Sturm

12 0 0
                                    

Sie fielen Sprichwörtlich mit der Tür ins Haus. Gefolgt von einem Schwall Wasser, der den schmalen Flur für einige Sekunden in einen Wildwasserkanal verwandelte, bevor er über die Treppen im Keller verschwand. Ein lauter, quietschender Schrei erklang, gefolgt von einen Fauchen und hohen Quiken. Eine Rot getigerte Katze kam die Treppe hinauf gestürzt, gefolgt von einer, niedergeschlagen wirkenden Maus. Der Oktopus, der ihnen die Tür geöffnet hatte, lag in der Mitte des Flurs auf dem Boden und versuchte seine Gliedmaßen zu entwirren, während Tim und Frederic sich gemeinsam gegen die Tür stemmten, um sie trotz des wütenden Winds, der ihnen entgegen schlug, zu schließen. Der Sturm im Flur verebbte. Etwas schlug von außen gegen die Tür, irgendwo klirrte ein Fenster. Dann war außer dem toben des Sturms nichts zu hören. Der Oktopus hatte es inzwischen Geschafft seine Tentakel wieder zu ordnen und stand auf vier seiner acht Armen, schien jedoch noch etwas wackelig. "Sorry, dass wir so hereinplatzen..." setzte Frederic an, doch ein Arm des Tintenfischs winkte ab. "Für dich und deine Freunde haben wir immer Platz, vor allem bei so einem Wetter." Die Katze und die Maus hatten den Flur durchquert und waren durch eine Tür auf der rechten Seite verschwunden, wobei sie eine nasse Spur auf dem Boden hinterlassen hatten. Der Oktopus hieß Norman. Norman Swarz. Er führte sie in eine kleine Küche im hinteren Teil des Hauses. Tamara nach interessiert die Details der Umgebung unter die Lupe. Es war zwar kein Chaos, im Gegenteil, war die Wohnung sogar sehr sauber, doch lagen ein Haufen interessanter Gegenstände herum. Sie schätzte, dass hier mindestens acht, vielleicht auch neun Personen wohnten. An einer schmalen Theke saß Kollins. Die Hyäne starrte sie mit trübem, abwesend wirkenden Blick an. Frederic schien es nicht aufzufallen, oder es störte ihn schlicht nicht, denn er setzte sich zu ihm und griff sich eine Flasche Cola, die auf dem Tisch stand. "Und? Wie kommst du zurecht?" Kollins stieß ein undeutliches, gurgelndes Knurren aus. Frederic klopfte ihm auf die Schulter, woraufhin die Hyäne vorne über kippte, mit dem Gesicht unsanft auf dem Tisch aufschlug und liegen blieb.

Das Haus hatte zwei Stockwerke und einen kleinen Keller. "Was ist das hier?" Im Obergeschoss gab es mehrere Schlafzimmer, an einigen Türen hingen sogar Namensschilder. "Einige nennen es Safehouse, andere Safehaven..." begann Norman eine epische Ansprache, doch Frederic unterbrach ihn. "...offene WG und Anlaufstelle für die Leute, denen die das Leben auf den Boden geschmettert hat, oder die es einfach richtig verkackt haben... Apropo, ist Cathlyn eigentlich noch da?" Avis beäugte Misstrauisch die Hyäne, die begonnen hatte leise zu schnarchen. Kollins Fell war in der Vergangenheit nicht sonderlich Ordentlich gewesen, doch nun klebte es Regelrecht. "Habe sie schon seit zwei Monaten nicht mehr Gesehen. Glaub sie ist gerade nicht in der Stadt." "Ok." Frederic wirkte etwas niedergeschlagen. "Wenn sie mal wieder auftauchen sollte, kannst du ihr ausrichten, dass sie sich melden soll?" "Klar. Kein Problem." Kollins schlief tief und fest. Am Handgelenk der Hyäne war ein ganzer Büschel ausgerissen worden. Die darunter liegende Haut war vernarbt und wies eine längere Naht auf, doch bevor Avis einen genauer Blick darauf werfen konnte, packte Frederic den schlafenden Kollins und trug ihn aus dem Raum. Norman stapfte durch die Küche, zog mit dem einen Arm einen Wischmopp, mit einem anderen einen Eimer und mit noch einem eine Lumpen und verließ die Küche.

Nachdem Frederic die Hyäne in eines der Schlafzimmer getragen hatte, kehrte er in den kleinen Raum im Erdgeschoss zurück. Der Sturm rüttelte noch immer an den Rolläden vor den Fenstern und immer wieder schlugen kleinere Gegenstände von außen gegen die Plastik Lamellen. Mit einem lauten Knall schlug in der Nähe ein Blitz ein. Das Licht flackerte etwas und erlosch schlussendlich. Dunkelheit legte sich über den Bezirk der Stadt. In der kleinen Küche konnte man nicht mal die Hand, alternativ auch Flügel oder Tentakel vor Augen sehen. Es gab ein leises schleifendes Geräusch. Im oberen Stockwerk gab es einen Schlag und jemand stieß ein Fluchen aus. Etwas klapperte neben Avis und jemand schob sich an ihm vorbei. Harte, raue Schuppen strichen über seinen Arm. Eine Schranktür klapperte und einige Sekunden später flogen rot glühende Funken durch die Luft. Ein kleines Flämmchen leuchtete auf, das schnell größer wurde und flackernd Licht auf die Umgebung warf und auch Frederics breit grinsendes Gesicht erhellte. Er hielt die Kerze nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht und starrte einige Sekunde fasziniert auf die kleine tänzelnde Flamme, bevor er sie auf der Küchentheke abstellte. "Du kannst es endlich?" fragte Norman, der in der Tür aufgetaucht war. "Jap! Ich kann es!" antwortete der Drache freudig. Bald erhellten gut ein dutzend flackernde Kerzen den kleinen Raum. Norman schielte immer wieder Misstrauisch zum Feuermelder, der jedoch stumm blieb. Etwas später saßen nur noch Frederic und Avis in der Küche der WG. Sie schwiegen sich einige Minuten an, bevor der Blauhäher die Stille durchbrach. "Selbsthilfegruppe? Leute die am Boden angekommen sind?" Frederic zögerte etwas, die Sache war ihm sichtlich unangenehm. "Ich hab dir doch erzählt, dass ich eine Streit mit meinen Eltern hatte... und dieser..." er machte eine kurze Pause und suchte die passenden Worte "... etwas eskaliert ist." "Du hast erzählt du hättest ihm den Kiefer gebrochen." "...ehm Ja. Und das stimmt auch..." "Und du bist danach weg gerannt." "Ja!" Es gab einen Knall, als er mit der Faust auf den Tisch schlug. Avis zuckte zusammen. "Sorry! Es ist... ich dachte ich habe mit all dem abgeschlossen, irgendwie, dich wieder zu treffen, hat das alles irgendwie wieder hoch geholt." Frederics Stimme war jetzt kaum mehr als ein Flüstern. "Tut mir leid..." Von dem sorgenlosen, lockeren Drachen, der gern Witze machte, war nichts übrig geblieben. "Muss es nicht..." "... und morgen könnten wir zum Hafen gehen. Ich kenn da..." Die Maus betrat die Küche, gefolgt von der getigerten Katze, die schüchtern die Schultern angezogen hatte. Ihr Blick fiel auf Avis und den auf die Tischplatte starrenden Frederic und veranlasste sie dazu, auf der Stelle stehen zu bleiben, wodurch die Katze gegen sie stolperte. Die Maus nickte Avis zu und schob die verwirrt wirkende getigerte Katze wieder aus dem Raum.

Crossing PathsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt