6.01. Der Anfall

28 3 3

Tief in der Nacht im Kinderheim

Jan schläft, doch langsam dringen Dans flüsternde Stimme und die merkwürdigen Geräusche zu ihm durch.

Dan wird lauter, panischer und schüttelt jetzt heftig seinen großen Bruder: "Jan, Kuya, Bruder, wach auf!"

Jan erwacht, auch Sam, Aboy, Phil und die zwei Brüder aus der Familientragödie werden wach. Die Beleuchtung im Raum ist nur sehr spärlich. Es ist tief in der Nacht und draußen stockfinster. Alle Jungen erschrecken über die merkwürdigen Geräusche, die aus der Ecke mit den Betten der drei Straßenjungen kommen und bekommen Angst. Das Metallbett ächzt und quietscht bedenklich. Die Kinder erkennen trotz der Finsternis, dass das Nekos Bett ist. Neko wälzt sich wild auf der Matratze, die Geräusche sind animalisch. Ein anhaltendes, gepresstes helles Knurren. Sam schaltet das Licht an. Dodung, der älteste der drei Straßenjungen, kniet vor Nekos Bett und versucht Nekos verdrehte Arme vom verkrampften Körper zu lösen. Von Nekos Augen ist nur das Weiße zu sehen, das Gesicht ist zu einer Fratze verzerrt und Speichel läuft aus seinem Mund. Dan wirft sich schutzsuchend an seinen Bruder und krallt vor Furcht seine Fingernägel in Jans Rücken. Jetzt sind alle Jungen hellwach und starren entsetzt zu Neko und Dodung. So etwas haben sie noch nicht erlebt. Dodung wischt mit einem schmuddeligen T-Shirt den Schweiß aus Nekos Gesicht. In dem Moment pinkelt sich Neko ein.

"Er hat einen Anfall, das geht gleich vorbei", flüstert Dodung. Er setzt sich auf die Bettkante, zieht Neko auf seinen Schoß, streichelt liebevoll den kahlgeschorenen Kopf und schluchzt: "Alles wird gut, Neko, alles wird gut." Plötzlich laufen Dodung die Tränen über die Wangen. Er streichelt vorsichtig Nekos kurzes Haar und wischt mit dem T-Shirt neuen Schweiß von Nekos Gesicht und Hals. Auch Bernie, der dritte Straßenjunge, sitzt nun auf der Bettkante und weint leise.

Sam brüllt geistesgegenwärtig in den Flur: "Ma'am Burque!"

Jan massiert Dodungs Schulter: "Dodung, Du bist ein sehr guter Freund."

"Ich bin doch alles, was er hat", schluchzt Dodung laut.

Auch alle anderen Jungen stehen nun betroffen und verwirrt um das Bett herum. Nekos helles Knurren hört auf, sein Körper entkrampft ein wenig. Er wird klarer und blickt verwirrt zu Dodung auf.

Ma'am Burque stürmt in den Raum. Sie trägt nur ein dünnes weißes T-Shirt und eine weite Jogginghose. Ihr Haar hängt wirr um ihr schönes junges Gesicht. Sie ist barfuß: "Was ist passiert?", fragt sie panisch, schiebt den schluchzenden Bernie beiseite und misst Nekos Puls am Handgelenk.

"Epileptischer Anfall, Ma'am.", antwortet Dodung emotionslos und wischt sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.

"Kinder, geht wieder in Eure Betten", sagt Ma'am zu den verstörten Jungen. Die befolgen ohne zu murren Ma'ams Aufforderung.

"Hat er das öfters?", möchte Ma'am von Dodung wissen.

Dodung hat sich beruhigt: "Manchmal, Ma'am. Der Doktor sagt, das kommt vom Klebstoffschnüffeln."

Nekos Krampfanfall geht vorüber, er kommt zu sich und schaut verwirrt zu Ma'am Burque: "Wo bin ich, Ma'am?"

"Bei mir, Kleiner. Ist alles gut, es ist vorbei."

"Was ist vorbei, Ma'am?", stammelt Neko.

"Dodung, hilfst Du mir mal bitte? Wir bringen Neko ins Bad und dann ins Krankenzimmer. Ich muss seinen Blutdruck messen und dort bleibt er die restliche Nacht."

Sie wendet sich besorgt an Neko, der immer noch auf Dodungs Schoß liegt und Ma'am mit großen Augen anschaut: "Kleiner Mann, tut Dir was weh? Ist Dir schwindelig oder übel? Kannst Du aufstehen und selber gehen?"

Neko geht es nun sichtlich besser: "Ich habe nur ein bisschen Kopfweh und großen Durst, Ma'am."

Dodung hilft seinem Freund Neko beim Aufstehen und stützt ihn beim Hinausgehen.

Bevor Ma'am das Licht ausknipst, wendet sie sich freundlich, aber resolut an die Kinder in den Betten: "Und Ihr schlaft noch ein wenig. Neko geht's schon wieder gut. Habt keine Angst und macht Euch keine Sorgen. Seid Ihr okay?"

Phil flüstert leise: "Ma'am, ich habe ein bisschen Zahnweh."

Aboy meldet sich wie in der Schule: "Ich auch, Ma'am."

Ma'am stöhnt: "Gut, ich bringe Euch gleich Tabletten gegen Zahnweh." Zu sich selber sagt sie: "Also heute einmal zum Doktor und zweimal zum Zahnarzt. Na, Ma'am Solano wird sich freuen."

Copyright © by NOKBEW™

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt