5.05. Skypen - Zeitdruck -Geld

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Wenn ich überhaupt gerade irgendetwas in Ma'am Papillios Gesicht lesen kann, dann ist das Müdigkeit. Sie trägt stets ein nettes Lächeln. Ein Pokerface, hübsch anzusehen, mit hohen Wangenknochen, schmal und mit japanischem Einschlag. Das nachtschwarze Haar hat sie streng zurückgekämmt und zum kräftigen Zopf gebunden. Kein Wort zum Verhör der Kinder. Auch Ma'am Tolisan, die uns von Officer Sarangs Büro in Ma'am Papillios Büro begleitet hat, lässt sich nicht in die Karten blicken. Michael, Franco und ich dürfen an einem Schreibtisch Platz nehmen. Ma'am Tolisan stellt vorsichtig den Rucksack zu meinen Füßen ab.

„Ma'am Papillio, haben Sie Wi-Fi hier in Ihrem Büro, könnte ich mit meinem Laptop skypen?", frage ich, während ich das Samsung Cellphone einschalte und Franco den Laptop aus dem Rucksack zieht und aufbaut.

„Ja, natürlich haben wir hier Wi-Fi und Sie können auch Ihren Laptop nutzen, aber nur, wenn Sie mir versprechen, dort nichts zu löschen oder zu verändern", erwidert Ma'am Papillio ernst.

„Versprochen, Ma'am, ich werde nichts am Laptop ändern."

„Richten Sie das Wi-Fi ein, ich gebe Ihnen dann das Passwort, Mr. Heger."

Das Samsung B2100 summt ständig. Beim Überprüfen der vielen SMS frage ich betont beiläufig: „Ma'am, sind die Verhöre beendet, dürfen die fünf Kinder bald heim?"

Michael nickt vorsichtig: „Die Kinder wollen zurück zu uns."

Ma'am Papillio streicht sich eine Strähne aus der Stirn: „Grundsätzlich sind wir mit den Verhören der Kinder fertig. Wann die Kinder nun zurück zu den Eltern dürfen, das muss der Staatsanwalt entscheiden. Der entscheidet auch, wie es mit Ihnen weitergeht, Mr. Heger."

„Danke, Ma'am! Wann werde ich entlassen?", erwidere ich rasch und ergänze: "Meine Familie will das wissen!"

„Der Staatsanwalt, Mr. Heger, der hat die Entscheidungsgewalt."

Ma'am Tolisan steht mit missmutiger Miene im Rahmen der Kammertür. Wahrscheinlich missbilligt sie das Thema. Dazu stelle ich auch keine weiteren Fragen, denn ich habe 63 neue SMS. Einige von Marie, meiner Lebenspartnerin, von Sabine, meiner Schwester, von meiner Mutter und SMS von den anderen Geschwistern. Meine Familie wundert sich natürlich, warum ich mich gestern nicht gemeldet habe. Dann sind dort viele SMS mit philippinischen Nummern. Sogar eine von Frank ist darunter. Parallel zum Einrichten des Wi-Fi-Netzwerkes im Laptop, öffne ich Franks SMS, denn die erweckt meine Neugier:

„Hi, habe Wolfgang gespr. der hilft beim Geldtransfer. Dann lass dich von Atty. Padernesto beraten. Der ist ok. Gr. Frank"

‚Ist der Frank also doch nicht ganz nutzlos', überlege ich, während ich ein kurzes „Okay, danke" als Antwort sende.

Die anderen 62 SMS werde ich später checken, denn der Laptop ist bereit: „Ma'am, ich benötige das Passwort und vielen Dank, dass ich Ihr Wi-Fi nutzen darf."

„Keine Ursache", flüstert Ma'am Papillio, während sie, über den Laptop gebeugt, das Passwort eintippt. Michael, Franco und ich bemerken den angenehmen würzigen Duft von Efficascent Oil, der Ma'am umgibt. Verstohlen grinsen wir uns an.

Es dauert nur Sekunden, dann steht die Skype-Verbindung. Wir sehen meine Schwester Sabine vor dem Computer im Chefsessel meines Vaters sitzen. Meine Mutter sitzt leicht versetzt hinter Sabine. Weitere Personen sind nicht zu sehen. Michael, Franco und ich winken und Sabine und meine Mutter winken zurück. Nach einem Knacken hören wir Sabines „Guten Morgen, Tommy!" Auch meine Mutter und mein Vater, der nicht im Bild ist, rufen: „Guten Morgen!"

„Sabine, Mutter, hier sitzen noch der Franco und der Michael."

Ich zeige auf meine Freunde und die winken begeistert. Verstehen können Michael und Franco aber nichts, denn wir reden Deutsch. Dennoch freuen sich Michael und Franco ausgelassen, wie fröhliche Kinder.

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt