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 Herr Salzberg setzte Esther kurz nach zwölf Uhr vor dem Portal des Turms ab und winkte ihr durch das Seitenfenster. Er hatte ein gütiges, pausbackiges Lächeln. Sein eingedrückter Hut saß nun wieder fest auf seinem Kopf und brachte Esther zum Schmunzeln. Sie sah dem klapprigen Wagen mit den vielen Roststellen noch eine Weile nach, als er den Schotterweg wieder hinunterfuhr und schließlich in der angrenzenden Siedlung verschwand.

Der Wind war hier oben auf dem Hügel deutlich stärker zu spüren und pfiff um den Turm. Esther stieg die Stufen des Portals empor. Dabei musste sie sich gegen die starken Böen stemmen, bis sie schließlich den Eingang erreichte. Der Wind zog so heftig an ihr, dass sie das Summen des Handys in ihrer Manteltasche nicht spürte.

Nach Eingabe der Zahlenkombination am Sicherheitsschloss öffneten zwei starke Servomotoren mit einem lauten Surren die Flügeltüren und schlossen sie auch wieder automatisch, nachdem Esther hindurchgeschritten war. Die Tore schnappten laut in das Schloss, dann war es gespenstisch leise.

Esther hängte ihren Mantel an die Garderobe am Fuß der Treppe und vergaß das Handy in der Tasche, auf dem soeben eine zweite SMS von Ephraim ankam.

Ihre Schuhe klackten auf dem Steinboden, bis sie im dritten Stockwerk unter dem Dach ankam. Eine massive, helle Holztür mit edel geschwungenem Beschlag markierte den Übergang zum luxuriös ausgestatteten Wohnbereich des Turms, in dem sich Kirschholzparkett, Messingleuchter, handgemalte Aquarelle und altenglische Möbel abhoben vom nüchternen, kalten Treppenhaus, das seit der Entstehung des Turms wohl nicht verändert worden war. In dieser Ebene gab es zwei großzügige Schlafzimmer, ein Badezimmer und Ephraims Arbeitsraum, die alle durch einen schmalen Gang miteinander verbunden waren. Von hier aus führte eine schmale Wendeltreppe direkt in den ausgebauten Dachstuhl, der so hoch war, dass er zusätzlich eine Galerie enthielt, die man über eine schmale, gewundene Holztreppe erreichte. Stand man erst einmal auf der Galerie, konnte man den gesamten Dachstuhl überblicken.

Kaum hatte Esther das Dachgeschoss betreten, störte ein lauter Signalton die Ruhe des Turms. Gleichzeitig begann die rote Warnleuchte über dem freistehenden Küchenblock grell zu blinken. Freudig, dass Ephraim heimgekehrt war, aktivierte Esther das Touchpad an der Wand neben der Wendeltreppe.

Gerade als sie den Türöffner betätigen wollte, stellte sie überrascht fest, dass nicht Ephraim am Portal stand, sondern ein schmächtiger Junge mit einer braunen Schirmmütze, der mit verweintem Gesicht in die Kamera über ihm blickte.

Esther war verunsichert. Sie berührte den Touchscreen, der ihr verschiedene Antwortmöglichkeiten anbot. Sie wählte: Guten Tag, was kann ich für Sie tun?

Eine mechanische Stimme ertönte am Eingang und stellte die Frage. Der schmächtige Junge wischte sich die Tränen aus den Augen.

»Ich hatte einen Fahrradunfall, und der Akku von meinem Handy ist leer ... und ... ich muss meine Eltern anrufen ... und ... ich wollte fragen, ob ich bei Ihnen ..., also, ob ich meine Eltern anrufen kann?«

Die Antwort des Jungen wurde durch die Spracherkennung als Text auf dem Touchscreen wiedergegeben, allerdings unvollständig und daher für Esther nur schwer verständlich. Sie wählte erneut eine vorgegebene Frage aus.

Bitte sprechen Sie langsamer und wiederholen Sie Ihr Anliegen. Wieder ertönte die mechanische Stimme am Eingang. Der Junge schluckte und versuchte nun, sehr langsam und deutlich zu sprechen.

»Ich hatte einen Unfall, ich muss telefonieren, ich mache auch nichts dreckig.«

Diesmal übertrug die Spracherkennung die Worte korrekt. Esther war unschlüssig, was sie nun tun sollte.

Ephraim hatte ihr immer wieder eingebläut, keine fremden Menschen in den Turm zu lassen, wenn er nicht anwesend war. Aber das hier war doch nur ein harmloser Junge, der sich verletzt hatte und ihre Hilfe brauchte. Sie schaltete am Touchscreen auf Multiview. Der Bildschirm unterteilte sich in vier Kameraperspektiven, die nun die Umgebung rund um den Turm zeigten. Es war weit und breit kein Mensch zu sehen.

Esther war so darauf konzentriert, das Richtige zu tun, dass sie den Anruf ignorierte, der über die Festnetzleitung des Hauses ankam. Schließlich betätigte sie die Sensortaste. Die schweren Flügeltüren am Portal öffneten sich.

TURMSCHATTEN (WattyWinner 2019)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt