5. Wahrheitssuche

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Die Vorlesung hatte sich erledigt.

Melissa fasste Julie am Arm und führte sie aus dem Gebäude. Frische Luft wehte heran, der Geruch des nahen Laubs erinnerte Julie an daheim. Einige Studenten waren unterwegs, warfen ihr einen interessierten Blick zu, gingen aber weiter. Vermutlich hatten sie das YouTube-Video gesehen, als es noch online gewesen war.

»Dein Puls rast«, stellte Melissa fest, die Finger an Julies Handgelenk gelegt.

Ihr Körper schien unter Strom zu stehen, ihr Hals pochte. Dazu kam die Übelkeit und diese verdammten Blitze zuckten vor ihren Augen. Es wurde nur langsam besser.

»Was ist los?«

»Ich bin wohl noch geschwächt. Doktor Zimmermann hat mich davor gewarnt.« Sie konnte ihr einfach nicht ganze Wahrheit sagen.

»Wir beide. Freundschaftstalk.« Damit hakte Melissa sich sanft unter und zog Julie mit sich.

Sie verließen den belebteren Teil des Campus' und begaben sich in den Sportbereich. Die Footballer trainierten auf dem Feld, die Bänke waren größtenteils leer. Nur vereinzelt saßen Studenten dort und beobachteten die Spieler. Hier war man ungestört, konnte seinen Gedanken nachhängen und bekam obendrein einen schönen Anblick geboten.

»Gibt es etwas, das du mir sagen willst?«, fragte Melissa, nachdem sie in der obersten Reihe Platz genommen hatten.

»Was meinst du?«

»Ich weiß nicht, nenne es ein Gefühl, aber du bist komisch. Und vorhin hast du total schuldbewusst dreingeschaut.«

Julie winkte ab. »Ich bin nur müde.« Und vermutlich ziemlich krank.

Sie wusste selbst nicht genau, weshalb sie es Melissa nicht sagen konnte. Es war wie eine Blockade. Sobald sie versuchte, die Worte auszusprechen, spürte sie diese Enge in der Brust, die nicht weichen wollte. Sich überhaupt damit zu beschäftigen, verschlang Kraft. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf, sobald sie an Doktor Zimmerman und die Blutwerte dachte. Natürlich konnte sie im Internet nachschauen, was solche Werte bedeuteten, aber damit hatte sie keine guten Erfahrungen gemacht.

Vor einigen Jahren hatte ihre Mum ein dunkles Mal auf Joshs Hals entdeckt. Eine kurze Internetsuche später und die Hysterie war groß, handelte es sich doch ganz eindeutig um eine seltene Form von Hautkrebs. Da Wochenende war, hatte ihr Mum sie alle ins Auto verfrachtet und auf direktem Weg die Notaufnahme aufgesucht. Ihre ›beruhigenden‹ Worte hatten dafür gesorgt, dass absolut jedes Familienmitglied mit Joshs nahem Tod rechnete, sogar ihr sonst stets gelassener Dad. Nach einer mehrstündigen Wartezeit kamen die erlösenden Worte: Es handelte sich um eine simple Pigmentstörung, die durch zu viel Sonnenbaden verursacht worden war. Josh hatte aufgeatmet, ihre Mum war in Tränen ausgebrochen und Dad war den Rest des Tages grummelig durchs Haus geschlichen, seiner Frau böse Blicke zuwerfend.

»Ich bin nur geschwächt«, wiederholte Julie.

»Das wäre dann ein guter Grund, in den nächsten Tagen daheim zu bleiben.«

»Ich kann -«

»Doch«, unterbrach Melissa sie, »du kannst! Jules, das geht so nicht. Ich verspreche dir, jede Vorlesung mitzuschreiben, und Cullen geht für dich einkaufen. Bestimmt. Und das macht er gerne.«

Julie musste kichern, wenn sie an Cullens mürrisches Gesicht dachte. »Okay, ich bleibe diese Woche daheim. Aber ab nächster sitze ich wieder in jeder Vorlesung.«

Das Wintersemester war sowieso viel zu kurz. Die Kurse hatte noch nicht mal richtig angefangen, da zeichneten sich bereits die Weihnachtsferien ab. Und dann der Jahreswechsel, gefolgt von den Klausuren. Ihr wurde ganz übel, wenn sie sich die kratzenden Bleistifte auf Papier vorstellte oder das Klacken von Tastaturen in einem stillen Klausursaal.

Love Crash - Der Traum vom (Neu)BeginnWo Geschichten leben. Entdecke jetzt