen Bewegung griff Körber danach und nahm es ihm ab. »Woher haben sie das?« fragte er. Althen deutete nur mit einem Kopfnicken zur Kiste. »Hatte es bei sich.« Körber sah ihn an. Althen schnalzte mit der Zunge »Sie trug es um den Hals.« Körber begutachtete Althens ›Fundstück‹. Es war ein steinernes Amulett, das an einem ledernen Band befestigt war. Der Stein schien nichts Besonderes zu sein. Ein geschliffener Hämatit in Form eines Sterns, dessen Eckpunkte mit feinen weißen, in den Stein geritzten Linien miteinander verbunden waren. »Warum haben Sie es ihr abgenommen?« fragte er und sah wieder in die Kiste. Das Mädchen zeigte erstmals eine menschliche Regung: Sie lächelte. Sie lächelte und hielt sich die von Althen verbrannte Stelle. »Dieses Gehänge sah mir zu ... jüdisch aus.« Körber verstand sofort, worauf Althen anspielte. Ungläubig über soviel Ignoranz schüttelte er mit dem Kopf. »Herr Gott, Althen. Das ist ein Pentagramm! Ein fünfeckiger Stern! Ein Davidstern ist sechseckig!« Glaubte dieser Idiot wirklich, dass eine nordamerikanische Indianerin ein jüdisches Symbol um den Hals trug? Wütend hielt er Althen das Amulett unter die Nase. Althen verzog keine Miene. »Ich kenne durchaus den Unterschied zwischen einem Pentagramm und einem Davidstern.« erklärte er im Plauderton. »Aber wollen Sie es wirklich darauf ankommen lassen, dass der Reichsführer den Unterschied kennt - oder schlimmer - unser geliebter Führer selbst?« Er öffnete seine Hand und wartete. Da hatte Althen natürlich Recht. Die Gefahr einer Fehlinterpretation an oberster Stelle war zu groß. Sie hatten mit dieser Operation bereits zuviel riskiert. Er musste an Eisner denken. Mit einem Seufzer gab er Althen den Talisman zurück. Dieser nahm ihn stumm und ließ ihn in seiner Brusttasche verschwinden. Plötzlich hörten sie aus der Kiste ein Wimmern. Beide Männer sahen sich kurz an, dann stürmten sie zur Kiste und sahen hinein. Das weißhaarige Mädchen lag auf dem Boden und krümmte sich vor Schmerz. Die Schlittenhunde begannen zu Bellen und zu Jaulen. Wie von Sinnen zerrten sie an ihren Ketten und schnappten hysterisch um sich. Was zum Teufel geht hier vor? dachte Körber. Doch um die Hunde konnte er sich später kümmern. »Sie kollabiert! Wir dürfen sie nicht verlieren!« schrie er und begann sich nach etwas umzusehen, um die Kiste zu öffnen. Kurz entschlossen zog er eine der Zeltstangen aus einem der verzurrten Bündel mit der Ausrüstung neben ihm und setzte sie dann als Brechstange ein, um eines der vernagelten Bretter aufzuhebeln. Er spürte, wie Althens Hand ihn grob zurück riss. »Sind Sie übergeschnappt? Denken Sie daran, was dieses Ding mit Eisner angestellt hat!« Mit einem Ruck löste sich Körber aus Althens Griff. »Da war Vollmond, Sie Idiot! Helfen Sie mir lieber, zum Teufel.« knurrte er ihn an und begann die Kiste aufzustemmen. Immer noch wand sich das weißhaarige Mädchen in größter Pein. Ihre Augen waren verdreht und schienen im schummrigen Licht des Frachtraums zu glühen. Wir verlieren sie! dachte er, während er das erste schwere Brett vom Deckel der Kiste hob. Wir waren so kurz davor. Es darf nicht so enden. Nicht so.

Das Mal - Wer hat Angst?Lies diese Geschichte KOSTENLOS!